Mit Täubchen kennt sich der Karlsruher Brieftaubenzüchter Klaus Rachner aus. Die Tiere im Taubenschlag in Wolfartsweier sind wahre Leistungssportler.
Mit Täubchen kennt sich der Karlsruher Brieftaubenzüchter Klaus Rachner aus. Die Tiere im Taubenschlag in Wolfartsweier sind wahre Leistungssportler. | Foto: jodo

Brieftauben in Karlsruhe

Tag der Brieftaube: Beim Karlsruher Züchter Klaus Rachner gurrt es im Nest

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Ein Herz für Täubchen hat der Karlsruher Klaus Rachner, seit er denken kann. Die Tiere in seinem Taubenschlag in Wolfartsweier sind wahre Leistungssportler. Dort lernen die Jungen von den erfahrenen Altvögeln, was eine Brieftaube so alles beherrschen muss, um stets auf kürzestem Weg wieder an den gefüllten eigenen Fressnapf zu finden.

Am Sonntag, 19. April 2020, wollten Züchter am bundesweiten Tag der Brieftaube ihr Hobby präsentieren und ihre Taubenschläge für Interessierte öffnen. Im Unterschied zu den Schwarmvögeln müssen aber Menschen derzeit Abstand halten. Daher können Interessierte in diesem Jahr die Küken im Nest nicht wie geplant vor Ort sehen, immerhin aber per Video.

Ein Täuberich gurrt aus voller Kehle. Auf seinem Balzplatz hoch über dem Hof von Klaus Rachner schwärmt der verliebte Vogel eine vermeintliche potenzielle Partnerin auf Augenhöhe schräg gegenüber an. „Sie“ würdigt ihn keines Blickes.

Denn der Täuberich hat sich ordentlich verguckt und betet versehentlich ein Männchen an. Das zeigt dem Balzenden die kalte Schulter. Halb so wild, das kommt schon mal vor, wenn die Frühlingsgefühle mit Macht aufwallen, weiß Rachner.

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Brieftauben werden gezielt trainiert

Der 49 Jahre alte Karlsruher beschäftigt sich mit Brieftauben, seit er laufen kann. Er züchtet und trainiert sie, wie es schon sein Vater tat. Dazu hält Rachner je 15 Paare in seinen beiden Taubenschlägen in Durlach-Aue und Wolfartsweier. Als Mitglied der Reisevereinigung Rastatt der Brieftaubenzüchter erklärt er alles, was es über die Tiere und das anspruchsvolle Hobby zu wissen gibt.

Jetzt ist für uns Züchter die beste Zeit.

Klaus Rachner, Karlsruher Brieftaubenzüchter

Moderne Brieftauben sind bis zu 500 Gramm schwere Leistungssportler mit unbedingter Treue zum heimischen Schlag und durchaus enger Bindung an den Partner, trotz kleiner Eskapaden wie in Rachners Hof. „Jetzt bis zum Sommer ist für uns Brieftaubenzüchter die beste Zeit“, sagt der Mann, der zwei bis drei Stunden pro Tag in seine Leidenschaft für Tauben steckt.

Brieftauben auf Reisen
„Rennpferd des kleinen Mannes“ nennt man die Brieftaube auch. Zwar sind die Vögel klein und nicht so anspruchsvoll wie ein nervöser Star der Trab- oder Galopprennbahn, man muss sie doch Tag für Tag versorgen und trainieren, wenn sie schließlich bis zu 800 Kilometer Wettflug mit der Konkurrenz absolvieren sollen.
Per Lkw werden die Vögel der Reisevereinigungen in und um Karlsruhe von festen Übergabepunkten in Oberreut, Knielingen, Neureut, Weingarten und Durmersheim an den Start gebracht. Zu Saisonbeginn fliegen die pfeilschnellen Heimkehrer zum Beispiel in Saverne auf, später bei Nancy und schließlich nahe Paris.

Einblick ins Nest der Brieftaube

Eigentlich hätten viele Brieftauben am Sonntag, 19. April 2020, am bundesweiten „Tag der Brieftaube“ ihren großen Auftritt. An dem Tag stellen sonst Züchter in ihren Taubenschlägen in ganz Deutschland ihr Hobby vor. Das fällt 2020 wegen des Coronavirus flach. So bat der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter seine rund 30.000 Brieftaubenzüchter in mehr als 5.000 Vereinen zu einer #lovestayinghome-Challenge aufgerufen.

Die Züchter sollen Fotos aus ihren Taubenschlägen als Bausteine für ein Video schicken. Das Video wird am Sonntag auf allen Online-Kanälen des Verbandes veröffentlicht – also auf der Homepage des Vereins und zusätzlich via Facebook, auf Instagram und Youtube.

Wir befinden uns  in einer spannenden Phase.

Richard Groß, Präsident des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter

„Wir befinden uns gerade in einer spannenden Phase. Viele Jungtiere sind geschlüpft, die Freiflugsaison startet“, berichtet Deutschlands oberster Brieftaubenzüchter, Verbandspräsident Richard Groß. Er verspricht: „Wir werden wunderschöne Einblicke in Taubenschläge erhalten.“

Nest
Nesthocker: Frisch geschlüpfte Brieftauben sind noch blind. | Foto: Verband Deutscher Brieftaubenzüchter

Auch bei Klaus Rachner in Aue hocken jetzt einige Täubchen auf den Nestern. Je zwei Eier halten die brütenden Weibchen warm unter sich. Nach etwa 17 Tagen knackt die Schale und ein erstes dottergelbes Taubenküken schlüpft.

Das ist die Zeit, in der die sechsjährige Lina besonders gern mit ihrem Vater in den Taubenschlag hinaufsteigt. Rachners Tochter wird erst im Herbst eingeschult, verfolgt aber jetzt schon mit Kennerblick, wie die kleinen Nesthocker die zunächst fest geschlossenen Augen von Tag zu Tag etwas weiter öffnen.

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Junge Brieftauben blicken mit schwarzen Kulleraugen in die Welt

Ganze sechs Wochen verharren junge Täubchen im Nest, gucken nur mit schwarzen Kulleraugen in die Welt und wachsen rasant heran. Wenn sie flügge werden, sind sie schon so groß wie die ausgewachsenen Tiere. Deren orangefarbene Augen allerdings bekommen sie erst später.

20 Jahre alt wurde die älteste Taube in Rachners Schlag. Bis Mitte September und dann wieder ab März lässt er sie über Wolfartsweier aufsteigen. Sonst verliere er zu viele an Wanderfalken. Tauben sind ihre Hauptbeute. Da hilft nichts, sagt der erfahrene Züchter: „Es passiert teils vor meinen Augen.“

Orientierung will gelernt sein
120 Kilometer pro Stunde schaffen die stärksten Tiere zeitweise. Ziel ist der heimische Taubenschlag. Ob sie den dank „innerer Landkarte“, Sonnenstand, Magnetfeld, Gerüchen, Infraschall oder einer Kombination aus alldem finden, diskutieren Wissenschaftler noch. Sicher ist: Orientierung will gelernt sein. Junge schauen es sich von den Altvögeln ab.

Was Menschen die Taube bedeutet

Glaube, Hoffnung, Friede: Damit bringen Menschen die Taube seit jeher in Verbindung. In der Bibel trägt eine Taube einen Ölzweig zu Noah auf die Arche zurück – als Zeichen der Hoffnung allgemein und als Zeichen der Chance auf die Rückkehr in ein Leben an Land nach der Sintflut.

Taube
Die Taube hat seit Jahrtausenden Bedeutung für den Menschen. | Foto: verband Deutscher Brieftaubenzüchter

Als Bild des Friedens hebt auch heute in Smartphones und Chat-Programmen zwischen unzähligen Bildchen und Emojis eine weiße Taube mit einem Zweiglein im Schnabel ab. Und bei Hochzeiten soll immer öfter ein aufsteigender Schwarm meist strahlend weißer Tauben die Herzen der Brautleute und der Zuschauer zusätzlich pochen lassen.

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Jahrtausende im Dienst

In der modernen Zivilisation mischt die Brieftaube nachweislich seit Jahrtausenden mit. Ägypter und Römer setzen sie schon 5.400 vor Christus ein, um die Krönung eines Pharaos oder Königs bekannt zu machen.

Auch bei Griechen sind Brieftauben schon in der Antike begehrt, weil sie flink und zuverlässig über mehr als 1.000 Kilometer den Weg zurück finden. Sie lassen tauben sogar als Teilnehmer der Olympischen Spiele zu.

Brieftauben beim Militär…

Die Römer setzen die fliegenden Boten auch gezielt für militärische Zwecke ein. Per Taubenpost tauschen römische Befehlshaber im Krieg mit Verbündeten Nachrichten aus.

Weil die Vögel ungehindert Landesgrenzen überfliegen können, werden noch im Ersten Weltkrieg Schätzungen zufolge bis zu 100.000 Brieftauben eingesetzt.

Die Armee der Schweiz unterhält sogar bis 1996 einen Brieftaubendienst mit 30.000 Vögeln.

… und als Symbol der Friedensbewegung

In der Friedensbewegung ab den 1980er Jahren in Westdeutschland ist die Taube ein zentrales Symbol und Botschafter für das Ziel globaler, vor allem atomarer Abrüstung.

Eine auffliegende weiße Taube auf blauem Grund: Dieses Emblem tragen am 22. Oktober 1983 insgesamt 1,3 Millionen Menschen mit sich, die zwischen Stuttgart und Ulm eine durchgehende Menschenkette bilden oder zur gleichen Zeit in Bonn, Berlin oder Hamburg demonstrieren.

Schwarm
Über Wolfartsweier drehen Rachners Brieftauben seit Anfang März täglich ihre Runden. Früher brachten verlässliche Flieger  wie sie sogar eilige Agenturmeldungen. | Foto: jodo

Brieftauben sind bis zur Erfindung der Telegrafen auf dem Gebiet der Briefzustellung unschlagbar und haben sich als Postboten bis in die Moderne behauptet. Die Nachrichtenagentur „Reuters“ hätte es ohne sie vielleicht nie gegeben: Sie begann ihren Dienst per Brieftaubenpost.

In Nordrhein-Westfalen, Deutschlands Kernregion der Brieftaubenzucht, ist das Brieftaubenwesen im April 2018 Immaterielles Kulturerbe geworden.