Die Welt der Streetart ist sein Spielplatz: Christian Krämer, in den Straßen Karlsruhes besser bekannt als DOME, posiert unter einer Brücke an der Alb vor seinem Mural "Imagination conquering the world", das er den bereits vorhandenen Zeilen aus einem Gedicht von Eichendorff hinzugefügt hat.
Die Welt der Streetart ist sein Spielplatz: Christian Krämer, in den Straßen Karlsruhes besser bekannt als DOME, posiert unter einer Brücke an der Alb vor seinem Mural "Imagination conquering the world", das er den bereits vorhandenen Zeilen aus einem Gedicht von Eichendorff hinzugefügt hat. | Foto: Jörg Donecker

Kunst der Straße ist politisch

Streetart in Karlsruhe: Was DOME, WUAM und die Smileys gemeinsam haben

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Kunst ist eines der großen Aushängeschilder Karlsruhes. Doch nicht nur in Galerien und Museen sind die Ergebnisse künstlerischen Schaffens zu sehen. Auch unter Brücken, auf Hausfassaden und in den Straßen der Fächerstadt sind Künstler am Werk: Streetart ist Teil des Stadtlebens. Die BNN-Redaktion stellt Aspekte und Akteure der Kunst auf Karlsruhes Straßen vor.

Seine Vorstellungskraft erobert die Wände

Christian Krämer alias DOME reist für Aufträge um die Welt

Vier weiße Buchstaben auf schwarzem Grund: Das ist das Erkennungszeichen von DOME. „Ich kann keine schönen Tags schreiben, deshalb habe ich ein Logo gemalt“, sagt Christian Krämer, der Mann hinter dem Pseudonym und Karlsruhes wohl bekanntester Streetartist.

Wer regelmäßig entlang der Alb radelt, joggt oder spaziert, kennt eines seiner jüngsten Werke gut. Unter einer Brücke sitzen schwarze Figuren in weißen Papierschiffchen, zu Wasser gelassen von zwei riesigen Händen. Im Hintergrund Zeilen aus Eichendorffs Gedicht „Frühlingsmarsch“. Dem Aufruf des Dichters, die Welt zu erobern, verlieh Krämer mit seinem Motiv visuellen Nachdruck. Er nennt es „Imagination conquering the world“ – etwa „Die Vorstellungskraft erobert die Welt“.

DOME malt Papierschiffchen unter eine Albbrücke

Der Zufall schuf das Gemeinschaftswerk: „Ich hatte schon länger geplant, an dieser Stelle etwas zu machen“, erzählt Krämer. Dann kam ihm die Karlsruher Werbeagentur Magma zuvor, die Eichendorffs Zeilen in Frakturschrift auf den Beton brachte. Und so kreierte Krämer ein dazu passendes Bild. „Das ist ja Streetart im ursprünglichen Sinne: Dass man die Umgebung einbezieht.“

So verfuhr er schon 2011 mit seinem Motiv „Zeitfremd“ an der Fassade eines langsam zerfallenden Wohnhauses in Mühlburg: ein melancholisches Vanitas-Gemälde im Comic-Style. Das Haus wurde im Mai 2014 abgerissen. „Es war mein letztes Bild in diesem Stil“, sagt Krämer. „Ich war an einem Punkt, an dem ich wusste: Ich muss ’was anderes machen, sonst hör’ ich ganz auf.“ Künstler bräuchten wohl ein paar solcher Stilbrüche im Lauf ihres Schaffens.

Ich will Geschichten erzählen

Nun beschäftigen DOME scherenschnitthafte, schwarze Figuren, die er vor ockerfarbenen, auf Leinwand mitunter auch mit Blattgold besetzten Hintergrund setzt. „Ich will Geschichten erzählen“, sagt er, „meistens haben die einen sozialkritischen Aspekt.“ Etwa seine „Schweinereiterin“, wie er das Gemälde „A Journey through Europe“ – Eine Reise durch Europa – salopp nennt. „Wir schotten uns ab, umzäunen uns“, erklärt der Künstler sein Werk.

Vor dem Hintergrund der immer deutlicher spürbaren Globalisierung gewännen nationale Bestrebungen in Politik und Gesellschaft wieder mehr Anhänger. „In der Türkei werden Journalisten eingesperrt, wir haben Pegida, die AfD und Trump. Es ist total verrückt“, bedauert Krämer.

DOME reist nach Brasilien, New York und zur Art Basel Miami

Auf positive Weise verrückt ist das Künstlerleben, das der in der Rheinstrandsiedlung mit den Hip-Hop-Beats der Fantastischen Vier aufgewachsene und studierte Kommunikationsdesigner heute führt. Für Auftragsarbeiten auf Hauswänden und für Ausstellungen seiner Leinwand- und Papierarbeiten reist DOME um die ganze Welt: Brasilien, Italien, Polen, New York und sogar zur Art Basel Miami.

In Karlsruhe hat er seine Heimat, sein Atelier und seit kurzem die Galerie Artlet, die ihn ausstellt. Für Wandbilder, etwa an der Fassade eines dreistöckigen Wohnhauses, braucht er zwischen vier und fünf Tagen. An einer wenige Quadratmeter großen Leinwand arbeitet er zehn bis zwölf Tage. „An der Wand sind die Details größer“, erklärt Krämer, „und es ist einfach ein anderer Schwung.“

An Free Walls kann legal geübt werden

Früher habe er die Bilder erst beim Malen entstehen lassen. „Da bin ich aber eigentlich nicht der Typ dafür.“ Heute mache er sich genaue Skizzen auf Papier, die Komposition entstehe dann am Computer. Die Vergrößerung auf Hauswandausmaße geschehe mittels der so genannten Grid-Methode: das Motiv wird in quadratische Felder unterteilt, die dann einzeln auf die große Fläche übertragen werden. Das sei in der Szene umstritten – viele malten lieber mit der freien Hand.

Die auf private Hauswände gekritzelten Tags seien „Schmierereien“, findet er. Legal ausprobieren können sich Nachwuchskünstler an verschiedenen „Free Walls“, die die Stadt dafür freigegeben hat. Dort machte auch DOME seine ersten Schritte: beim Jugendzentrum in Daxlanden.

Nichts fürs Museum: Streetart bedeutet übersetzt so viel wie Straßenkunst. Präsentiert werden die nicht kommerziellen Werke anstatt in etablierten Institutionen – wie der Name bereits andeutet – im urbanen Raum. Öffentliche Plätze einer Stadt werden so zum Ausstellungsraum, der für alle Bürger gleichermaßen zugänglich ist. Ampeln, Stromkasten, Laternen aber auch Gebäude, Böden und Untergründe unterschiedlichster Art verwandeln sich in Leinwände.
Es gibt unterschiedliche Darstellungsformen, etwa die klassischen Graffiti. Der Name ist vom italienischen Wort für Schrift oder Zeichnung abgeleitet und beschreibt innerhalb der Streetart das Aufzeichnen oder -sprühen von Schriftzügen mit kunstvoll deformierten Buchstaben und das Setzen so genannter Tags, einer Art Signatur mit dem Pseudonym des Künstlers. Motive, die mittels vorab angefertigter Schablonen aufgesprüht werden, nennt man Stencils, es gibt außerdem Paste-Ups (mit Leim oder Kleister an die Wand geklebte Plakate) und Sticker (Aufkleber), die in Karlsruhe derzeit in Form gelber Smileys für Aufsehen sorgen. Besonders eindrucksvoll allein durch ihre Größe sind Murals: große, aufwendige Motive, die meist die ganze Fläche einer Hausfassade einnehmen.
Ihre Anfänge hatte die Streetart in den 1970er-Jahren. Zunächst legten vereinzelte Künstler ihre Spuren in den Städten, bis sich um die Jahrhundertwende eine Bewegung formte. Einer der bekanntesten Vertreter der Szene ist der Brite Banksy: Seine Werke erhalten mittlerweile ein lukratives Zweitleben bei Auktionen, in Galerien und als Schmuckstück bei Privatpersonen.
Da das Anbringen der Bilder oft illegal stattfindet, sind die meisten Künstler lediglich unter ihrem Pseudonym bekannt oder arbeiten anonym. Nicht selten kritisieren die Streetart-Künstler mit ihren urbanen Bildern die Gesellschaft: Sie sollen beim Vorbeigehen zum Nachdenken anregen.

Tukan gegen Tags

Die einen sehen es als künstlerischen Ausdruck einer politisch motivierten Subkultur, für andere ist es einfach „Geschmiere“: Graffiti und Tags, manchmal auch politische oder rassistische Parolen, die wahllos auf Häuserwände gesprüht werden. Von Kunst kann man dabei oft nicht sprechen, zudem ist das Bemalen fremder Hauswände ohne Erlaubnis des Hausbesitzers illegal. Was aber tun gegen unerwünschte „Verzierungen“ am Garagentor oder der gerade erst für viel Geld frisch gestrichenen Hauswand?

 

Vogelperspektive: Der Künstler WUAM hat in der Hirschstraße einen Tukan auf ein Wohnhaus gemalt.
Vogelperspektive: Der Künstler WUAM hat in der Hirschstraße einen Tukan auf ein Wohnhaus gemalt. | Foto: Peter Sandbiller

Die wohl eleganteste Lösung ist aus der Szene selbst geboren: Es gibt einen Ehrenkodex, nachdem die Werke der Kollegen nicht übermalt oder übersprüht werden – vor allem, wenn es sich um internationale Stars wie Banksy und Shepard Fairey, aber auch lokale Größen wie in Karlsruhe etwa DOME, handelt. So hat etwa der Streetartist mit dem Pseudonym WUAM, bekannt für seine farbenfrohen Vogeldarstellungen, schon mehrere Auftragsarbeiten in Karlsruhe angefertigt, etwa in der Hirschstraße. Und wie stellt man den Kontakt zu so einem Künstler her? Am besten auf der Straße.