Gibt beim Sport in Karlsruhe die Richtung mit vor: Bürgermeister Martin Lenz. | Foto: GES

Hallennot und Spitzensport

Sportbürgermeister Lenz über Karlsruher: „Wir haben eine ‚zu‘ sportliche Bevölkerung

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Soziales und Sport – das sind seit jeher die Steckenpferde von Martin Lenz. Dass er seit 2009 das Dezernat für Sport und Soziales der Stadt Karlsruhe leitet, ist da nur logisch. In seiner Amtszeit hat der SPD-Mann die Sportförderung konsequent reformiert und setzt dabei auf klare Richtlinien.

Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Gerhard Wolff betont Lenz die Bedeutung einer kommunalen Spitzensport-Förderung und erläutert, warum das im Hinblick auf den Breitensport kein Spagat sein muss.

Wenn sich der Sportbürgermeister drei Dinge für das Sportjahr 2020 wünschen dürfte, was wäre das?

Martin Lenz: Dass die Haushaltsplanungen in diesem Jahr pro Sport ausfallen. Zweitens, dass die PSK Lions und der Karlsruher SC die Klasse halten und zweitklassig bleiben. Und das Dritte…

… Stichwort: Tokio?

Lenz (lacht): Olympia, das hätte ich jetzt glatt vergessen. Natürlich: Dass wir einen Olympia-Teilnehmer oder eine Teilnehmerin aus Karlsruhe mit in Tokio haben. Wenn es mehr sind – gerne.

Der Ruf von Olympia hat in der Vergangenheit schwer gelitten. Welchen Wert hat es für eine Stadt, wenn aus ihr Athleten beim Ringe-Spektakel mit dabei sind?

Olympia ist für mich der Inbegriff der Werte, für die der Sport steht, trotz allem – von Doping bis Kommerzialisierung. Der Wert bemisst sich auch darin, dass Olympia-Starter jenseits des Profisports Vorbilder sind – und das ist es, was in den Vereinen zählt. Und in der Außenwirkung für die Stadt gilt das in gleichem Maß. Wie ja auch Bundesliga-Vereine Strahlkraft haben.

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Was kann denn eine Stadt tun, um Olympia-Chancen für seine Sportler zu erhöhen oder zu schaffen?

Sie kann die nötigen Rahmenbedingungen schaffen. Bei uns machen wird das mit dem bundesweit einmaligen Konzept der kommunalen Leistungssport-Förderung. Deren erste Funktion ist es, dass die Sportpolitik ihre Sportlerinnen und Sportler von Beginn an auf dem Weg nach oben, zum Beispiel zu Olympia, begleitet – und nicht erst, wenn eine Medaille geholt wird und man auf dem Rathaus-Balkon steht.

Hinter jedem potenziellen Olympia-Teilnehmer stehen ein Verein, die Trainer und die Eltern. In diese Komponenten muss investiert werden…

Der Schlüssel ist die Konzentration auf die Spitze

… was in Karlsruhe unter anderem durch eine gesonderte Leistungssport-Konzeption getan wird, oder?

Der Schlüssel ist die Konzentration auf die Spitze. Der Satz von der Breite zur Spitze gilt meines Erachtens nur bedingt. Leistungsorientierte Vereine müssen sehr früh spitzensportmäßig denken.

Der Grundgedanke ist also, Spitzensportförderung nicht mit der Gießkanne zu verteilen?

Die Gefahr ist groß, dass am Schluss ein gewisser Lobbyismus der Stadträte entscheidet. Bei uns ist das schon lange anders. Mein Vorgänger Harald Denecken und Andreas Ramin (Sportkreis-Vorsitzender, d. Red.) haben das in die Wege geleitet. Wichtigstes Gremium ist der Sportkreis, der jedes Jahr entsprechende Gespräche führt.

Die Adressaten müssen klare Bedingungen erfüllen was zum Beispiel Nachwuchsarbeit angeht. Auch müssen Kräfte an einem Standort gebündelt werden. Beispiel: So lange im Basketball alle Clubs ihr eigenes Nachwuchs-Ding machen, gibt es auch keine Spitzensport-Förderung, mit der ja insbesondere Trainerstellen finanziert werden können.

Klassische Adressaten sind die Kunstturn Region, die Leichtathletik- und die Schwimm-Region …

Lenz: … und die Rheinbrüder als Bundesstützpunkt, aber auch der Budo-Club und ganz neu Tischtennis mit dem ASV Grünwettersbach. Die Volleyballer des SSC mit der neu gegründeten Volleyball-Region klopfen ebenfalls an die Tür. Ein weiterer Baustein ist zudem die gesonderte Förderung für Erst- und Zweitligisten, die der Gemeinderat im vorigen Jahr beschlossen hat.

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Erfolg ist also planbar?

Nur im gewissen Maße, das ist klar. Aber: Wir gehen aus gutem Grund planvoll und scheinbar technokratisch vor. Wir decken viele Sportarten ab, fokussieren uns nicht auf wenige. Wir haben Tischtennis-Bundesliga ebenso wie erstklassige Gewichtheber, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Tischtennis erlebt durch Grünwettersbach einen Aufschwung, die LGR hat eine starke Entwicklung genommen.

Daran hat also die Stadt auch ihren Anteil?

Insgesamt kann man sagen, dass die auch schon von meinen Vorgängern gestreute Saat in den vergangenen Jahren immer mehr aufgeht. Dazu kommt eine Sportentwicklungs-Planung, die wir so richtig konsequent erst in den jüngsten fünf Jahren aufgestellt haben.

Seit 2019 gelten die neuen Richtlinien. Was hat sich geändert?

Die wurden komplett reformiert, zudem der Investitionsrahmen deutlich erhöht. Ein Beispiel, wie sehr wir ins Detail gegangen sind: Wir haben von Quadratmeter- auf Kubikmeterförderung umgestellt. Was eigentlich sofort einleuchtet. Die Heizkosten sind bei einer höheren Halle höher.

Die Basis für alles sind immer die Vereine

Bei den Sportförderungs-Richtlinien geht es aber erst einmal um den Breitensport?

Ja. Um eine gerechte Grundförderung, die alle Vereine bekommen. Der Plan deckt auch integrative Aspekte ab. Die Basis für alles sind immer die Vereine. Deswegen war wichtig, dass für alle die Basisförderung eine Etage höher gefahren wurde. Diese Sportförderungsrichtlinien sind aber auch in der Innenwirkung von Bedeutung: Das Kommunalparlament hat etwas in der Hand. Der Sport hat damit auch nicht mehr die Beliebigkeit wie vielleicht noch vor 20 Jahren. Er ist ein harter Standortfaktor.

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Wir haben nicht zu wenig Hallen. Wir haben eine „zu“ sportliche Bevölkerung

Der Standort litt und leidet aber unter einer Hallen-Misere. Vor lauter Förderung von Vereinen hatte man die Infrastruktur wohl aus den Augen verloren, oder?

Das wir jetzt die Hallen-Not beenden, die durch die Schließung der Europahalle ja so richtig offen zu Tage trat, ist kein Zufall. Und da bin ich auch verhalten stolz darauf, dass es gelungen ist, insgesamt vier neue Dreifeldhallen an den Start zu bringen.

Wobei eines oft falsch dargestellt wird: Wir haben nicht zu wenig Hallen. Wir haben eine „zu“ sportliche Bevölkerung. Im Vergleich zu Mannheim etwa haben wir mehr Quadratmeter Hallenfläche pro Einwohner.

Sanierungsfall: Die Karlsruher Europahalle an der Günther-Klotz-Anlage. | Foto: GES

Warum wird in Heidelberg eine Halle in Systembauweise errichtet, die unter drei Millionen Euro kosten soll. Und in Dresden eine Multifunktionshalle für 15 Millionen Euro – und in Karlsruhe kostet eine kleine Halle für gerade mal 1.500 Zuschauer schon mehr als 20 Millionen Euro?

Das kann ich ihnen nicht sagen. Da ist das Baudezernat gefragt.

Sie verfolgen seit Jahren auch die Idee einer Sportregion, wie es sie zum Beispiel auch in der Metropolregion Rhein-Neckar gibt. Was ist der Gedanke dahinter?

Der Gedanke ist, die Kräfte zu bündeln, um auch ein gemeinsames Marketing auf den Weg zu bringen. Dass ist eine Plattform, auf der sich der Sport der Stadt und der Region, also des Landkreises, präsentieren kann und präsentiert wird. Beispiel „Sportler des Jahres“: Da sind wir ja total beschränkt, weil wir nicht über die Stadtgrenze hinaus können. Das ist ein bisschen von gestern.

Als Stadt wollen wir auch die zunehmende Bewegungsarmut bekämpfen

Gibt es einen Zeitplan?

In den nächsten drei Jahren sollte das umgesetzt werden. Angesiedelt werden könnte die Sportregion bei der städtischen Event GmbH, die wären sicher die richtige Zugmaschine.

Wo sehen Sie die Sportstadt Karlsruhe am Ende des neuen Jahrzehnts?

Volleyballer und Basketballer spielen Erste Liga. Der KSC auch, das neue Stadion muss sich ja rentieren. Zweitens: Wohnortnah ist Sport in noch wesentlich mehr Facetten möglich als heute. Als Stadt wollen wir auch die zunehmende Bewegungsarmut bekämpfen.

Nehmen Sie die wachsende Calisthenics-Szene: Heute haben wir eine Anlage, 2030 werden wir zehn haben, mindestens. Warum auch nicht? Wir haben Spielplätze für Kinder. Aber nichts Vergleichbares für junge Erwachsene.