Durlacher Zusammenführung
INTERKONTINENTALES DURLACH: Brenda Landis (rechts) und ihr Sohn John aus Durlach, Pennsylvania, haben Alexandra Ries, Stadtchefin von Durlach, Baden, in die Mitte genommen. | Foto: jodo

Besuch in der Heimat

Durlacherin gründet eine Farm in Amerika

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Diese zunächst schier unglaubliche Geschichte hat vier Kapitel. Sie handeln von einer außergewöhnlichen Frau, von Durlach einst und heute, von Amerika und Baden, vom Auswandern und Heimkehren. Die Geschichte beginnt vor 291 Jahren mit einer „strong woman“. Jetzt wird sie am Turmberg weitergeschrieben.

Gründermutter von „Village Durlach“

Die starke Frau heißt Veronica Eberly, geborene Ulrich. Sie tauscht Durlach gegen Amerika. Mit sechs Kindern wandert sie 1727 als Alleinerziehende aus, schließt sich den Mennoniten an und kauft Land um eine Quelle im Indianerterritorium. So gründet die Durlacherin 1751 eine Farm in Amerika und nennt ihre neue Heimat „Durlach“. Den Stolz auf die Herkunft hat diese Gründermutter damit ihren Nachfahren bis heute erhalten. „Village Durlach“ sagt das Ortsschild in den grünen Hügeln des County Lancaster, Pennsylvania. 80 Menschen leben auf den zwölf Durlacher Farmen.

Mit der „James Goodwill“ auf der Suche nach dem Glück

Wir schreiben September 1727, da ist Karlsruhe gerade mal zwölf Jahre jung. Und das Leben in der Mutter Durlach ist kein Zuckerschlecken. Mancher Badener sucht da sein Glück in Amerika. Besonders pietistische Gruppen zieht es über den Atlantik in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, für ein neues Landleben auf eigenem Grund, frei von Fürstenmacht. Veronika Eberly, damals vermutlich mit Mitte 30, macht sich mit ihrer Familie auf – den Rhein hinunter zum Nordseehafen.

Allein mit ihren sechs Kindern – das jüngste ist ein Jahr alt – geht sie letztlich an Bord der „James Goodwill“. Mit dem Segelfrachtschiff erreicht sie nach sechs Wochen stürmischer Fahrt Philadelphia in der Neuen Welt. Viele Badener und Kurpfälzer sowie Schweizer emigrieren nach Pennsylvania. Meist sind es fromme Christengemeinschaften, etwa Baptisten und Quäker. Auch die Täuferbewegung Amish People, die noch heute ihren alten deutschen Lebensstil und die altertümlich klingende Sprache zu bewahren suchen, setzt sich an den Appalachen fest.

Vier Tage am Ursprung

Zwei Durlacher aus Amerika besuchen die badische Heimatstadt ihrer Ahnin. Sie kommen aus Durlach im Farmland Pennsylvania und fühlen sich in der Markgrafenstadt, „als kehrten wir heim“. John Landis und seine Mutter Brenda strahlen. Vier Tage Durlach fern ihrer Durlacher Felder, und alles ist für sie „beautiful“ und „wundervoll“. Ach, wie sie sich freuen über diese Zusammenführung. „Wir sind in der alten Heimat willkommen“, sagt Brenda Landis, die Frau des Bürgermeisters von Durlach. „Wir wissen, dass das unser Ursprung ist, wir fühlen uns hier zu Hause“, bekräftigt sie lächelnd.

Durlach meets Durlach

„Durlach meets Durlach“, sagt Ortsvorsteherin Alexandra Ries und lacht. Als „Stadtdenker“ hat die Markgrafenstadt die US–Durlacher eingeladen. Vier Tage bekommen sie die deutsche Ur-Heimat zu sehen, nehmen sie am Durlacher Leben teil. Am Montag, 16. April, um 19 Uhr im Saal an der Turmbergterrasse sagen Brenda und John Landis den Durlachern, was sie über die Markgrafenstadt und deren Zukunft denken. Doch nicht nur ein Impuls aus Amerika für Durlachs Entwicklung ist möglich. Die Pennsylvania-Deutschen haben auch viel vom Leben in ihrem Durlach zu berichten.

Es ist noch immer ein weites Land

„Es ist noch immer ein weites Land“, sagt Farmer John. Vier Meilen seien es bis zur nächsten Streusiedlung und zwei bis zu einem Indianerdorf. Doch Bezeichnungen wie „Katzbergweg“ oder „Steinbruchweg „ erinnern an das Durlach im Herkunftsland der Auswanderin Veronica. Übrigens trägt Johns Farm in den strotzend grünen Feldern und Wiesen mit den großen Scheunen und Ställen um das alte Wohnhaus wie einst zu Veronica von Durlachs Zeiten den Namen „JammerDahl“.

Dutch und Durlacherisch

Überhaupt pflegen die von den Amerikanern „Dutch“ genannten Deutschstämmigen von Pennsylvania ihre Sprache. Zwar sprechen die Landis kein reines Durlacherisch von 1727 mehr. Nur auf dem Friedhof von Durlach tragen die alten Grabsteine deutsche Inschriften. Aber neben echtem „Amerikanisch“ beherrschen sie „einen Mix“, erklärt John. Es ist ein sehr spezielles Denglisch, bei dem sich Wörter eines vom Landleben geprägten Deutsch mit einem modernen Englisch mischen.

Grumbeere in Amerika

Also hat die „Grumbeere“ in Amerika überlebt, je nach Jahreszeit bezeichnet ein Durlacher in Amerika damit Kartoffeln oder Erdbeeren. Unter den Nachfahren der Emigranten könne man eben auch nach fast 300 Jahren noch „Deutsch wetze“, klärt John auf.