Rauschgiftkriminalität
Symbolbild. | Foto: BNN

Witwe sagt aus

Tödlicher Faustschlag nach KSC-Spiel: Prozessauftakt in Karlsruhe

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Immer wieder ringt die schlanke Frau auf dem Zeugenstuhl des Schwurgerichtssaals um Fassung. Über die Geschehnisse des 18. November zu reden, fällt der 34-Jährigen nach einem halben Jahr noch sichtlich schwer.

Ein Freund habe sie am Nachmittag auf dem Handy angerufen und erzählt, dass ihr Ehemann nach dem Besuch des Drittligaspiels zwischen dem Karlsruher SC und dem FSV Zwickau geschlagen wurde und nun bewusstlos sei. Anschließend sei sie direkt von der Karlsruher Innenstadt zu dem Bekannten in den Schlosspark und danach zu ihrem Mann ins Städtische Klinikum Karlsruhe gegangen. Sprechen konnte die Frau mit ihrem Ehemann jedoch nicht mehr. Der 35-jährige Bruchsaler erwachte nämlich nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit und erlag zwei Tage später seinen schweren Schädelverletzungen.

Totschlagsprozess vor dem Landgericht

Seit Freitag muss sich deshalb ein 22-jähriger Mann aus Karlsruhe wegen Totschlags vor dem Landgericht verantworten. Laut der Anklageschrift von Staatsanwältin Jennifer Marberg hat der Zeitsoldat dem 35-Jährigen „völlig unvermittelt und ohne Grund die Faust mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen“. Daraufhin sei das Opfer umgefallen und mit dem Kopf auf dem Asphalt geprallt. Der Angeklagte machte am ersten Verhandlungstag noch keine Angaben zu den Vorwürfen.

Am Dienstag wird Einlassung verlesen

Am Dienstag will Verteidiger Lars Middendorf im Beisein einer psychologischen Sachverständigen eine Einlassung seines Mandanten verlesen. Anschließend sind die ersten Zeugen geladen. Auch am Mittwoch stehen noch zahlreiche Zeugenvernehmungen auf dem Programm, ein Urteil wird deshalb frühestens für den Donnerstag erwartet.

Wegen einer möglichen Alkoholabhängigkeit stellte der Vorsitzende Richter Leonhard Schmidt beim Prozessauftakt bereits die Einweisung in eine Entziehungseinrichtung in Aussicht. Kurz nach der Tat wurde bei den 22-Jährigen ein Blutalkoholwert von deutlich über zwei Promille gemessen. Laut seinen eigenen Angaben trank der Angeklagte seit einigen Jahren regelmäßig größere Mengen Alkohol.

Polizeilich ist der 22-Jährige ebenfalls kein unbeschriebenes Blatt. Mindestens zweimal wurde er bereits wegen Körperverletzung angeklagt. Bei einem dieser Fälle schlug er einen Syrer ebenfalls mit der Faust ins Gesicht. Nach diesem Vorfall musste der Angeklagte während seiner Bundeswehrzeit bei der Marine in Kiel ein 15-stündiges Anti-Aggressionstraining absolvieren.

Spekulationen über rassistische Beschimpfungen

Über einem Grund für die Attacke wurde in den Tagen nach dem Vorfall bereits in der Öffentlichkeit spekuliert und in mehreren Medien stand dabei zu lesen, dass der 35-Jährige den Sohn iranischer Einwanderer „rassistisch beschimpft“ und dadurch provoziert habe. Indizien gebe es dafür allerdings bislang keine, sagte Nebenklagevertreter Winfried Rehm am Rande des Prozessauftakts. Seiner Einschätzung nach habe der 22-jährige grundlos Streit gesucht. Sein späteres Opfer sei wohl einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

Witwe in psychologischer Betreuung

„Er war für mich einfach alles und wurde mir vollkommen sinnlos genommen“, sagte die Witwe. Ihren verstorbenen Ehemann beschrieb die 34-Jährige als „liebevollen und fürsorglichen Menschen“ mit einer „absolut positiven und lebensbejahenden Art“. Ihr Mann habe niemals ausländerfeindliche Dinge gesagt und auch keiner Fan-Szene angehört. „Er war das erste Mal seit einigen Jahren wieder im Wildparkstadion“, berichtete die 34-Jährige, die sich seit dem Tod ihres Mannes in psychologischer Betreuung befindet. An eine Rückkehr in die Normalität ist für die Witwe nach ihren eigenen Angaben aber noch lange nicht zu denken. Sie habe im Januar zwar wieder zu arbeiten begonnen und treibe auch Sport, sagte die 34-Jährige. „Aber das sind für mich eher Ventile.“

Von unserem Mitarbeiter Ekart Kinkel