Leben auf kleinem Raum - für Lisa Koßmann ein Lebenstraum. Ihr Tiny House stellt sie bei der diesjährigen Designmesse Loft in Karlsruhe aus.
Leben auf kleinem Raum - für Lisa Koßmann ein Lebenstraum. Ihr Tiny House stellt sie bei der diesjährigen Designmesse Loft in Karlsruhe aus. | Foto: Jörg Donecker

Häuslebau auf Rädern

Tiny House Festival in Karlsruhe

Lisa Koßmanns zukünftiges Zuhause ist wirklich ein „Häusle“ im badischen Wortsinn: Die 26-Jährige baut seit gut einem Jahr an ihrem so genannten Tiny House, das sie während der Messe „Loft – das Designkaufhaus“ in Karlsruhe vorstellt. Ganz fertig ist es noch nicht, aber fast. Es gibt einen Wohn- und einen Schlafbereich, Küche und Bad sind möbliert, Heizungsanlage sowie Frisch- und Abwasserleitungen sind eingebaut.

Ein Tiny House – zu deutsch „sehr kleines Haus“ – ist ebendies: Ein ganzes Wohnhaus auf kleinem Raum. Ungefähr 15 bis 45 Quadratmeter reichen im Tiny House für alle wichtigen Wohnbereiche: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche und Bad. Die Tiny-House-Bewegung entstand in den USA als Gegenbewegung zu den immer größer werdenden Einfamilienhäusern bei gleichzeitig kleiner werdenden Familien. Den Häuslebauern geht es um Kostenreduzierung, aber auch um einen minimalistischen, nachhaltigen und ressourcenschonenden Lebensstil nach dem Prinzip „weniger ist mehr“. In diesem Sinne kann auch der Bauwagen aus der Kindersendung „Löwenzahn“ mit Moderator Peter Lustig als Tiny House verstanden werden.

 

„Es hat mich selber ein bisschen überrascht, dass es so klappt wie geplant“, sagt Koßmann ein paar Tage zuvor beim Treffen in Karlsruhe. Aus ihrer Tasche ragt ein nagelneues KFZ-Nummernschild: Die Straßenzulassung. Denn ihr Tiny House hat Koßmann auf Rädern gebaut, um flexibel zu sein. Es ist knapp vier Meter hoch, auf einer Fläche von zweieinhalb mal neun Metern (mit Anhänger: 10,2 Meter). „Sooo tiny ist es eigentlich gar nicht“, lacht sie.

Mit dem Tiny House zu mehr Minimalismus und Nachhaltigkeit

Die Idee, ein Leben auf rund 20 Quadratmetern Eigentum zu führen, entstand aus einem allgemeineren Wunsch nach einem nachhaltigeren Lebensstil und dem Ziel, mehr Zeit draußen zu verbringen. „Das Thema Minimalismus hat mich schon länger beschäftigt“, erzählt Koßmann. Sie mistete gründlich aus, trennte sich nach und nach von nicht benötigten Besitztümern. „Irgendwann hat mein gesamtes Hab und Gut in ein Zimmer gepasst“, sagt Koßmann, die in der Tiny-House-Szene auch unter ihrem Spitznamen Nessa bekannt ist.

Im Mai 2017 stand für sie dann definitiv fest: Sie will ein Tiny House bauen – und dabei so viele Arbeiten wie möglich tatsächlich selbst übernehmen. Sie suchte nach Informationen im Internet, fand damals relativ wenig – und beschloss, ihren Weg mit einem eigenen Youtube-Kanal zu dokumentieren.

Damit kannte sie sich als erfahrene Youtuberin im Gamingbereich schon aus – für den Bau des Tiny House holte sie sich Hilfe vom Profi Dieter Puhane aus Rheinau, der ebenfalls zur „Loft“ nach Karlsruhe kommt. In handwerklichen Dingen steht ihr außerdem ihre Familie zur Seite – mit Rat, Tat und dem nötigen Werkzeug.

Von ihrer Idee, ein solch außergewöhnliches Wohnmodell umzusetzen, mussten Familie und Freunde erst einmal überzeugt werden. „Aber das sind die schon von mir gewohnt“, sagt Koßmann. Nicht umsonst heiße ihr Youtubekanal „Nessa goes wild“, also „Nessa außer Rand und Band“. Auch ihr Arbeitsleben gestaltet die junge Frau nämlich sehr flexibel und kreativ: Sie verdient ihr Geld mit ihrem Gaming-Kanal, mit Modeln und als Kleindarstellerin am Festspielhaus Baden-Baden, außerdem schreibt sie Romane.

40-Stunden-Woche ist nichts für mich

„So bin ich auch zeitlich immer flexibel für neue Projekte. Das klassische Berufsleben mit einer 40-Stunden-Woche ist einfach nichts für mich.“ Zwar bestehe immer eine gewisse finanzielle Unsicherheit, doch für Koßmann überwiegt die Freiheit in der Lebensgestaltung, die sie dafür gewinnt. „Das Schöne ist, dass ich nicht jeden Tag das Gleiche machen muss“, sagt sie.

Zudem sei ein Leben im Tiny House vergleichsweise günstig. Knapp 35 000 Euro wird ihr Eigenheim gekostet haben, wenn es fertig ist. Wer den Bau beauftragt, zahle entsprechend mehr. Sie achte außerdem darauf, so viele Dinge wie möglich gebraucht und aus Naturmaterialien zu verwenden – zum Beispiel hat sie eine alte Kommode zum Badmöbel umgebaut und den Naturfaserteppich für ihr „Obergeschoss“ im Internet aus zweiter Hand erstanden.

Tiny House und Wohnkomfort sind keine Gegensätze

Auf Komfort verzichtet sie dennoch nicht: Koßmann hat, anders als mancher Hardliner aus der Szene, statt eines Holzofens eine Gaszentralheizung und außerdem eine kleine Spülmaschine eingebaut. „Für mich ist das effizient – das Geschirr ist aus dem Weg, und Wasser spart es auch.“ Das Wichtigste bei dieser Wohnform sei es, sich sich genau zu überlegen, wie die ganz individuellen Bedürfnisse umgesetzt werden können.

Noch diesen Sommer will Lisa Koßmann einziehen. Bisher stand das kleine Eigenheim bei den Eltern in Gaggenau, doch mittel- bis langfristig will sie wieder in Karlsruhe Wurzeln schlagen – natürlich mit dem Tiny House. Dazu braucht es allerdings ein geeignetes Grundstück, und das ist gar nicht so einfach zu finden.

Tiny Houses kommen auch in Deutschland immer mehr in Mode, gerade vor dem Hintergrund steigender Miet- und Immobilienpreise in städtischen Ballungsräumen. Wer hierzulande in einem Tiny House wohnen will, braucht eine Baugenehmigung und ein erschlossenes Grundstück als Stellplatz. Es gibt Tiny Houses sowohl fest stehend als auch auf Rädern – im letzteren Fall ist zusätzlich eine Straßenzulassung notwendig.

 

Die meisten Grundstücke seien eigentlich zu groß für nur ein Tiny House, sagt Koßmann. Deshalb wollen sie und einige andere Kleinhäuslebauer zusammen mit der Stadt Karlsruhe ein Konzept für einen Standort mit mehreren Häusern entwickeln. „Wenn das klappt, bin ich ab Oktober in Karlsruhe. Ansonsten suche ich auch privat nach einem Standort hier.“ Sehr viel Platz wird sie jedenfalls nicht brauchen.

Tiny House Festival
Mit dem Sonderthema „New Housing – Tiny House Festival“ zeigt die Designmesse Loft dieses Jahr vom 8. bis 10. Juni erstmals einige der winzigen Häuser auf Rädern. Hersteller, Selbstbauer und Interessierte sind eingeladen, sich zu dem alternativen Wohntrend auszutauschen.