In einer etwas düstereren Zukunft bewegen sich die "Endzeitler" unter den "Steampunks".
Michael Etzel und Sylvia Böck in einem "Endzeit"-Kostüm. "Klassischer Steampunk ist sauber, 'Endzeit' ist dreckig", erklärt Böck den Unterschied. | Foto: Harald B.

Im Paralleluniversum dampft es

„Steampunk“: Michael Etzel und Sylvia Böck aus Hügelsheim reisen durch die Zeit

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Michael Etzel und seine Frau Sylvia Böck können durch die Zeit reisen – in der Vorstellungskraft, aber auch ein bisschen im realen Leben. Als „Steampunks“ tragen sie Kostüme, die mit Zahnrädern, Manometern und allerlei Messing und Mechanik verziert sind. Die Charaktere, die sie dann darstellen, leben in einer Zeit, die es nicht gibt, aber durchaus hätte geben können.

„‚Steampunks‘ – nicht ‚Steampunker'“, ist Etzels Frau, Sylvia Böck, wichtig zu bemerken. Denn mit dem Punk, der Jugendbewegung aus den 70ern, hat diese Subkultur nichts gemein. Böck ist inzwischen seit acht Jahren in der Szene zu Hause. Sie war es auch, die Etzel mit dem „Virus“ infiziert hat. Das war vor etwa fünf Jahren. Nun ist Michael Etzel bereits zum zweiten Mal Organisator des jährlich stattfinden „Steampunk“-Picknicks im Karlsruher Schlossgarten, das auch am kommenden Sonntag wieder stattfindet. Ein Amt, das er von Peter von Heim, dem Gründer des Spektakels, übernommen hat. Doch was ist „Steampunk“ genau?

„Steampunk“: Eine Zukunft, die es hätte geben können

Wer im Internet zum Thema „Steampunk“ forscht, stößt unweigerlich auf die Abenteuerromane von Jules Verne, etwa „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“. „Kapitän Nemo und seine Nautilus – das hat mich schon immer fasziniert“, schwärmt Etzel. Die frühen Science-Fiction-Autoren wie Verne beschrieben in ihren Romanen die Zukunft der Technik aus der Sicht ihrer Zeit: Was, wenn nicht die Elektrizität, sondern die Dampfkraft den technischen Fortschritt bestimmt hätte? Mit dieser Frage spielt der „Steampunk“ und so erklärt sich auch der Name: Das englische Wort „Steam“, also „Dampf“, steht für die vorherrschende Technologie in dem Paralleluniversum – die Dampfkraft. Wer im „Steampunk“-Universum lebt, der kleidet und verhält sich so, wie es die Menschen in dieser alternativen Zukunft wohl getan hätten. Manche „Steampunker“ sind vor allem Erfinder, die an immer neuen, oft dampfbetriebenen, Maschinen und Gegenständen tüfteln.

  • Diese Uhr befindet sich auf dem Rückenteil einer Jacke. Sie kann sich drehen und leuchtet.
  • "Waffen sind eigentlich fast schon wieder out", sagt Sylvia Böck. Diese entstand aus einer Wasserpistole und einem spiralförmigen Eierbecher.
  • Mit ein paar Zahnrädern, Lupen und rostigen Details wird aus einem normalen Zylinder ein echtes "Steampunk"-Accessoire.
  • Michael Etzel zeigt sein "Endzeit"-Kostüm. "Endzeitler" sind eine Untergruppe der "Steampunk"-Szene. Die Kostüme zeichnen sich durch absichtlich platzierten Schmutz und vermeintlich kaputte Stellen aus.
  • Aus einem normalen Handschuh wird mit einigen zusätzlichen Accessoires ein "Steampunk"-Hingucker.
  • Und so sieht der ehemalige Handschuh angezogen aus.
  • Alles kann wiederverwendet werden. Aus den Resten einer Lederjacke, einem Teesieb und einigen andere Stücken entsteht ein Kopfteil mit Brille.
  • Auf diesem Armteil wurde die Tastatur eines Taschenrechners verbaut.
  • Durch Federn hüpft dieser Spazierstock bei der Benutzung.
  • Auf die Details kommt es an. Ein beliebtes "Steampunk"-Accessoire sind kleine und große Zahnräder.
  • Diese "Steampunk"-Mütze sieht aus als bestünde sie vollständig aus Metall.
  • Im "Steampunk"-Universum hat alles seine Ordnung. Wer Zeitreisen unternehmen will, braucht dafür einen ordentlichen Zeitreisepass.
  • Ein paar Zeitreisen hat Michael de Tempore schon unternommen.
  • Für illegale Zeitreisen gibt es eine "Rüge" vom "Amt für Aetherangelegenheiten".
  • Das "Steampunk"-Motto hört bei Etzel und Böck nicht bei den Kostümen auf. Auch der Kleiderschrank wurde in Rost-Optik "steampunkig" umgestaltet.

Dampfende Kostüme und einfallsreiche Tüftler

Beim „Steampunk“ werden Dinge also in der Regel mit Dampf betrieben, sie bestehen aus Holz oder Messing und besitzen häufig ein mechanisches Räderwerk. Manchmal ist auch alles gleichzeitig der Fall. „Manche ‚Steampunks‘ haben Kostüme, aus denen Dampf herauskommt“, erklärt Etzel, „Der Phantasie ist da keine Grenze gesetzt.“ In einer alternativen Zukunft ist eben fast alles möglich.

So gebe es auch Tüftler, die dampfbetriebene Kaffeemaschinen, Computer und andere Gebrauchsgegenstände bauen. „Es geht um Dinge, die es nicht gibt, aber geben könnte“, sagt Böck. Aber auch Luftschiffe, die es ja tatsächlich gibt, seien bei Anhängern der Szene sehr beliebt. Nicht ohne Grund trägt die hiesige „Steampunk“-Gemeinde in und um Karlsruhe den klangvollen Namen „Großherzoglich badische Luftschiff-Marine“. Hinter dem Namen verbirgt sich zudem eine eigens erfundene Legende: „Die Luftschiff-Marine ist eine Organisation des Großherzogtums Baden für Handel, Forschung und Verkehr. Aetherbetriebene Luftschiffe bereisen die ganz Welt“, erklärt die zugehörige Facebook-Seite.

„Steampunk“ heißt auch: Geschichten erzählen

Überhaupt hat „Steampunk“ viel mit Geschichten zu tun. „Wenn wir andere „Steampunks“ auf einem Event treffen, dann werden wir oft gefragt: ‚Wer seid ihr?“ oder ‚Was könnt ihr?'“, erklärt Etzel. Viele Weggefährten schlüpfen nicht nur in ein Kostüm, sondern gleichzeitig in eine selbst ausgedachte Rolle.

So können Besucher auf einem „Steampunk“-Event von Luftschiffpiloten über Piraten bis hin zur Zeitreisepolizei allerhand Charaktere treffen. „Es gibt welche, die können eine ganze Geschichte zu ihrem Kostüm erzählen: Welche Funktion was genau hat und welche Rolle sie spielen“, weiß Etzel. Er und seine Frau haben zwar keine festgelegte Rolle, aber inzwischen immerhin einen „Steampunk“-Nachnamen: Sie sind die „de Tempores“ – abgeleitet vom lateinischen Wort „Tempore“ für Zeit.

Vorsicht vor der Zeitreisepolizei

Mit der Zeit kann es übrigens auch mächtig Ärger geben im Paralleluniversum. So kann es passieren, dass ein argloser „Steampunk“ von einem Zeitreisepolizisten nach seinem Zeitreisepass gefragt wird. Wer unerlaubte Zeitreisen ohne gültigen Stempel unternimmt, kassiert nämlich schnell mal eine „offizielle“ Rüge, ähnlich den aus der „Gegenwart“ bekannten Strafzetteln. Wirklich ernsthafte Konsequenzen in der realen Welt muss aber niemand befürchten.

Und wie reisen „Steampunks“durch die Zeit? Ganz einfach: Wie sie wollen. Im „Steampunk“ haben Vertreter verschiedener Zeitalter Platz. „Es gibt Piraten, Cowboys, Kostüme aus dem Gothic-Bereich, klassische ‚Steampunks‘ oder ‚Endzeitler'“, erklärt Böck, „man kann auch alles miteinander mischen.“ Oft sind die Übergänge zwischen den Formen fließend und für das ungeübte Auge nicht sofort ersichtlich. „‚Endzeitler‘ sind zum Beispiel dreckig, ‚Steampunks‘ nicht“, hilft Etzel.

Wichtig sei einfach, dass jeder seine Geschichte erfinden, ausleben und erleben könne. Und wenn dafür der ein oder andere Zeitsprung nötig ist, dann beantragen „Steampunks“ dafür einfach einen Zeitreisestempel beim dafür zuständigen Amt. Zum Beispiel beim „Amt für Aetherangelegenheiten“, das auf den „Steampunk“-Romanen der Autorin Anja Bagus basiert.

Wie viel Zeit kostet ein „Steampunk“-Kostüm?

Apropos Zeit: Wie viel Zeit stecken „Steampunks“eigentlich in die Herstellung ihrer Kostüme? „Da gibt es keine Grenze“, sagt Böck. Bei ihr müsse aber alles möglichst schnell gehen. Dafür komme ab und an die Heißklebepistole zum Einsatz. „Meistens ist es aber ein Prozess“, ergänzt Etzel.

Immer wieder kämen neue Teile hinzu, ein Zahnrad oder ein weiteres Manometer, ein Zifferblatt. So könne es sein, dass es mehrere Monate dauert, bis ein Outfit endgültig fertig ist. Aber auch wenn die Kostüme teilweise sehr aufwendig aussehen: Teuer müssen sie nicht sein. „‚Steampunk‘ hat auch mit dem Wiederverwenden vermeintlich wertloser Dinge zu tun“, erklärt Etzel.

„Steampunk“-Picknick in Karlsruhe

Die „Steampunk“-Szene in der Region ist sehr lebendig. Neben der „Großherzoglich badischen Luftschiff-Marine“ gibt es auch in Freiburg die „Steampunk“-Gemeinschaft „Freiburg unter Dampf“. „Die Szene ist in den letzten Jahren sehr gewachsen“, sagt Etzel.

Das wird sich auch am Sonntag zeigen, wenn sich rund 150 „Steampunks“ im Schlossgarten in Karlsruhe zum jährlichen „Steampunk“-Picknick treffen. Die Veranstaltung ist auch für „Bewohner“ der Gegenwart offen, Kostüme sind keine Pflicht. Aber vielleicht lässt sich der ein oder andere ja doch spontan einen Zeitreisepass ausstellen.