Zuhause in der Karlsruher Weststadt: Vor einem Jahr besuchte Gesundheitsminister Jens Spahn Sandra Schlensog in ihrer Wohnung. | Foto: jodo

Einstige Hartz-IV-Rebellin

Spahn-Kritikerin kandidiert für Karlsruher Gemeinderat

Anzeige

Kameras mag sie immer noch nicht. Noch heute, rund ein Jahr nachdem Sandra Schlensog praktisch über Nacht in der Öffentlichkeit stand, macht sie das Knipsen der Fotografen nervös. Auch wenn es unzählige Fotoapparate und Fernsehkameras waren, die in den vergangenen zwölf Monaten das Bild der zierlichen Karlsruherin einfingen – daran gewöhnt hat sie sich nie. „Hartz-IV-Rebellin“ wurde sie von den Medien genannt, nachdem sie in einer Online-Petition Bundesgesundheitsminister Jens Spahn aufgefordert hatte, doch selbst einmal von Hartz IV zu leben.

Kuchen mit dem Gesundheitsminister

Über 200 000 Menschen unterzeichneten im vergangenen Frühjahr die Petition, und Sandra Schlensog wurde so etwas wie eine Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Der CDU-Politiker besuchte sie daraufhin zu Hause, aß mit ihr medienwirksam Kuchen, hörte sich ihre Geschichte an. Und Schlensog erzählte diese, immer wieder, Zeitungsreportern und Fernsehjournalisten.

Jetzt gehe ich dahin, wo’s wehtut

An einem sonnigen Februarnachmittag sitzt Sandra Schlensog auf dem Gutenbergplatz. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein aufgeschlagener Terminkalender. „Meine Geschichte ist vorbei“, sagt die 41-Jährige. „Jetzt gehe ich dahin, wo’s wehtut.“ Das bedeutet: in die Politik. Die Weststädterin will für die Linke bei der Kommunalwahl am 26. Mai in den Gemeinderat einziehen, sie steht auf Listenplatz 9. „In der Politik kann ich am ehesten etwas ändern“, sagt Schlensog. Ihr Thema ist noch dasselbe wie vor einem Jahr: Armut. Und dabei geht es ihr nicht nur um Hartz-IV-Empfänger. „Rentner, Pflegekräfte, Geflüchtete“, zählt sie auf. „Es gibt so viele Menschen, die von Armut betroffen sind.“ Hier möchte sie gerne etwas bewegen.

Ihre neue Rolle gefällt ihr

Dass sie etwas erreichen kann, hat ihr die mediale Aufmerksamkeit im vergangenen Jahr gezeigt. Auch wenn sich in der Sache vielleicht nichts geändert hat, so sei es ihr doch gelungen, andere Menschen zu motivieren. „Viele sagen: ,Du hast mir Mut gemacht, selbst etwas zu verändern‘“, sagt Schlensog. Das macht sie froh, in dieser Rolle gefällt sie sich. Als Anwältin der Schwachen.

Politische Aktivistin

Als Hartz-IV-Rebellin sieht sie sich heute nicht mehr, eher als politische Aktivistin. Als ziemlich umtriebige politische Aktivistin: Neben Wahlkampfterminen steht noch eine ganze Reihe anderer Aktivitäten in ihrem Kalender. Sie hat einen Zwei-Euro-Job im Verein Initial, engagiert sich dort unter anderem in Integrationskursen. Und sie arbeitet nebenher an dem sozialen Projekt „Eine Sorge weniger“, das sich um Menschen kümmert, die akut in Not geraten sind. „Wir wollen daraus eine Stiftung machen“, sagt sie selbstbewusst.

Schlensog ist nach wie vor auf Jobsuche

So engagiert Schlensog auch ist – eines hat in den vergangenen zwölf Monaten nicht geklappt. Sie sucht immer noch nach einem Job. 100 Bewerbungen für eine Stelle als Bürokauffrau hat sie im vergangenen Jahr rausgeschickt – und wurde nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. „Als Alleinerziehende ist man für die meisten Arbeitgeber einfach nicht interessant“, glaubt die Mutter eines elfjährigen Sohnes. Sie hofft, vielleicht über Initial „irgendwo reinzurutschen“. Etwas Soziales könnte sie sich gut vorstellen.

Seitdem sie sich politisch engagiert, werden immer wieder auch kritische Stimmen laut. Sandra Schlensog versucht, sich abzugrenzen, das nicht an sich heranzulassen. „Vor einem Jahr hätte mich das noch sehr getroffen“, sagt die 41-Jährige. „Heute lese ich das oft gar nicht mehr.“

Ich möchte ankommen – und dabei die Person bleiben, die ich bin

Was wünscht sie sich für die Zukunft? Vor einem Jahr antwortete sie auf diese Frage: „Gerechtigkeit.“ Heute sagt sie: „Ich möchte ankommen – und dabei die Person bleiben, die ich bin.“ Eine, die den Schwachen hilft. Um ihre Ziele zu erreichen, wird sie sich auch wieder vor eine Kamera stellen – auch, wenn sie das eigentlich nicht mag.