Woran starb der 80-jährige Mann? Fiel er aus dem Bett oder schlief er darin friedlich ein? (Symbolbild) | Foto: Bochwoldt

Jährlich 43 000 Unfälle in Kliniken

Ein Todesfall im Karlsruher Diakonissenkrankenhaus sorgt für Rätselraten

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Manche Ärzte scheinen es mit der Sorgfalt bei Todesbescheinigungen nicht ganz so ernst zu nehmen. Bei einer Stichprobe wiesen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin von 10 000 untersuchten Todesbescheinigungen 3 116 schwerwiegende Fehler auf. Für die Familie ist es immer verstörend, wenn nicht klar ist, wie der Angehörige letztlich aus dem Leben schied.

Für eine Familie aus Ettlingen ist noch nicht einmal sicher, wo genau das Familienoberhaupt starb, und das, obwohl es im Karlsruher Diakonissenkrankenhaus geschah. Auch fünf Monate nach seinem Tod zweifelt die Familie, ob Klaus K. friedlich im Krankenbett eingeschlafen ist, oder vielleicht doch tot neben dem Bett aufgefunden wurde. Im Arztbrief, jenem Dokument, das nach der Behandlung in der Klinik dem Hausarzt zu geht, schreibt das Krankenhaus eindeutig: „In der Nacht des 9. März wurde Herr K. leblos neben seinem Bett aufgefunden. Bei sicheren Todeszeichen war eine Reanimation nicht indiziert.“ Genau dasselbe hatte eine Ärztin in der Todesnacht am Telefon auch der Ehefrau des Toten mitgeteilt. Mit der Nachricht, der 80-jährige Physiker sei aus dem Bett gestürzt und verstorben, rief man die Familie ins Krankenhaus.

Friedlich eingeschlafen

Doch als die Hinterbliebenen in der Klinik eintreffen, hat man es sich offenbar anders überlegt und sagt jetzt: Der Mann sei im Bett „friedlich hinübergeschlafen“. Was stimmt nun? Eine Obduktion kann den Fall nicht klären. Als die Ärzte sagen, Klaus K. sei friedlich eingeschlafen, lässt die Familie den Leichnam verbrennen. „Wir gingen davon aus, unsere Mutter hatte die Ärztin beim Telefonat in der Todesnacht falsch verstanden“, erzählt der Sohn.

Arztbericht wirft Zweifel auf

Erst als Wochen später der Arztbericht eintrifft und die Aussage der Mutter eindeutig bestätigt, fragt die Familie nach. Das Krankenhaus legt sich fest: Der Mann sei friedlich im Bett gestorben und alle anderen Informationen beruhten auf hausinternen Kommunikationsfehlern. Auch gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten spricht die Klinik von einer „sehr bedauerlichen Fehlinformation“, die man den Hinterbliebenen gegeben habe. Noch einmal wolle man den Angehörigen das herzliche Beileid für den Verlust des Verstorbenen ausdrücken. In der Sache fügt man hinzu: „Alle diensthabenden Ärzte und das Pflegepersonal haben ausdrücklich bestätigt, den Verstorbenen im Bett aufgefunden zu haben, wo auch sofort mit der Reanimation begonnen wurde.“

Ungeklärte Widersprüche

Die Zweifel der Familie können die Ärzte und Pfleger auch bei zwei Gesprächsterminen nicht zerstreuen – im Gegenteil. Der Mann wurde tot im Bett gefunden und aufwendig wiederbelebt, sagen die Ärzte jetzt. „Bei sicheren Todeszeichen war eine Reanimation nicht indiziert“, steht im direkten Widerspruch dazu in ihrem schriftlichen Bericht. Auf der Krankenhausrechnung ist die Reanimation nicht zu finden. Dafür eine Computertomografie des Kopfes noch am Todestag. Wurde da der Schädel eines gestürzten Patienten untersucht, der eigentlich doch im Bett verschied? Das Misstrauen bleibt. „Die Ärzte konnten sich an den Patienten sehr gut erinnern, wussten noch, was bei der Visite passiert ist, wie lange und ausgiebig sie reanimierten, was sie sonst noch in der Nacht und am nächsten Morgen getan haben. Doch die Ärztin, die meiner Mutter am Telefon gesagt hat, unser Vater sei aus dem Bett gefallen und gestorben, erinnert sich jetzt nicht mehr. Und warum der Assistenzarzt dann wohl wahrheitswidrig in den Bericht geschrieben haben will, mein Vater sei tot auf dem Boden aufgefunden worden, daran kann er sich auch nicht mehr erinnern“, sagt die Tochter.

Jährlich passieren knapp 43.000 Unfälle

Sollte Klaus K. tatsächlich aus dem Bett gefallen sein, wäre das kein Einzelfall. Die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, zuständig für die gesetzliche Unfallversicherung in Krankenhäusern, registriert jährlich knapp 43.000 relevante Unfälle in den Krankenhäusern der Republik. „Stürze aus dem Bett sind ein wichtiges Thema im Krankenhaus“, erklärt ein Krankenhausmitarbeiter. „Da sind wir alle sensibilisiert.“ Besonders schwierig wird es dann, wenn der Patient dabei stirbt und die Todesumstände unklar bleiben. Tatsächlich komme es immer wieder vor, dass die Angehörigen nicht genau wüssten, was passiert sei. „Dann muss das Krankenhaus schnell für Klarheit sorgen, bevor sich die Menschen das Schlimmste vorstellen“, so der Insider.

War Ablehnung des Bettgitters ein fataler Fehler?

Spielt ein Bettgitter eine Rolle in der Geschichte? Den Schutz, der den Patienten im Bett halten soll, hatten die Angehörigen zuvor ausdrücklich gefordert. Doch das Krankenhaus lehnte ab. „Wir kannten unseren Vater. Er hat schon vor drei Jahren nach einem Herzinfarkt das Krankenhaus eigenmächtig verlassen.“ Im Flügelhemd und mit den Resten von Kabeln und Leitungen am Körper habe er sich damals an einer Telefonzelle von seinem Sohn abholen lassen. „Deshalb“, so der Sohn, „wollten wir auf Bettgitter bestehen. Doch das Krankenhaus hat anders entschieden.“ Dieses fehlende Gitter, so glaubt Peter Grieble, Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, könnte ein Grund sein, warum die Ärzte die Version vom Tod im Bett jetzt so vehement vertreten. „Die Ärzte haben sich gegen das Bettgitter entschieden. Starb der Mann im Bett, dann haben sie alles richtig gemacht. Starb er auf dem Fußboden, dann haben sie sich geirrt, mit fatalen Folgen.“

Kann ein Verfahren Klärung bringen?

Die Familie von Klaus K. will die Klarheit erzwingen, geht zur Polizei und erstattet Anzeige wegen fahrlässiger Tötung. Doch die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein. „Im Grunde kann der Tatvorwurf nicht nachgewiesen werden“, sagt ein Sprecher der Behörde. „Nach der Auswertung der Unterlagen sieht es eher so aus, als läge eine Fehldokumentation vor. Da der Todesfall bereits im März stattfand, die Anzeige aber erst nach vier Monaten gestellt wurde und der Leichnam in der Zwischenzeit eingeäschert wurde, ist die Todesursache in keiner Weise mehr feststellbar. Damit ist ein Tatnachweis nicht zu führen.“ Für Krankenhaus und Staatsanwaltschaft ist der Fall damit abgeschlossen. Für die Familie wohl noch lange nicht.