Teile einer großformatigen Landkarte haben jahrzehntelang zwischen Erde und Schutt im Stadionwall des Wildparks überdauert. Ein Karlsruher Zeitzeuge vermutet, dass sie aus der Kunstdruckerei Karlsruher Künstlerbund stammt.
Teile einer großformatigen Landkarte haben jahrzehntelang zwischen Erde und Schutt im Stadionwall des Wildparks überdauert. Ein Karlsruher Zeitzeuge vermutet, dass sie aus der Kunstdruckerei Karlsruher Künstlerbund stammt. | Foto: Jörg Donecker

Zeitzeuge liefert Hinweis

Stammt die Stadionwall-Landkarte aus der Karlsruher Erbprinzenstraße?

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Die Landkarte aus dem Wildpark-Stadionwall kommt Gerhard Lustig bekannt vor. Möglicherweise hat er sie tatsächlich schon einmal gesehen, irgendwann vor dem Bombenangriff auf das Haus in der Erbprinzenstraße, wo einst die „Kunstdruckerei Karlsruher Künstlerbund“ ihren Sitz hatte – und Gerhard Lustig mit seiner Familie wohnte.

Als der heute 86-Jährige in der Donnerstagausgabe des BNN-Lokalteils von dem Fund einer Landkarte im Schutt der Stadion-Nordkurve liest, ruft er direkt in der Redaktion an. Lustig vermutet, dass die Karte aus dem Bestand der Kunstdruckerei stammt. „Ich habe selbst in dem Haus gewohnt, das mitsamt der Druckerei am 4. Dezember 1944 ausgebombt wurde“, erzählt er.

Als Hilfsjunge in der Kunstdruckerei

Das Gebäude sei sehr stark befestigt gewesen, und die Familie habe an besagtem Tag im Luftschutzbunker der Druckerei Zuflucht gefunden. „Vielleicht war das unser Glück, und wir haben nur deswegen überlebt“, sagt Lustig. „Wir haben uns gefühlt wie in einem schaukelnden Ruderboot, so sehr hat die Erde geschwankt.“ Er erinnert sich auch noch daran, wie der Luftdruck der einschlagenden Bombe die Tür eines Raumes herausriss, und mit ihr das im Raum gelagerte Papier.

Er sei damals noch ein Kind gewesen, gerade zwölf Jahre alt, und habe als Hilfsjunge in der Druckerei mitgearbeitet. „Wir haben mit dem so genannten Lithografiedruck, also mit ganz schweren Steinplatten auch Karten gedruckt. Wohl auch fürs Heer“, erinnert er sich. Nach dem Luftangriff sei das Haus nicht mehr bewohnbar gewesen. Vom Abtransport der Trümmer habe er aber nichts mehr mitbekommen. „Das ist alles erst nach Kriegsende passiert.“

Das Fragment einer Druckplatte wurde im Stadionwall gefunden – Typografie und Gestaltung passen zu den ebenfalls im Wall gefundenen Landkarten-Resten.
Das Fragment einer Druckplatte wurde im Stadionwall gefunden – Typografie und Gestaltung passen zu den ebenfalls im Wall gefundenen Landkarten-Resten. | Foto: Jörg Donecker

Die Kunstdruckerei Karlsruher Künstlerbund ist bei weitem nicht der einzige Verlag, der in der Zwischenkriegszeit in der Fächerstadt seinen Betrieb hatte. Sie war jedoch schon Anfang des Jahrhunderts neben künstlerischen Farblithografien auch auf die kommerzielle Verwendung der Steindruck-Technik bei Druckaufträgen für Industrie und Handel spezialisiert. In standardisierter Massenproduktion druckte man auch Briefmarken, Faltschachteln und Zigarettenverpackungen, Katasterpläne und Umgebungskarten.

Kunstdruckerei produzierte auch Landkarten

Antiquarisch sind aus der Kunstdruckerei noch heute etwa eine Landkarte von Pforzheim aus dem Jahr 1962, ein Plan der Stadt Freiburg im Breisgau von 1957 oder eine „Umgebungskarte Triberg 1935“ erhältlich. Gerhard Lustigs Theorie, dass die im Stadionwall gefundene Karte auch aus der Erbprinzenstraße stammt, erscheint zumindest plausibel.

Nicht nur das Verlagshaus der Kunstdruckerei Karlsruher Künstlerbund, sondern die ganze Häuserreihe in der Erbprinzenstraße nahe des Friedrichsplatzes wurde durch den Bombenangriff zerstört und nicht wieder aufgebaut – an ihrer Stelle baute die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe 1955 ihr „Haus der Wirtschaft“. „Dieser Glaspalast ist für mich architektonisch sehr unbefriedigend“, meint Lustig.

Die Erinnerung an sein früheres Wohnhaus kann er daran nicht mehr heften – aber vielleicht an das Fragment der Landkarte, die er womöglich als Junge mit eigenen Augen gesehen hat.