Das Klinikum ist eine Großbaustelle
DAS KLINIKUM ist eine Baustelle. Stadt und Land investieren in die Zukunft der Maximalversorgung, in der Nachbarschaft die Helios-Klinik für Herzchirurgie (das linke helle Gebäude an der Franz-Lust-Straße mit Baumreihen oberhalb des Klinikums). | Foto: Sandbiller

Helios verhandelt mit Klinikum

„Kooperation ja, Übernahme nein“

Liegt die Zukunft des Städtischen Klinikums Karlsruhe auf der Sonnenseite der Medizinwirtschaft? Auf jeden Fall hat der nach dem griechischen Sonnengott benannte Privatklinikkonzern Helios sein Auge auf das größte Krankenhaus der Technologieregion mit dem Anspruch der Maximalversorgung geworfen.

Liebend gerne will auch das Städtische Klinikum mit seiner Nachbarin, der Helios-Klinik für Herzchirurgie, enger kooperieren, bestätigt Bürgermeister Klaus Stapf.

Entsprechende Gespräche seien geführt und dabei besonders ein Brückenschlag über die Franz-Lust-Straße ins Auge gefasst. Jeden Gedanken seitens der Stadt an eine Übernahme des Klinikums durch Helios weist der Aufsichtsratsvorsitzende der Klinikum gGmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Stadt, aber entschieden zurück.

BNN-Informationen: Helios möchte Klinikum übernehmen

„Das steht überhaupt nicht zur Diskussion“, betont der Klinikumsdezernent. Er könne sich zwar vorstellen, dass Helios das Klinikum gern bekommen würde, die Stadt sei aber dazu noch nicht einmal gesprächsbereit. Dabei möchte nach BNN-Informationen Deutschlands größter Krankenhauskonzern, der allein in der Republik 112 Kliniken hat, das seit 1907 in Regie der Stadt geführte Klinikum am liebsten irgendwann ganz übernehmen.

Die Helios-Klinik für Herzchirurgie steht neben dem Städtischen Klinikum.
Durch die Übernahme der Klinik für Herzchirurgie an der Franz-Lust-Straße vor drei Jahren hat die durch Übernahmen schnell wachsende Helios GmbH ein Standbein in Karlsruhe, direkt beim Klinikum. | Foto: jodo

Stapf bestätigt gegenüber den BNN, dass sich die Klinikum-Geschäftsleitung jüngst in Berlin, dem Sitz der Helios-Gruppe, zu intensiven Gesprächen getroffen hat. Dort ging es zunächst um ein Kooperationsabkommen.

Straßenbrücke für Herzpatienten

Zur Intensivierung der Zusammenarbeit der Karlsruher Helios Herzklinik an der Franz-Lust-Straße mit dem über der Straße liegenden Städtischen Klinikum, das sich gerade in einem von Land und Stadt finanzierten einige hundert Millionen Euro teuren Ausbau- und Sanierungsprogramm befindet. Auch laut Stapf hat man bereits einen Brückenschlag als „konkrete Absicht“ vereinbart.

Per „Skywalk“ sollen bald Ärzte und Patienten über die Franz-Lust-Straße und die Gleise der Stadtbahnlinie 1/11 zwischen der Helios-Herzchirurgie und der Kardiologie des städtischen Klinikums pendeln. Die Herzklinik hat 89 Betten, fünf OP-Säle und 2 900 Operationen im Jahr.

Nähe und Distanz

Nach BNN-Informationen wünscht sich der Helios Konzern, der die Karlsruher Herzklinik 2014 von den Rhön Kliniken übernahm, auf Grundlage einer ausgebauten Kooperation die schrittweise Übernahme des Karlsruher Klinikums.

Übrigens hat die Stadt selbst vor 25 Jahren die Gründung der privaten Herzklinik in direkter Nachbarschaft und in Kooperation mit dem Städtischen Klinikum forciert. Seitdem gilt nach Angaben des Klinikums: „Für herzchirurgische Eingriffe besteht eine enge Kooperation mit der benachbarten Klinik für Herzchirurgie.“

Wert der Liegenschaften soll bei 450 Millionen Euro liegen

Den Wert der Liegenschaften im historischen Klinikumsquartier an der Moltkestraße soll Helios auf 450 Millionen Euro schätzen. Aus sicherer Quelle erfuhren die BNN auch, dass die Geschäftsführung des Städtischen Klinikums Karlsruhe jüngst mit einer starken Karlsruher Delegation in einer Runde von 25 Köpfen zu den Kooperationsgesprächen bei dem Konzern in der Hauptstadt auftrat.

Helios äußert sich nicht zu möglicher Übernahme

Auf den Übernahmewunsch seien die Karlsruher dabei nicht eingegangen, heißt es allgemein.„Zu einer möglichen Übernahme sagen wir im Vorfeld generell gar nichts“, erklärte Constanze von der Schulenburg, Unternehmenssprecherin der Helios Kliniken GmbH in Berlin.

Zu einer angestrebten Vertiefung der Kooperation könne auch er nichts sagen, versichert Erik Thiel, Chef der Unternehmenskommunikation Region Süd von Helios.

Zukunft in Kooperationen

Dagegen meint Stapf, „die Zukunft des Klinikums liegt in Kooperationen“. Gerade erst hat man die Zusammenarbeit mit der Unfallklinik in Ludwigshafen begonnen, mit der Herzchirurgie solle sie intensiviert und mit der Karlsruher Fusionsklinik Vidia – gebildet aus Vincentius Kliniken und Diakonissen-Krankenhaus – ausgebaut werden.

Dabei gehe es „um den ärztlichen Bereich“ zum Wohle der Patienten. Die Brücke über die Straße könne die Abläufe, etwa den Patiententransport, stark verbessern. „Eine Übernahme durch Helios aber geht für uns gar nicht“, unterstreicht Stapf.

Stapf: Verkauf des Klinikums kommt nicht in Frage

Der Gemeinderat stehe da geschlossen hinter ihm, so dass ein Verkauf der Klinikums „gar nicht in Frage kommt“. Die Geschäftsführung des Klinikums sei dieser Leitlinie des Eigners verpflichtet und treibe das nach der Finanzkrise von 2012 gefasste Konzept zum Ausbau und zur Sanierung des Klinikums mit Hochdruck voran, sagt Stapf.

So entsteht mit dem neuen Bettenhaus für inzwischen 194 Millionen Euro der größte Bau des Klinikums. Helios kann sich nach Stapf also für eine Übernahme „keine Chance ausrechnen“.

Helios vertritt auf seiner Internet-Seite unter der Überschrift „Kooperationen, Partnerschaften und Privatisierung“ ganz offen seine Wachstumsstrategie. Bei Beteiligungen wolle Helios „die Verantwortung für das operative Geschäft übernehmen und zumindest mittelfristig der Mehrheitsgesellschafter werden“, erläutert Syndikusanwalt Dirk Schneider den Unternehmenskurs. „Die Angst in manchen Städten, dass ein privater Klinikträger Abteilungen aus vermeintlich wirtschaftlichen Gründen schließt“ werde durch „die Entwicklungen unserer Kliniken“ widerlegt, meint er.

Helios wächst rasant

Helios ist nach eigener Darstellung „Europas führender privater Krankenhausbetreiber“. Der Klinikkonzern hat über 100.000 Mitarbeiter. In Deutschland betreibt Helios derzeit 112 Kliniken, darunter sieben Maximalversorger wie die großen Krankenhäuser Berlin-Buch, Duisburg, Erfurt, Wiesbaden oder Wuppertal. Dazu kommen weitere über 100 medizinische Großeinrichtungen.

Helios versorgt nach eigenen Angaben in Deutschland pro Jahr 5,2 Millionen Patienten, davon 1,3 Millionen stationär. Die Klinikgruppe hat 35.000 Betten.

Umsatz in Höhe von 5,8 Milliarden Euro

Der Helios-Umsatz in Deutschland wird für Deutschland 2016 mit 5,8 Milliarden Euro angegeben.
Zum Vergleich: Am Städtischen Klinikum Karlsruhe arbeiten 4.300 (davon 3.300 Vollkräfte) Personen, darunter 600 Ärzte und 1.800 Pflegekräfte.

Jährlich werden dort 63.000 Patienten stationär behandelt. Dafür gibt es 1.538 Planbetten. Das Städtische Klinikum Karlsruhe ist im Krankenhausbedarfsplan von Baden-Württemberg als Haus der Maximalversorgung und Lehrkrankenhaus der Uni Freiburg ausgewiesen.

Kommentar

Alles soll sich rechnen in der Wirtschaft. Der Gewinn ist die Maxime. Wenigstens im Gesundheitswesen aber sollen König Markt und Kaiser Profit nicht allein bestimmen, das immerhin ist Konsens in Deutschland. Deshalb hat sich eine verantwortungsbewusste Sozialpolitik auch weiter bei geplanten Übernahmen kommunaler und damit der Gemeinnützigkeit verschriebener Kliniken durch einen Medizinkonzern wie im alten Rom die Frage zu stellen: „Cui bono?“. Wer also hat den Vorteil bei einer Übernahme durch den Helios Konzern und damit einem Rückzug der Stadt aus der Daseinsvorsorge, besonders für Arme und Kranke?

Profitieren nur die Anteilseigner des Konzerns, wenn er ein modernisiertes Klinikum aufkauft, darf die Stadtpolitik niemals ein Geschäft mit dem Klinikum eingehen. Das Interesse zeigt, wie groß die Gewinnerwartung sein kann. Das Rathaus dürfte in einem Ablösepoker um das Karlsruher Klinikum dem Druck des Kapitals nur nachgeben, wenn zwei andere Beteiligte davon profitieren: Zuallererst die Bürger, die Versorgung der Patienten darf nicht unter einer Profitmaximierung leiden.

Nur wenn das garantiert wäre, könnte man einen Verkauf für eine Riesensumme erwägen. Der Konzern Stadt würde daraus aber nur den Nutzen ziehen, dass er sich durch den Verkauf seines Klinikums finanziell gesundstößt. Rupert Hustede