Bei einem Spaziergang durch Oberreut mit Vertretern der Stadt berichteten die Bürger, wo es Verbesserungsbedarf gibt – zum Beispiel in Sachen Sauberkeit. | Foto: jodo

Bürger schmieden Zukunft

Stadtteilentwicklung in Karlsruhe-Oberreut: Reger Austausch beim Markt der Möglichkeiten

Anzeige

Das Ziel ist klar vorgegeben: „Wir wollen den Stadtteil weiter voranbringen, noch besser und noch schöner machen“, resümiert Bürgermeister Albert Käuflein bei seiner Begrüßung im Jugend- und Gemeinschaftszentrum „Weiße Rose“ am Samstagvormittag. Wenig später kann man an mehreren großen Pinnwänden lesen, auf was es den Oberreutern ankommt.

Es sind nicht nur große Dinge, wie ein Medizinisches Versorgungszentrum, der Erhalt des „Jugendgartens“ an der Pulverhausstraße oder eine gymnasiale Oberstufe für die Anne-Frank-Gesamtschule. Es sind auch „kleine“ Ideen wie ein Gemeinschaftsgarten, begrünte Betonwände, ein offener Mittagstisch oder ein gemeinsames Dinner nach dem Vorbild des „Diner en blanc“, die das Viertel aufwerten würden.

Neue Zeiten, neue Probleme

„Die Menschen wünschen sich mehr Gemeinschaft, und wir brauchen mehr Netzwerke für Familien“, sagt Brigitte Herrbach-Schmidt, die seit zwei Jahren den Seniorenclub der katholischen Gemeinde leitet. „Früher zog man in ein Haus, klingelte bei allen Nachbarn und stellte sich vor. Das gibt es heute leider nicht mehr.“ Diesmal gibt es nicht nur Getränke und Brezeln zur Stärkung, ein Buffet ist aufgebaut.

Schließlich liegen vor den rund 80 anwesenden Bürgern einige Stunden Arbeit beim Stadtteilforum, das den Titel trägt: „Oberreut gemeinsam gestalten“. Es ist eine weitere Etappe des Integrierten Stadtteilentwicklungskonzepts (ISTEK), das die Stadt Anfang des Jahres in dem Quartier mit rund 10.000 Einwohnern angestoßen hat.

Austausch auf dem Markt der Möglichkeiten

Ein paar Neue sind auch dabei. Als Christoph Weinmann in die Runde fragt, wer zum ersten Mal da ist, gehen gut 20 Hände hoch. Weinmann und seine Kollegin Marina Leibfried vom Büro „Generationen. Dialog. Zukunft – Netzwerk für demokratiebewusste Entwicklung“ begleiten und moderieren den Prozess in Oberreut. Es liegt schon einiges an Arbeit hinter den Akteuren. Der Stadtteil wurde einer Analyse unterzogen. Es gab Interviews und Workshops. Bürger, die ein ähnliches Ziel verfolgen, schlossen sich zu Netzwerken zusammen. Auch jetzt stehen sie beieinander an verschiedenen Informationsständen – den Markt der Möglichkeiten nennen es die Organisatoren. Reger Austausch ist gewünscht und wird von den Anwesenden auch gepflegt.

Food Sharing, mehr Kultur und andere Wünsche

„Food Sharing“ hat jemand auf eine Karten geschrieben und an die Pinnwand geheftet. „Wir haben bereits einen Verteiler-Kühlschrank, er steht im Familienzentrum Villa Regenbogen“, sagt Irena Lichtner, Pfarrerin der Versöhnungsgemeinde Ökumenisches Zentrum. Dort gibt es auch einen mobilen Kleiderladen. Problem: Kaum jemand weiß davon. „Es einmal zu veröffentlichen, reicht nicht aus, wir müssen das stärker im Bewusstsein der Menschen verankern“, betont die Pfarrerin.

Am Stand nebenan ist man schon weiter: „Es ist uns gelungen, die Stadtteilgruppe Kultur ins Leben zu rufen, in der sich verschiedene Kulturakteure einbringen“, sagt Ulrike Settelmeyer vom städtischen Kulturamt. Mehr Kulturangebote und eine bessere Vernetzung der bestehenden Projekte – auch das sind Anliegen der Oberreuter. Unter der Federführung von Settelmayer und Lichtner wurde mit den Kulturschaffenden diskutiert – und geliefert: Ein Offener Kulturtreff wurde entwickelt, im November findet bereits der dritte Abend statt. Auch die Europäischen Kulturtagen im nächsten Jahr wird Oberreut mit einem eigenen Projekt bereichern.

Wie vielfältig das kulturelle Leben im Stadtteil ist, können die Teilnehmer des Stadtteilforums hautnah erleben: Bei Auftritten des Kinderchors, den die Opernsängerin Marijana Schösser in der Versöhnungsgemeinde leitet, und der jungen Hip-Hopper und Breakdancer aus dem Jugendzentrum „Combo“, die im Oberreuter Gemeindezentrum trainieren und in der Anne-Frank-Schule Kurse geben. Mit dabei sind auch die Landsmannschaft der Deutschen aus Russland mit Tanzgruppe und Kinderchor sowie „Conny und Gaston“ mit Gesang und elektronischer Musik.

Es kommt Bewegung in die Sache

Am Nachmittag kommt noch mehr Bewegung in die Sache. Drei Themenspaziergänge stehen auf dem Programm: Eine Gruppe nimmt den Radverkehr unter die Lupe. Es geht um bessere Radwege und fehlende Abstellplätze. Eine zweite Gruppe steuert zusammen mit Susanne Frisch vom Gartenbauamt Spiel- und Bolzplätzen an. „Es gibt in Oberreut überproportional viele Spielplätze“, sagt Frisch, räumt aber ein: „Viele sind in die Jahre gekommen und müssen saniert werden.“

Auch Sicherheit ist ein Thema

Beim dritten Spaziergang geht es um das Thema Sicherheit. Wobei hier die Bandbreite sehr groß ist, was auch die Anliegen der Bürger an der Pinnwand dokumentieren. Diese reichten von „fehlende Mülleimer für Hundekotbeutel“ und „Lkw und Wohnwagen, die Stellplätze blockieren“ über „nicht angeleinte Hunde im Wald und auf Grünflächen“ bis zu „Alkohol, Müll und Zigarettenkippen auf dem Spielplatz“, „fehlende Beleuchtung“ und der Forderung nach mehr „Tempo-30-Zonen“.

Die erste Station ist der Grünstreifen „Schmallen“, der sich durch das Quartier zieht. Dort spricht Klaus Schaarschmidt, Vorsitzender des Bürgervereins, die nicht durchgehende Beleuchtung an. Über das Oberreuter Zentrum – hier weisen die Bürger auf mangelnde Attraktivität und fehlende Sitzgelegenheiten hin – geht es in die Eugen-Geck-Straße.

Der Platz gegenüber der Ladenzeile mit Apotheke und Kiosk ist keine schöne Visitenkarte. Regelmäßig treffen sich dort einige Erwachsene, die Alkohol konsumieren, ihre Notdurft im Gebüsch verrichten und Müll liegen lassen. „Sie haben auch Hunde dabei, die ohne Leine laufen. Das macht manchen Passanten Angst“, schildert Schaarschmidt. Eine sofortige Lösung hat Christian Fulda vom Amt für Stadtentwicklung verständlicherweise nicht parat, aber er notiert alles. „Es geht nicht darum, die Leute zu vertreiben, aber wir wollen mehr Sauberkeit“, betont Schaarschmidt.

Leichter lässt sich wohl ein anderes Problem lösen: In einem Abschnitt der Rudolf-Breitscheid-Straße sind einige Straßenlaternen von Baumkronen dermaßen bewachsen, dass kaum noch Licht auf den Gehweg fällt.