Das Neue Ständehaus in Karlsruhe: In seinem Vorgängerbau haben Abgeordnete des badischen Landtags einst die badische Verfassung von 1818 mit parlamentarischem Leben erfüllt – und die galt als die freiheitlichste ihrer Zeit
Vor einem Vierteljahrhundert wurde das Neue Ständehaus in Karlsruhe eröffnet. In seinem Vorgängerbau haben Abgeordnete des badischen Landtags einst die badische Verfassung von 1818 mit parlamentarischem Leben erfüllt – und die galt als die freiheitlichste ihrer Zeit | Foto: abw

200 Jahre badische Verfassung

Ständehaus in Karlsruhe – die „Mutter aller Parlamente“

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Sie sei die eigentliche „Geburtsurkunde des badischen Volkes“ gewesen, meinte der Freiburger Staatsrechtler Karl von Rotteck (1775–1840): die Verfassung von 1818. Den Zeitgenossen feierten sie als die freiheitlichste und modernste unter denen, die in jenen Jahren im Deutschen Bund erlassen wurden – eine Einschätzung, die heutige Geschichtswissenschaftler teilen. Als „Wegbereiter der Demokratie“ wird die erste badische Verfassung oft bezeichnet. Die Abgeordneten im Badischen Ständehaus, dem Landtagsgebäude in Karlsruhe, haben sie mit parlamentarischen Leben erfüllt – ihre Debatten entfalteten Wirkung weit über die Grenzen Badens hinaus.

Vom Ständehaus aus verbreiteten sich demokratische Ideen

Vor allem in der Zweiten Kammer, der Volkskammer des badischen Landtags, bildete sich eine lebhafte politische Debattenkultur aus, erläutert Peter Exner vom Generallandesarchiv Karlsruhe im Begleitband zur Ausstellung „Demokratie wagen? Baden 1818–1919“. Auf der Tribüne des öffentlichen Sitzungssaals der Volkskammer drängten sich Zuschauer sowie auswärtige Diplomaten, die die Aussprachen gespannt verfolgten. „So konnten sich liberale und demokratische Ideen vom Ständehaus aus im Land immer tiefer einwurzeln und in die anderen Staaten des Deutschen Bundes ausstrahlen“, sagt Exner.

Deutschland blickte auf Baden

Die Zweite Kammer der badischen Ständeversammlung gilt als „Mutter aller Parlamente“ in Deutschland. Bereits 1819 hatte der Tübinger Professor und spätere württembergische Abgeordnete Friedrich List festgestellt: „Mit Ehrfurcht und Begeisterung blickt das tief gebeugte Deutschland auf die Stände Badens hin.“ Damals tagte der Landtag freilich noch im Karlsruher Schloss. Ins Ständehaus, das erste Parlamentsgebäude auf deutschem Boden, zogen die badischen Abgeordenten erst im Spätjahr 1822 ein.

Der Großherzog hoffte auf mehr Stabilität

Was die Inhalte der ersten badischen Verfassung von 1818 anging, hatte das Volk noch keinerlei Mitspracherecht gehabt. Maßgeblich ausgearbeitet wurde sie von dem Finanzfachmann Karl Friedrich Nebenius. Großherzog Karl versprach sich von der Konstitution mehr politische Stabilität und eine höhere Leistungskraft seines hoch verschuldeten Landes. Am 22. August vor 200 Jahren zeichnete er in Griesbach im Schwarzwald den Entwurf ab. In Kraft trat die Verfassung sieben Tage später, als ihr Text im Badischen Staats- und Regierungsblatt veröffentlicht wurde.

Dankesschreiben aus dem ganzen Land

So unspektakulär der Akt verlief – die erste badische Verfassung war enorm populär. Wochenlang druckte die Karlsruher Zeitung Dankesadressen ab, die aus dem ganzen Land eingingen. Schließlich hatte sich der Großherzog aus eigener Machtvollkommenheit eines Teils seiner Souveränität beraubt.

Es war ein Anfang

Von nun an durften die (männlichen) Steuerzahler mitbestimmen darüber, was mit ihrem Geld geschehen sollte. Allerdings hatte der Großherzog auch in der konstitutionellen Monarchie eine dominierende Stellung. Und neben der Volkskammer gab es die ihr gleichberechtigte Erste Kammer, in der die großherzoglichen Prinzen, die Standesherren, vom Großherzog ernannte Herren sowie Vertreter des grundherrlichen Adels, der Kirchen und der Universitäten das Sagen hatten.

Kristallisationspunkt Ständehaus

Trotzdem, ein Anfang war gemacht. „Die Verfassung war Voraussetzung für eine Entwicklung, die Baden zu dem Land werden ließ, in dem im 19. Jahrhundert liberales und demokratisches Gedankengut am schnellsten und nachhaltigsten Fuß fasste“, sagt Ernst Otto Bräunche, der Leiter des Karlsruher Stadtarchivs. Kristallisationspunkt dieser Entwicklung sei das Ständehaus gewesen.

Von 1822 bis 1933 tagte hier der Landtag

In dem bürgerliches Selbstbewusstsein ausstrahlenden klassizistischen Gebäude mit einer markanten Rotunde in der Karlsruher Ritterstraße tagte der badische Landtag von 1822 bis 1933. Anders als das Schloss wurde es nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg allerdings nicht wieder aufgebaut.
Die traurige Ruine des Ständehauses war für die Karlsruher bis 1961 ein vertrauter Anblick – dann erfolgte der Abriss.
Das Ständehaus nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Ruine war für die Karlsruher bis 1961 ein vertrauter Anblick – dann erfolgte der Abriss. | Foto: Horst Schlesiger / Stadtarchiv Karlsruhe

Die Ruine 1961 wurde abgerissen

Bis 1961 blieb den Karlsruher der Anblick der ausgebrannten Ruine im Herzen ihrer Stadt erhalten – dann erfolgte der Abriss. Auf einem Teil des Grundstücks entstand später das katholische Dekanatszentrum. Auf dem verbleibenden Rest wurde nach langen Diskussionen nach langen Diskussionen das „Neue Ständehaus“ errichtet. Seit nunmehr 25 Jahren beherbergt es die Karlsruher Stadtbibliothek sowie die Erinnerungsstätte Ständehaus.

Am Mittwoch, 22. August 2018, um 12 Uhr gibt es eine kleine Verfassungsfeier auf dem Karlsruher Schlossplatz. Mehr darüber lesen Sie hier.

Das Neue Ständehaus in Karlsruhe wird 25 Jahre alt. Dort wird am 25. August 2018 gefeiert. Hier geht’s zum Programm.