Er spielt souverän mit, in der Wagner-Oper: Das 17-jährigte Pferd Rico steht in der Karlsruher „Götterdämmerung“ als Brünhildes Tier Grane auf der Bühne. Kammersänger Konstantin Gorny kommt dem Tier singend ganz nah. Der auftrittserfahrene Württemberger Rico stammt aus dem Karlsrbader Fahrstall Knodel. | Foto: Matthias Baust

Götterdämmerung mit Pferd Rico

Stiller Star auf Opernbühne

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Etwa um 18.30 Uhr am heutigen Sonntag wird Rico alle Blicke auf sich ziehen. Das Große Haus schaut dann auf ihn. Erstaunen, Spannung und Bewunderung kennzeichnen jedesmal die Reaktion der Zuschauer des Badischen Staatstheaters, wenn Rico seinen Auftritt absolviert.
Bereits drei Mal war er für eine Viertelstunde der stille Star in einer über fünfstündigen Inszenierung. Ruhig steht er da, der 17-Jährige, zunächst noch nahe der imaginären Tür. Dann wird der Württemberger Wallach von einer stummen Figur ins Bühnenzentrum geführt. Nun ist er von zahlreichen Menschen umgegeben. Einer kommt ganz nah an Rico heran, berührt ihn sogar – Kammersänger Gorny in der Rolle des Hagen. Er singt ebenso wie der Chor in jener Szene, im Zusammenspiel mit der Badischen Staatskapelle. Mächtige Klänge erfüllen das Theater. Rico bleibt gelassen, das Geschehen nötigt dem schönen Pferd keine überraschenden Reaktionen ab.

17-Jähriges Pferd Rico „spielt“ Brünhildes Ross Grane

Im zweiten Akt von Richard Wagners Oper „Götterdämmerung“ in der Karlsruher Inszenierung spielte Rico souverän seine Rolle als „Grane“. So heißt das Pferd von Brünhilde im abschließenden Abend des Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“. Die „Götterdämmerung“ handelt vom Tod des Helden Siegfried, der Brünhilde für seinen König Gunter erobert und von dessen Halbbruder Hagen getötet wird.
Ein lebendiges Tier auf der Bühne? Ist das das ein Effekt von Regisseur Tobias Kratzer? Nein, er hat das Operndrama an dieser Stelle ganz genau genommen. „Ich war selbst erstaunt, wie konkret die Vorgänge mit dem Pferd auskomponiert sind: wie es zurückschreckt, wenn Hagen sich nähert, wie Siegfried es beruhigt. Damit wollte ich präzise umgehen“, wird er im Programmheft zitiert.

Erfahrung aus zehn Filmen

Das Pferd Grane ist ein Liebes-Geschenk, von Brünhilde an Siegfried. Im ersten Akt füttern beide das imaginierte Tier mit Karotten. Ein Gag. Später haben sie gespielte Mühe, es hinter der Kulisse im Zaum zu halten. Und bei der dritten Erwähnung steht Grane leibhaftig unter den menschlichen Darstellern.
Profis sind sie alle auf der großen Bühne, auch der Vierbeiner. „Rico hat bereits in zehn Filmen für Fernsehen oder Kino mitgespielt“, betont sein Besitzer „Rico ist zwischen brennenden Häusern galoppiert und hat Heino Ferch im Sattel getragen“, berichtet Knodel über sein bestes von zahlreichen Pferden im Langensteinbacher Stall.

Besitzer Volker Knodel war schon bei Ricos Geburt dabei

Der 44-Jährige ist dessen engster Begleiter – „ich war schon bei Ricos Geburts dabei“ – und steht ihm natürlich selbst als Kämpfer verkleidet bei jeder Sonntagsaufführung zur Seite. „Durch mich weiß er, dass alles in Ordnung ist, Musik und Menschen stören ihn nicht. Er ist über Jahre, sowie durch weite tägliches Training, klassisch ausgebildet und ein erfahrenes Kutschenpferd, auch bei Mehrspännern. Bei Europameisterschaften im Gespannfahren ist er Beifall gewohnt, ebenso wie bei Hochzeiten mit Kutsche“. Fünf Proben „Götterdämmerung“ hat Rico absolviert. Sobald er alle Mitspieler und ihre Bewegungen, jede Lichteinstellung und jeden Bodenbelag einmal in Begleitung seines Besitzers registriert hat, ist das Pferde-Vertrauen in die Szenerie hergestellt. Selbstverständlich berücksichtigen Knodel und das Staatstheater alle tierschutz- und veterinärrechtlichen Vorschriften.

Ziemlich beste Freunde: Der 17-jährige Rico und Volker Knodel aus Langensteinbach. Für seinen Besitzer geht der Württemberger Wallach durchs Feuer – wie er bei einem Filmeinsatz bewies. | Foto: privat

Vor dem Auftritt tobt sich Rico auf der Koppel aus

Und so sieht ein Sonntag mit Auftritt bei Rico aus: Frühstück mit den anderen Pferden im Stall mitten in Langensteinbach. Vormittags geht es zum Austoben auf die Koppel oder in die Reithalle. „Wo er sich immer gern wälzt und fast wie absichtlich nochmal schmutzig macht“, schmunzelt Knodel. Er muss also nochmals putzen.
Anderthalb Stunden vor dem Auftritt geht’s in den Hänger und zum Staatstheater. Von der Rampe in der Baumeisterstraße wird Rico auf die Hinterbühne geführt, Knodel zieht sich um, Rico wird etwas geschminkt und beide warten auf das Signal, ins gleißende Bühnenlicht zu treten. Dabei trägt Rico keine Hufeisen und ist trittsicherer. Wenn im dritten Akt ein Pferdekadaver, selbstverständlich als Attrappe, auf der Bühne liegt, steht Rico längst wieder im heimatlichen Stall.

Und die Sache mit den Pferdeäpfeln?

Hat er eigentlich schon Mal Äpfel im Staatstheater hinterlassen. Ja, in einer früheren Produktion. Bei Proben zu „Männerphantasien“ im Jahr 2013 auf der Studiobühne. Und was passiert, wenn Rico mal krank wäre in einer der noch drei Vorstellungen? Fahrstall-Besitzer Knodel hat vorgesorgt: Ricos Bruder Robin schnupperte ebenfalls Probenluft und könnte als Stunt-Pferd in der „Götterdämmerung“ einspringen.