Party-Ausstattung für Mutige: Manch ein Hund hält die Silvesternacht mit einem Schallschutz für die Ohren sogar im Freien gut aus. Ängstliche Tiere sollten aber vorsichtshalber ihren letzten Gassigang schon tagsüber erledigt haben.
Party-Ausstattung für Mutige: Manch ein Hund hält die Silvesternacht mit einem Schallschutz für die Ohren sogar im Freien gut aus. Ängstliche Tiere sollten aber vorsichtshalber ihren letzten Gassigang schon tagsüber erledigt haben. | Foto: Fabry

Tipps von Karlsruher Experten

Tiere an Silvester: „Gassigehen wird zum Spießrutenlauf“

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Für die einen ist es die Party des Jahres, für die anderen unnötiger Krach. Für die meisten Tiere ist Silvester noch schlimmer: ein Höllenlärm, den sie nicht einordnen können und vor dem sie nur fliehen wollen.

Gefahr für Wildtiere

„Für Wildtiere ist es eine Katastrophe“, sagt die Neureuter Tierärztin Astrid Fritzenschaf. Sie ist auch Mitgründerin der Karlsruher Wildtierstation und hat sich im Sommer um das Eichhörnchen Pippilotta gekümmert, das einem Mann „zugelaufen“ war (Die BNN berichteten.) Eichhörnchen würden durch den Lärm aufgeschreckt, der Stress bereite den Weg für Erkrankungen.

Schlimmer ergehe es den stadtnah lebenden Singvögeln: „Sie werden aus dem Schlaf geweckt von einem Krach, der lauter ist als jedes Gewitter“, erklärt Fritzenschaf. „Sie fliegen dann hoch, werden manchmal von Böllern getroffen. Nicht alle überleben das.“ Auch Igel würden aus ihrem Winterschlaf gerissen. „Sie verlassen ihr Schlafnest, weil sie sich bedroht fühlen. Und dann finden sie kein anderes mehr.“

Das Risiko für diese Lebewesen werde erheblich unterschätzt, findet Fritzenschaf. „Alle Wildtiere im Hardtwald werden die Flucht ergreifen.“

Karotten für ängstliche Pferde

Das versuchen auch viele Haustiere, wenn in der Silvesternacht – und zum Teil schon in den Tagen vorher – das Geknalle der Böller an ihre empfindlichen Ohren dringt. Ihre Pferde füttert Astrid Fritzenschaf in der Nacht zum 1. Januar deshalb mit Karotten: „Das Kaugeräusch übertönt so einiges, und sie sind beschäftigt.“

Die Tierärztin empfiehlt, Kleintiere wie Hamster und Meerschweinchen an einen Platz in der Wohnung zu stellen, wo sie möglichst wenig von draußen mitbekommen – also weit weg von den Fenstern. Auch Hunde und Katzen solle man an Silvester nicht mehr nach draußen lassen.

Lautes Radio zur Ablenkung

Ein laufender Fernseher oder ein plärrendes Radio sind in der Silvesternacht für Hunde und Katzen in der Wohnung ein Segen: „Lieber einen vertrauten Ton ganz laut, als das Geknalle draußen“, sagt Fritzenschaf. Diesen Tipp gibt auch Wera Schmitz von der Katzenhilfe Karlsruhe den Tierbesitzern mit. „Wenn es in der Wohnung ganz still ist, und draußen kracht es, dann bekommen Katzen totale Panik“, sagt sie.

Ein möglichst normales Umfeld sei wichtig, deshalb solle man die Tiere auch nicht trösten – denn das sei für sie ein Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Neben dem laufenden Radio sollte man auch das Licht anlassen und alle Rollläden an den Fenstern schließen, empfiehlt sie.

Stubenarrest und Leinenzwang

Auf gar keinen Fall sollte man Freigängerkatzen an Silvester vor die Tür lassen – spätestens ab dem Nachmittag gilt Stubenarrest für die kleinen Tiger. „Katzen geraten so in Panik, dass sie kilometerweit weglaufen“, erklärt Schmitz. Besonders junge Tiere unter einem Jahr fänden dann nicht mehr zurück.

Im letzten Jahr hätten sich nach Silvester vier Katzenbesitzer gemeldet, deren Tiere weggelaufen waren. „Eine Katze aus Neureut wurde dann im KSC-Stadion gefunden. So weit rennen die“, erzählt Schmitz. Noch Mitte Dezember habe man in Mühlburg eine Katze gefunden, die eigentlich nach Rheinstetten gehöre. Weil sie gechipt war, konnte sie ihren Besitzern zugeordnet und zurückgebracht werden. „Gerade in der Stadt ist es ganz wichtig, die Tiere zu chippen“, sagt Schmitz.

Wenn die Katze aus der Wohnung entwischt, sollte man die Tür offenlassen und Futter bereitstellen. „Spätestens am zweiten Tag plagt die Tiere der Hunger und sie kommen zurück – wenn sie nicht zu weit weg sind.“

Hundebesitzer verfügen über ein einfaches, aber effektives Mittel gegen das Weglaufen: die Leine. Und die sollte auf jeden Fall Pflicht sein, schon in den Tagen vor Silvester, findet Martin Gerich vom Verein der Hundefreunde Karlsruhe. „Raus muss man, denn der Hund muss Gassi“, sagt er. „Das ist in diesen Tagen immer ein Spießrutenlauf.“ Denn schon Tage zuvor wird kräftig geknallt.

Training für Hunde

„Manche Leute schmeißen Böller aus dem Dachfenster raus, die dann vielleicht auf der Hundewiese landen.“ Leider werde heutzutage nicht mehr viel Rücksicht genommen. „Die Knallerei ist für den Hund ein extrem hoher Stressfaktor“, sagt Gerich.

Man könne die Tiere aber durch langfristiges Training daran gewöhnen. Im Verein werde etwa mit Schreckschusspistole und Leckerli geübt. „Am Anfang sind die Hunde kaum ansprechbar, wollen nur weg. Dann normalisiert es sich langsam“, erzählt Gerich. Das sei aber auch eine Typfrage, manche Hunde ließen sich nicht von ihrer Angst abbringen.

Andere dagegen akzeptieren sogar schallisolierende Ohrenschützer. „Mein eigener Hund ist zuerst verängstigt und will wegrennen. Wenn er es dann einordnen kann, guckt er sich das Feuerwerk an“, erzählt Gerich. „Andere rennen unter das nächste Auto und müssen Glück haben, dass sie nicht überfahren werden.“

Medikamente nur vom Arzt

Besonders ängstliche Tiere sollten auf jeden Fall zu Hause bleiben, empfehlen Katzen- wie Hundeexperten. Die Tierarztpraxis am Mühlburger Tor empfiehlt ihren Kunden, mit dem Hund noch einen ausgedehnten Spaziergang zu machen und dann in der Wohnung Rückzugsräume zu schaffen.

Manchen Tieren helfen auch Pheromon-Verdampfer oder spezielle Halsbänder. Für die ganz großen Angsthasen gibt es auch Medikamente – jedoch sollten diese nur in Absprache mit dem Tierarzt verabreicht werden, betont Astrid Fritzenschaf.

Kein Ausgang für Zootiere

Die Tiere im Karlsruher Zoo sind weitgehend geschützt vor Silvesterlärm. „Unser Wachdienst passt auf, dass kein Brand entsteht. Und wir hoffen auf das Verständnis der Anwohner, dass sie keine Raketen in unsere Richtung abfeuern“, erklärt Zoodirektor Matthias Rheinschmidt. Weglaufen könnten die Tiere ohnehin nicht, und man habe bisher keine Beeinträchtigungen festgestellt.

Nur die Zebras und ihre Mitbewohner müssen verzichten: „Seit ein paar Jahren steht es den Huftieren frei, im Gehegen rein- und rauszulaufen wie sie möchten“, sagt Rheinschmidt. „In der Silvesternacht dürfen sie nicht wählen, da bleiben sie drinnen.“