Zu einem Vorzeigestadtteil soll Oberreut werden, das wünschen sich viele engagierte Bewohner des Viertels. Deshalb beteiligen sie sich am Stadtteilentwicklungskonzept.
Zu einem Vorzeigestadtteil soll Oberreut werden, das wünschen sich viele engagierte Bewohner des Viertels. Deshalb beteiligen sie sich am Stadtteilentwicklungskonzept. | Foto: jodo

Weg mit dem schlechten Ruf

Stadtteilentwicklungskonzept: Oberreuter Bürger schmieden an der Zukunft ihres Viertels

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Oberreut im Jahr 2025: Im Zentrum des Stadtteils gibt es Geschäfte, ein gemütliches Cafés, eine Eisdiele und ein Ärztehaus. Fassaden und Dächer vieler Häuser im Quartier sind begrünt. An der Anne-Frank-Schule büffeln die Schüler fürs Abitur, in der neuen gymnasialen Oberstufe. Zwischen den Wohnblocks blühen Gärten, die Bewohner werkeln dort gemeinsam.

In einer „Offenen Küche“ begegnen sich die Kulturen, kochen abwechselnd ihre Spezialitäten und tischen sie den anderen Oberreutern auf. Man trifft sich auf dem Sportplatz zum Teamsport und fachsimpelt auf dem Boule-Platz über dies und das. Das Kinder- und Jugendzentrum in der „Weißen Rose“ hat sein Angebot ebenso erweitert wie der „Jugendgarten“ im Mittelschmallen, der zudem räumlich gewachsen ist.

Marktplatz der Interessen

Mit bunten Stiften und Papierschablonen entwerfen am Montagabend mehr als 50 Oberreuter Bürger im Gemeinschaftszentrum „Weiße Rose“ Zukunftsbilder für ihren Stadtteil. Argumente werden ausgetauscht, es wird abgewogen und überlegt. Bürger mit gleichen Interessen schließen sich zu Gruppen zusammen.

Die Stadt, die an einem Integrierten Stadtteilentwicklungskonzept (ISTEK) für Oberreut arbeitet, hat zu diesem „Marktplatz der Interessen“ eingeladen. Dabei wird im ersten Schritt das Quartier im Karlsruher Süden, das in den 1960er Jahren als sogenannte Trabantenstadt entstand, einer Analyse unterzogen, bei der wichtige Themen und Anliegen der Bewohner erfasst werden.

Begleitet wird der Prozess vom Büro „Generationen. Dialog. Zukunft – Netzwerk für demokratiebewusste Entwicklung“. Am Abend moderieren Projektkoordinator Christoph Weinmann und seine Kollegin Marina Leibfried die Bürgerrunde.

Positives Image

„Wer den Tod nicht scheut, zieht nach Oberreut“ – diesen ewig gestrigen Spruch kann keiner mehr hören im Stadtteil.

Er soll auf Nimmerwiedersehen in der Mottenkiste verschwinden, bitte schön! Und der Stempel „Problemstadtteil“ gleich mit. „Das hat Oberreut nicht verdient. Dieses Image ärgert mich wahnsinnig, meistens sind es Leute, die hier nie gelebt haben, die über den Stadtteil negativ sprechen“, macht Karl Zimmer seiner Wut Luft und spricht vielen Oberreutern aus der Seele.

„Wir wohnen seit 25 Jahren hier, unsere Kinder sind hier groß geworden – niemand von uns hat sich je unsicher gefühlt. Im Gegenteil: Der Zusammenhalt ist sehr gut“, sagt der Berufsfeuerwehrmann. Er will sich besonders dafür einsetzen, dass Oberreut endlich „das positive Image bekommt, das es verdient“.

Bald im Ruhestand, möchte sich der begeisterte Fußballer verstärkt im Quartier engagieren, vor allem im Jugendbereich. „Für Teamsport fehlt jedoch eine öffentliche Sportanlage.“

Mehr Jugendangebote

Auch Jugendliche schmieden an der Zukunft ihres Stadtteils mit. Ihnen fehlt nicht nur ein öffentlich zugänglicher Sportplatz, sie wünschen sich auch einen überdachten Treffpunkt, an dem sie sich bei schlechtem Wetter aufhalten können, einen Grillplatz und eine „jugendgerecht Gastronomie“, zählt ein junger Oberreuter auf. Die Öffnungszeiten des Jugendtreffs in der „Weißen Rose“ sind begrenzt. „Und am Wochenende ist dort zu.“ Eine Sportsbar mit Billard, Dart und „angemessenen Preisen“ wäre für die Jugendlichen auch eine Option.

Wohnen für alle

Bernhard Heck ist seit zwei Monaten Oberreuter und stolz darauf. Sein Einfamilienhaus im Dammerstock hat er seiner Tochter überlassen. „Meine Frau und ich wollten eine altersgerechte Wohnung. Barrierefrei, gut an den ÖPNV angeschlossen …“, zählt der ehemalige Richter auf. Was er suchte, fand er in Oberreut, in einem der neuen Häuser, die die Volkswohnung rund um den Badeniaplatz gebaut hat. Die Mitgestaltung im Stadtteil ist ihm wichtig: „Ich möchte hier nicht anonym wohnen, sondern auch wissen, was um mich herum passiert, was die Themen oder Probleme sind.“

Zusammen mit einer Teilnehmerin widmet er sich dem Thema „Altersgerechtes und generationenübergreifendes Wohnen“. Es fällt das Stichwort Wohnungstausch. „Die Witwe, die in einer Vier-Zimmer-Wohnung lebt, und die Familie, die eine größere Wohnung sucht – warum sollten sie nicht einfach tauschen?, so eine Teilnehmerin.

Es gibt Menschen, die hier ein eigenes Zuhause erwerben möchten.

Im Laufe des Abends finden noch mehr Akteure zusammen, die das Themenfeld Wohnen beschäftigt. Da ist zum Beispiel die Forderung nach mehr Wohneigentum. „Es gibt Menschen, die hier ein eigenes Zuhause erwerben möchten“, unterstreicht Johannes Stober, stellvertretender Vorsitzender des Bürgervereins. Er betont auch, wie wichtig eine „Auflockerung des Sozialgefüges“ sei. Deshalb: Oberreut soll sozial noch bunter werden.

Stadtteil braucht auch Gutverdiener

Geförderter Wohnraum ist wichtig. „Ein Stadtteil braucht aber auch die Gutverdienenden, damit die Kaufkraft steigt“, ergänzt ein älterer Oberreuter. Ute Thomann, die mit neun Ehrenamtlichen die Bücherei im Ökumenischen Gemeindezentrum betreut, wünscht sich stärkere Vernetzung und Kommunikation der Angebote. „Es gibt vieles in Oberreut, aber die Menschen wissen es nicht. Auch mit unserer Bücherei möchten wir unbedingt mehr Bewohner erreichen.“

Willi Hartmann vom Vorstand des Bürgervereins liegt ein Medizinisches Zentrum besonders am Herzen. „Wir haben in Oberreut fünf Ärzte, von denen drei in naher Zukunft aufhören werden.“ Manches ist im Viertel bereits vorhanden, betont Jan Gerhardt, ebenfalls vom Vorstand des Bürgervereins. Spielplätze zum Beispiel. „Wir wollen keine neuen, wir wollen aber, dass die bestehenden aufgewertet werden.“