Alles Theater! Vor 300 Jahren kam in Karlsruhe das erste Stück auf die Bühne. Sein Titel: Celindo oder die hochgepriesene Gärtner-Treue | Foto: © nicoletaionescu-stock.adobe.com

Vor 300 Jahren in Karlsruhe

Theater-Eröffnung mit barockem Pathos und Pikanterien

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Eigentlich war es eine Konserve. Das Singspiel nämlich, mit dem am 13. Januar 1719 das „Hochfürstlich Markgräfliche Baden-Durlachische Theater“ im Ostflügel des Karlsruher Schlosses eröffnet wurde. Schon einige Jahre zuvor hatte das Stück im Lustgarten zu Durlach den Beifall des Landesherrn gefunden.

Doch mit einigen Verschönerungen versehen passte es perfekt zur Situation in der neuen Residenz. „ Celindo oder die hochgepriesene Gärtner-Treue“ hieß das „musikalische Divertissement“, mit dem vor 300 Jahren die Karlsruher Theatergeschichte begann.

Ein Markgraf – berühmt für seine Blumenliebe

Es handelte sich um eine Hymne auf den badischen Markgrafen Karl Wilhelm (1689–1738). Der Gründer Karlsruhes war für seine innige Liebe zur Blumengärtnerei bekannt. Und für pikantere Leidenschaften, die das Singspiel ebenfalls nicht außen vor ließ. Zumindest nicht ganz.

Ein Stück, von dem nur das Textbuch blieb

„Celindo oder die hochgepriesene Gärtner-Treue“? Theaterfans müssen sich nicht schämen, falls ihnen zu diesem Stück nichts einfällt. Der Komponist ist unbekannt, der Autor ebenfalls, die Noten sind verschollen. Nur das Textbuch blieb erhalten. Es erzählt von einem Spiel mit viel barockem Schwulst und Pathos.

Lobgesänge auf Celindo

Kein Wunder, denn Celindo steht für keinen Geringeren als den regierenden Markgrafen. Da passt es, dass die Göttin der Freude in Celindos Garten – gemeint ist der neue Schlossgarten zu Karlsruhe – den Prolog spricht. Und während sich Celindo der Pflanzenwelt widmet, singen Gärtnerinnen sein Loblied. Bis in Begleitung niedlicher Nymphen die Göttin Flora erscheint, um – man errät es kaum – ein Loblied auf Celindo anzustimmen.

Auftritt Mars und Venus

Im zweiten Akt preist dann Götterbote Merkur den Kriegsgott Mars. Das passt auch, hatte Markgraf Karl Wilhelm doch vor seinem Regierungsantritt im Spanischen Erbfolgekrieg gekämpft und sich nach offizieller Darstellung gehörig mit Ruhm bekleckert.

Dass Mars in Celindos Garten ein Rendezvous mit der Liebesgöttin Venus hat – auch schön. Es war ja kein Geheimnis, dass der Gründer Karlsruhes viel Sinn für Frauen besaß – die eigene mal ausgenommen. Die hatte er in Durlach zurückgelassen.

Eine Krone für den Markgrafen

Im dritten Akt schließlich besingt Celindo die Schönheit der Blumen und besonders die seiner geliebten Tulpen. Das Stück erreicht den Höhepunkt, als Flora ihren „liebsten Sohn“ mit einem Kranz aus Zitronen und Pomeranzen krönt.

Gesellschaftspolitische Debatten künstlerisch führen – was das Badische Staatstheater heute als Auftrag betrachtet, lag dem Hoftheater, aus dem es hervorging, vor 300 Jahren fern. Es stillte die Gier der Zuschauer nach Repräsentation, Prunk, großer Gebärde und Unterhaltung.

In nicht sehr strenger Moral…

Doch das Barocktheater erhob auch den Anspruch, ein vollkommenes Abbild der Welt zu sein. Daher brachte es auch Kleines und Vulgäres auf die Bühne. Bei „Celindo“ sorgten Zwischenspiele für Bodenhaftung. Da klärt eine Bäuerin in „nicht sehr strenger Moral“ ihre Tochter übers Heiraten auf und ein einfacher Mann liefert sich mit seiner Frau ein derbes Duett zur ehelichen Moral.

Pikanterien – auf Karl Wilhelm gemünzt

Die Zuschauer dürften sich köstlich amüsiert haben über die zweifellos auf den Markgrafen gemünzten Pikanterien. Doch der war viel zu erhaben, um sich über solche Harlekinaden aufzuregen.

Als Gipfel der Wonne dürften es die Zuschauer empfunden haben, dass sich die Darstellerinnen des Celindo-Singspiels aus eben jenen Frauen rekrutierten, mit denen Karl Wilhelm seinen Mangel an ehelicher Moral praktizierte. Zu etlichen Künstlerinnen unterhielt er intime Beziehungen.

Die Sache mit den Tulpenmädchen

Es handelte sich um Mädchen aus der Umgebung, die Karl Wilhelm eine Ausbildung in Gesang und Tanz „serieux und burlesco“ verdankten. Sogar in Hosenrollen schlüpften sie, bis – ja, bis im wahren Leben wieder Mars die Herrschaft übernahm. 1733 brach der Polnische Thronfolgekrieg aus. Prompt brachte sich Celindo – pardon, Markgraf Karl Wilhelm – im neutralen Basel in Sicherheit. Und damit war das erste Kapitel der Karlsruher Theatergeschichte zu Ende. Als „Tulpenmädchen“ gingen die Hofsängerinnen in den Legendenschatz der jungen Stadt ein.