Sybelcentrum
Das Sybelcentrum in der Karlsruher Südstadt muss saniert werden. | Foto: Sandbiller

Kampagne „Keine kalten Füße“

Sybelcentrum Karlsruhe wirbt um Spenden für Sanierung

Anzeige

Keine kalten Füße“: Mit diesem Slogan wirbt das Sybelcentrum in der Südstadt um Spenden. Gemeint ist der Satz wörtlich: Oft fällt in der Jugendhilfeeinrichtung der Heimstiftung Karlsruhe die Heizung aus.

Sybelcentrum in denkmalgeschütztem Bau

Entsprechend eisig ist es dann in dem denkmalgeschützten Altbau, in dem derzeit rund 50 Kinder und Jugendliche leben und es zudem Tagesgruppen gibt.

Klempner und Installateure sind quasi Dauergast in dem über 100 Jahre alten Haus – das nun umfangreich saniert werden muss. „Ständig wurde die Jahre über an allen Stellen notdürftig geflickt“, berichtet Einrichtungsleiterin Eva Rühle. Das sei jetzt keine Lösung mehr.

Umbau soll fünf Jahre dauern

Fünf Jahre soll der Umbau dauern. Start ist 2019. Veranschlagt sind die Maßnahmen derzeit mit 17 Millionen Euro. Hinzu kommen Kosten, weil die Wohngruppen zeitweise ausgelagert werden müssen.

Die Heimstiftung als Trägerin ist gemeinnützig und nicht gewinnorientiert. Deshalb kann sie die Arbeiten nicht aus eigenen Mitteln bezahlen.

Ziel sind drei Millionen Euro

Die Stadt wird voraussichtlich den Großteil übernehmen. Doch drei Millionen Euro will das Sybelcentrum an Spendengeld einwerben und so einen Beitrag dazu leisten, dass keiner ihrer Schützlinge künftig mehr kalte Füße haben muss – wobei die ausgefallene Heizung nur eines von vielen Problemen ist.

Es zieht wie Hechtsuppe

An mehreren Stellen hat die altrosafarbene Fassade des Sybelcentrums feine Risse. Das ist schon von der Straße aus auf den ersten Blick zu erkennen.

Wer genauer hinsieht, stellt fest: Viele Fensterrahmen sind aus Holz. Die Farbe blättert ab. Dass die Fenster nicht mehr richtig schließen, lässt sich erahnen. „Es zieht drinnen wie Hechtsuppe“, bestätigt Eva Rühle. Und auch an Tagen, an denen die Heizung funktioniert, gibt es für sie nur zwei Möglichkeiten: an oder aus. Eine energiesparende Regelung der Temperatur ist nicht möglich.

Letzte Generalsanierung Mitte er 1970er Jahre

Ende der 1960er bis Mitte der 1970er Jahre wurde das Haus zuletzt generalsaniert.

„Damals war alles auf dem Stand der Technik“, versichert die Heimleiterin.

Wasser und Elektro in einem Schacht

Dem Trend dieser Zeit entsprechend habe man beispielsweise Leitungsschächte gespart. Will heißen: Bis heute sind Elektro- und Wasserleitungen in einem Schacht vereint. Letztere brechen immer wieder.

„Da kam es dann schon zu richtigem Funkenschlag“, erzählt Eva Rühle. Dennoch genießt diese überalterte Anordnung Bestandsschutz. „Da es aber den heutigen Bestimmungen nicht mehr entspricht, muss alles verändert werden, sobald wir etwas anfassen“, so die Heimleiterin.

Alte Leitungen sind das drängendste Problem

Die alten Leitungen sind für sie das drängendste Problem. Eva Rühle wundert sich längst nicht mehr, wenn sie durchs Haus läuft und sich mal wieder irgendwo eine Pfütze auf dem Boden gebildet hat, weil ein Wasserrohr undicht ist.

Alte Rohre
Alte Rohre und Leitungen sind für Einrichtungsleiterin Eva Rühle ein zentrales Problem | Foto: Sandbiller

An diesem Morgen trifft sie im Keller auf einen kleinen See auf dem grünen PVC-Boden. Vor der Damentoilette sammelt sich das Wasser. Dass WC überlaufen, weil der Abfluss verstopft ist, gehört für die Bewohner fast schon zum Alltag.

Kita musste ausziehen

Gerade erst musste eine Kitagruppe aus dem Gebäude ausziehen. Grund dafür waren die Brandschutzbestimmungen: Die Fenster öffnen nicht besonders weit. Kleine Kinder können somit im Fall der Fälle womöglich nicht schnell genug hinaus in Sicherheit klettern.

Kaum waren die Räume leer, ergab sich eine Etage höher in einer Wohngruppe ein Problem in den sanitären Anlagen – die Arbeiter mussten auch in Stock darunter die Decke aufklopfen.

Rohre komplett zu

Noch liegen die Rohre im Flur. Ein winziges Loch ist frei. Der Rest ist verstopft, die Leitung an sich brüchig.

Sybelcentrum
Im Sybelcentrum bröckelt der Beton | Foto: Sandbiller

Bröckelig wiederum ist der Beton der Pfeiler, die auf der Rückseite des Gebäudes die Loggia stützen. Regenwasser machte die aus dem Jahr 1913 stammende Substanz so weich, das sie weg bricht. Der bloße Stahl ist zu sehen. Ein Statiker war vor Ort, machte Probebohrungen. Auch an dieser Stelle muss etwas geschehen.

Treppe drohte abzusacken

Der Fachmann nahm weitere Ecken des Gebäudes unter die Lupe. Die Eingangstreppe zum Beispiel. Vom Keller aus konnte er durch eine Stufe hindurch den Himmel sehen. Betonblöcke und Stahlträger wurden eingezogen, damit der Hauptzugang nicht nach unten wegsackte.

Eine Lösung, die womöglich Bestand haben wird, auch wenn es nicht schön aussieht. Außen hingegen macht der Denkmalschutz Vorgaben: Die neuen Fenster beispielsweise müssen zur Gebäudestruktur passen – die erhalten und gleichzeitig zukunftsfähig gemacht werden soll.

Hintergrund

Das 1913 erbaute Städtische Kinderheim in der Sybelstraße ist 1995 in die Trägerschaft der Heimstiftung Karlsruhe übergegangen.

Lange Zeit sprach man vom Kinder- und Jugendhilfezentrum. Dann setzt sich der Volksmund durch: Entsprechend der Adresse ist heute vom Sybelcentrum die Rede.

Inobhutnahme

Aufgenommen werden dort Kinder und Jugendliche von sechs bis 17 Jahren, die vom Sozialen Dienst der Stadt oder der Polizei in Obhut gegeben werden, die direkt im Sybelcentrum um Aufnahme bitten oder die als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Karlsruhe registriert wurden.

Vollstationäre Gruppen

Es gibt vollstationäre Wohngruppen, die Möglichkeit der Unterbringung in Bereitschaftspflegefamilien sowie Tagesgruppen.

Das Sybelcentrum bietet Jugendlichen, die in ihrer Wohnsituation größere Probleme haben oder obdachlos sind, niedrigschwellig Beratung und Unterstützung – ohne Einbindung in eine ambulante, teilstationäre oder stationäre Jugendhilfe.

Augartenschule

Weitere Bausteine sind die sozialpädagogische Familienhilfe und der psychologische Dienst. In der angeschlossenen Augartenschule finden Kinder mit emotionalem und sozialem Förderbedarf Unterstützung.

 Historie

Schon am Anfang war da eine Spende: Vor über 100 Jahren stellte der Altstadtrat und langjährige Landtagsabgeordnete Karl Hoffmann rund 100.000 Mark für den Bau des „Städtischen Kinder- und Säuglingsheims“ zur Verfügung.

Der von Stadtbaudirektor Friedrich Beichel konzipierte Komplex war insgesamt mit rund 250.000 Mark veranschlagt, von denen große Teile über Anlehensmittel finanziert wurden.

1913 startete der Betrieb

1913 startete der Betrieb am Rande der Südstadt in der Sybelstraße – der nicht der erste seiner Art war: Schon Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in Karlsruhe ein Waisenhaus eröffnet.

Milde Beiträge

Die Bevölkerung wurde bereits dafür „um milde Beiträge“ gebeten. Doch bald waren da nicht nur elternlose Kinder, um die sich die Gesellschaft kümmern musste.

Spätestens als sich Karlsruhe in den 1870er Jahren zu einer industrialisierten Großstadt entwickelte, gab es immer mehr Jungen und Mädchen, bei denen eine Verwahrlosung festgestellt wurde: Zerrüttete Arbeiterfamilien trieben die Kinder auf die Straßen.

Kinder im Armenpfründnerhaus

Unverheiratete Mütter sahen sich nicht in der Lage, ihre Kinder großzuziehen. Ähnlich sah es häufig aus, wenn Mütter im Kindsbett starben und Väter überfordert waren.

Der damalige „Stadt- und Armenrat“ wusste sich nicht anders zu helfen, als Kinder im Alter von erst wenigen Tagen bis hin zu 14 Jahren im Städtischen Armenpfründnerhaus in der Zähringerstraße unterzubringen. In dieser Einrichtung sollten eigentlich arme, alte und gebrechliche Menschen versorgt werden. Schließlich wurde das um sogenannte Sozialwaisen erweitert.

Bedingungen waren katastrophal

Die räumlichen und hygienischen Bedingungen waren katastrophal. Es folgte eine Erweiterung, für die lediglich 180 Quadratmeter zur Verfügung standen.

Auch dies war nur eine Übergangslösung. Maximal 40 Kinder hatten Platz. Doch 75 wurden mitunter untergebracht, kranke neben gesunden Kindern, die Sterberate stieg zeitweise auf über zehn Prozent.

Besonderes Kinderasyl

Deshalb war klar: Es brauchte ein „besonderes Kinderasyl“. Dieses wurde schließlich an der Peripherie des Stadtgebiets in der nach dem Historiker Heinrich von Sybel benannten Straße errichtet.

Platz war für 120 Kinder: 30 Säuglinge, 40 Kleinkinder bis vier Jahre, 50 bis 14 Jahre.

68 Jungen und Mädchen zogen ein

Insgesamt 68 Kinder und sechs Schwestern zogen am 16. September 1913 in den Bau ein. Vier Jungen und Mädchen – die Geschwister Ida, Helene, Karl und Frieda Dickemann – waren erst am Morgen des Umzugstags von ihrem Vater – dem Tageslöhner Karl Dickemann – abgegeben worden.

Weltkrieg verschärfte Situation

Bald brach der Erste Weltkrieg aus. Unzählige Väter wurden eingezogen und ließen Frauen zurück, die ihre Kinder nicht ernähren konnten. Im Juli 1915 lebten 160 Kinder in dem städtischen Heim.

Auch nach dem Krieg blieb die Zahl der Bewohner an der Grenze zur Überlastung. 1925 beschlossen der Gemeinderat und das Städtische Fürsorgeamt einen Anbau. 1927 war der Seitentrakt fertig.

Revolutionäres Glasboxensystem

Dort kam die Säuglings- und Kinderpflege unter, ausgestattet mit einem Glasboxensystem: Die Schwestern hatten stets alle Kinder im Blick.

In der damaligen Zeit war dies revolutionär. Weil insgesamt viele Babys betreut wurden, bildete man in dem Heim gleich junge Frauen zu Säuglings- und Kinderpflegerinnen aus.

Pädagogen kamen mit den 68ern

In den 1930er Jahren waren im „Sybelheim“ – wie die Bevölkerung die Einrichtung nannte – nicht nur Schwestern und Ärzte tätig, sondern auch Kindergärtnerinnen. Pädagogen folgten erst mit der 68er-Bewegung.

Nationalsozialisten nutzten das Haus

Zuvor musste das Haus den Zweiten Weltkrieg überstehen. 1939 wurde die Zwangsräumung angeordnet. Kaum waren die Bewohner weg, wurde der Bau zu einem „Kameradschaftsheim“ der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt.

Ab Frühjahr 1940 war erneut die Stadt zuständig, im Juli zogen wieder Kinder ein – vorübergehend: Im Sommer 1942 folgte die zweite Evakuierung. Die Räume standen für den Katastrophenschutz als Hilfskrankenhaus zur Verfügung.

1945 bei Fliegerangriff getroffen

1945 wurde das Gebäude bei einem Fliegerangriff getroffen. Die funktionstüchtigen Räume waren nach Kriegsende zunächst Krankenhaus. Im Mai 1946 kamen die Kinder zurück. Lange Zeit waren sie in Schlafräumen mit Platz für bis zu 50 Betten untergebracht.

Sybelcentrum
Noch in den 1960er Jahren fanden bis zu 50 Betten in den Zimmern Platz | Foto: Schlesiger

All dies änderte sich im Lauf der Zeit. Man sprach nicht mehr von „Anstalt“ oder „Zögling“. Der Fokus wurde auf das Kind gelegt, nicht mehr in erster Linie auf den reibungslosen Ablauf. Es wurde auch umgebaut und saniert, was jetzt wieder einmal ansteht, im großen Stil.

Spenden

Wer die Aktion „Keine kalten Füße“ für das Sybelcentrum unterstützen möchte, kann Spenden an die Sparkasse Karlsruhe, IBAN: DE22660501010108257593