Rettung naht – aber wie schnell? In Karlsruhe sollen vermehrt Rettungswagen erheblich verspätet bei Patienten eingetroffen sein, wie unter anderem BNN-Leser berichten. | Foto: BNN

Berichte über Verspätungen

„Systemversagen im Rettungsdienstbezirk Karlsruhe“

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Sind Verspätungen bei Rettungswagen im Bezirk Karlsruhe strukturell bedingt? So sieht es Andreas Wolf, Geschäftsführer des privaten Rettungsdienstes ProMedic. Schichtausfälle und somit stehende Einsatzfahrzeuge häuften sich vor allem beim DRK Karlsruhe, bedingt durch massiven Personalmangel. Das Land müsse nun einschreiten und weitere private Leistungsanbieter für Fahrten im Rettungsdienstbezirk Karlsruhe zulassen. Anfang des Monats hatte ein Fall für Aufsehen gesorgt, bei dem zwischen Notruf und dem Eintreffen eines Krankentransportwagens ganze sechs Stunden vergangen waren. (Die BNN berichteten.)

Im Notfall können Sekunden über Leben oder Tod entscheiden. Daher müssen Rettungswagen in mindestens 95 Prozent der Fälle in zehn, maximal 15 Minuten nach dem Anruf am Einsatzort eintreffen – so schreibt es das Rettungsdienstgesetz des Landes vor. In den vergangenen Wochen meldeten sich mehrere BNN-Leser in der Redaktion, teils per Leserbrief, und berichteten von erheblichen Verspätungen.

Rettungsdienst ProMedic bezieht Stellung

Anfang August etwa beklagte sich die Tochter eines möglichen Schlaganfall-Patienten über eine Verzögerung von sechs Stunden zwischen Erstanruf und Ankunft eines „Notarztwagens“ (die BNN berichteten). „Dieser Einsatz steht exemplarisch für das Systemversagen des Rettungsdienstes im Rettungsdienstbereich Karlsruhe“, schreibt dazu Andreas Wolf, Geschäftsführer des am Einsatz beteiligten privaten Rettungsdienstes ProMedic, der Redaktion. Im Gespräch mit den BNN erklärt er, seine Mitarbeiter seien in weniger als 15 Minuten nach Eingang des Auftrags vor Ort gewesen – also um 23.31 Uhr.

Was war in der Zwischenzeit passiert?

Wie berichtet, wurde zunächst der hausärztliche Notdienst verständigt. Da der jeweilige Hausarzt im Bereitschaftsdienst generell selbst entscheide, wann er zu welchem der ihm gemeldeten Patienten fahre, sei eine Wartezeit von einigen Stunden durchaus normal, bestätigen sowohl Wolf als auch Stefan Sebold, Leiter der integrierten Rettungsleitstelle Karlsruhe. Denn in diesen Fällen handele es sich nicht um lebensbedrohliche Lagen. Es werde, wie auch in der Rettungsleitstelle, je nach Dringlichkeit unterschiedlich priorisiert.

Rettung oder „nur“ Transport?

Sei der Hausarzt beim Patienten, stelle er eine Diagnose und entscheide über das weitere Vorgehen, erläutert Sebold: Ein Krankentransportwagen (KTW) in nicht (mehr) akuten Fällen, die aber Behandlung in einer Klinik erfordern; ein Rettungswagen (RTW) – besetzt mit je einem Notfallsanitäter und einem Rettungssanitäter – in dringenden Notfällen.

Ein Notarzt werde erst hinzugezogen, wenn und falls die Behandlung des Patienten nicht durch den Notfallsanitäter erfolgen könne, etwa weil bestimmte Medikamente zu verabreichen oder die Lebensrettung so kompliziert sei, dass dazu das Wissen eines Arztes nötig sei.

Priorisierung erfolgt je nach Dringlichkeit

All diese Entscheidungen treffen auch die geschulten Kräfte in der Leitstelle, bei denen die Erstanrufe eingehen – auf Verdacht, wie Sebold betont. Meist seien die Anrufer medizinische Laien. Deshalb könne es in dieser Situation nur eine Verdachtsdiagnose geben. Dass in diesen Gesprächen nicht immer schnellstmöglich die korrekten und relevanten Informationen geklärt werden könnten, sei normal.

Zum konkreten Vorfall könne man sich aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht äußern, so Sebold. „Ich kann nicht beurteilen, was in dieser Nacht los war“, sagt ProMedic-Chef Wolf. „Aber eine Verspätung von drei Stunden, das ist zuviel.“ Im beschriebenen Fall habe der Arzt einen Krankentransport bestellt, also offenbar die Situation des Patienten als nicht akut lebensbedrohlich eingestuft.

Warum die Meldung erst drei Stunden später bei ProMedic eingetroffen sei, könne er nicht sagen.

Was ist ein Notfall?

„Wenn der Arzt uns einen Transportauftrag gibt, sprechen wir nicht von einem Notfall“, erklärt Sebold das grundsätzliche Vorgehen in der Leitstelle. Notfall bedeute, dass das Leben der Betroffenen akut bedroht sei. Verschiedene Notfälle seien unterschiedlich dringend, dementsprechend würden die verfügbaren Rettungswagen disponiert. „Es ist nicht wie bei der Feuerwehr, die jeweils von der Wache ausrückt.“ Rettungswagen seien ständig unterwegs zwischen Klinik und Patienten.

Personalmangel beim DRK

ProMedic-Chef Wolf sieht ein massives strukturelles Problem als Ursache für die Verspätungen im Rettungsdienst. „Wenn nicht ausreichend Fahrzeuge sofort verfügbar sind, rutschen die weniger dringenden Fälle nach hinten. So entsteht die Tragik der Verspätungen“, sagt er.

Neben dem Deutschen Roten Kreuz (DRK), das einen Vertrag mit dem Land hat, fahren im Rettungsdienstbezirk Karlsruhe auch private Leistungsträger wie ProMedic, der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und der Malteser Hilfsdienst (MHD). Seine Mitarbeiter berichteten ihm fast täglich von Schichtausfällen beim DRK, wodurch in der Versorgungsplanung vorgesehene Fahrzeuge stehen blieben, sagt Wolf.

Meine Mitarbeiter rasen umher

Diese Ausfälle müssten andere Dienste ausgleichen. „Meine Mitarbeiter rasen umher, werden schon bei der Übergabe eines Patienten in der Klinik zum nächsten Notfall rausgepiepst.“ Wenn solche Ausfälle die Regel seien, dann sei das ein Strukturproblem und das Land müsse zusätzliche Dienstleister zulassen, um die Defizite beim DRK auszugleichen.

Auf BNN-Anfrage bestätigt DRK-Rettungsdienstleiter Daniel Schneider, dass beim DRK Karlsruhe derzeit 24 von 260 Stellen unbesetzt seien. Damit liege man bei etwa zehn Prozent, was dem durchschnittlichen Personalmangel der Rettungsdienste in Deutschland entspreche. Dieses Defizit werde man in Karlsruhe mit den Absolventen der Notfallsanitäter-Ausbildung in den kommenden Jahren schrittweise ausgleichen können.