Trainingsgelände in Corona-Zeiten: Alisha Igüs, Bundesligaturnerin der Kunstturn Region Karlsruhe, bei Stretchingübungen auf dem heimischen Balkon. | Foto: GES

Geschlossene Sportstätten

Trainingslager daheim: Das Coronavirus bremst die Sportler der Region aus

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Nichts geht mehr für die Sportlerinnen und Sportler in der Region: Hallen und Schwimmbäder sind zu, die Athleten sind im durch das Coronavirus erzwungenen Heim-Trainingslager. Für was sie trainieren ist nicht einfach zu beantworten – die Wettkämpfe sind ja ausgesetzt und kaum einer weiß, was die Saison noch bringt.

Der Alltag von Giulia Goerigk hat vor kurzem noch in etwa so ausgesehen: Schule, Training. Oder: Training, Schule, wieder Training. Die 17 Jahre alte Schwimmerin der SGR Karlsruhe pendelte zwischen dem Karlsruher Sportinternat, OHG-Gymnasium und Fächerbad. Und nun?

Die Schule: geschlossen. Das Bad: zu. Goerigk ist daheim bei ihren Eltern in Bühlertal, im durch die Corona-Pandemie erzwungenen Heim-Trainingslager. Wie Goerigk geht es allen Sportlerinnen und Sportlern, deren Saison nicht schon vorzeitig beendet wurde – jeder läuft und übt für sich.

Die Ungewissheit läuft mit

Es ist ein Training, bei dem die Ungewissheit treuer Begleiter und oft kein klares Ziel mehr vorhanden ist. Oder eines, das sich wie Olympia mal eben auf 2021 verschoben hat.

„Die Motivation war da natürlich erst einmal abgesackt“, sagt Kanutin Sarah Brüßler von den Rheinbrüdern Karlsruhe, nachdem am Dienstag auch die Organisatoren des Ringe-Spektakels vor dem Coronavirus einknickten.

Die Kajakfahrerin hatte sich große Hoffnung auf Tokio gemacht, an eine vernünftige Vorbereitung war zuletzt jedoch längst nicht mehr zu denken. Das Trainingslager? abgebrochen. Die nationalen Qualifikationen? abgesagt. Das Bootshaus? zu.

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Training nur an Land – auch für Schwimmer

Den Top-Leistungsfahrern der Rheinbrüder bleiben nur individuelle Trainingsfahrten im Rheinhafen, die anderen werden ausschließlich mit Trockenübungen versorgt. Training nur an Land – das gilt dieser Tage eben auch für Paddler und Schwimmer.

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„Bei der Sommer-Vorbereitung weißt du, dass es in sechs Wochen losgeht. Darauf arbeitest du hin“, sagt Sebastian Weber, Trainer beim Fußball-Verbandsligisten SV Spielberg. Und jetzt? Wissen Weber und die Fußballer im Kreis nur, dass der Ball auf jeden Fall bis zum 19. April ruht. Wahrscheinlich länger.

Wir wissen ja gar nicht, was diese Saison überhaupt noch ist

„Wir wissen ja gar nicht, was diese Saison überhaupt noch ist“, sagt Rheinbrüder-Cheftrainer Detlef Hofmann, der feststellt: „Zurzeit ist nichts planbar.“ Seinem Kollegen Jonas Holzwarth von der SGRK geht es genauso. Die Schwimm-Wettkämpfe sind auf Eis gelegt.

Die Langbahn-EM, Goerigks Ziel, ist in den August hinein verlegt worden. Ob die Titelkämpfe dann stattfinden und wo und wann die Norm dafür geschwommen werden kann – alles offene Fragen.

„Klar ist es im Moment schwierig, sich zu motivieren. Aber irgendwann wird auch diese Situation vorbeigehen und dann freue ich mich umso mehr aufs Wasser“, sagt Goerigk, der auch die Möglichkeit verwehrt bleibt, am Olympia-Stützpunkt in Heidelberg zu trainieren. Für auswärtige Kaderathleten wurde dies vom Verband untersagt.

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Holzwarth, der seine Gruppe Leistungsschwimmer mit Trainings-Empfehlung an Land versorgt, denkt schon über eine vorgezogene Sommerpause nach, auch das geplante Trainingslager in Fuerteventura vom 13. bis 23. April ist Corona schon zum Opfer gefallen.

Überarbeitete Trainingspläne

Günther Scheefer, Trainer bei der LG Region Karlsruhe, hat derweil die Pläne für seine Läufer nach der Olympia-Verschiebung schon überarbeitet. „Wir machen jetzt wieder mehr Grundlagentraining wie im Herbst, denn Wettkämpfe sind noch in weiter Ferne“, berichtet Scheefer. Die für den 6./7. Juni geplanten deutschen Meisterschaften wurden abgesagt, sie sollen laut DLV „in der zweiten Saisonhälfte“ nachgeholt werden.

Bei der LGR läuft dieser Tage, da das Carl-Kaufmann-Stadion wie die anderen Sportstätten geschlossen ist, ebenfalls jeder für sich. Auch Markus Görger und Pascal Kleyer, die zuletzt noch auf privater Basis das abgebrochene Höhentrainings-Camp des Deutschen Leichtathletikverbandes in Arizona fortgesetzt hatten. Erst vergangenes Wochenende kehrten sie zurück.

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Videos mit Übungen für die Leichtathleten

Scheefer hat für seine Schützlinge unter anderem Videos angefertigt mit Übungen, die er ihnen per WhatsApp zukommen lässt. Alle zwei Wochen sind seine Athleten angehalten, einen eigenen Leistungstest mittels Tempodauerlauf zu absolvieren.

„Das erzeugt ein bisschen Gruppengefühl und hat etwas Wettkampfcharakter.“ Die Daten wertet er danach aus und passt die Trainingsinhalte an. Kreativität sei zudem gefragt, Sprünge können etwa im Treppenhaus gemacht werden.

Das Paddel-Ergometer steht im Wohnzimmer

Andere behelfen sich mit einem Paddel-Ergometer im Wohnzimmer – oder stellen sich mentale Aufgaben. So gibt Spielbergs Trainer seinem Torwart zum Beispiel auf, sich Fang-Situationen vor dem eigenen Auge immer wieder vorzustellen „und damit präsent zu halten“, wie Weber sagt.

Ob die Heim-Trainingspläne eingehalten werden, kontrolliert er nicht. „Es liegt ja auch im Eigeninteresse der Spieler, dann fit zu sein, wenn es wieder losgeht“, sagt Weber. Wenn es denn wieder losgeht – oder überhaupt mal losgeht.

Training per Video-Schalte

Bei den American Footballern sollte die Runde im Mai starten für den Karlsruher Drittligisten KIT SC Engineers, der mitten in der Vorbereitung ausgebremst wurde. Spielzüge erklärt Jonas Lohmann, der Offense-Coach, nun nur ins Mikrofon.

Per Videostudium versucht das Trainerteam, seine Spieler zumindest taktisch zu schulen. Das Training ohne realen Kontakt sei aber „sehr merkwürdig.“ Zweimal pro Wochen scharen die Trainer ihre jeweiligen Teams aus Abwehr und Angriff virtuell um sich. Im Schnitt schalten sich mehr als 30 Spieler ein – so viele wie beim „echten“ Training.

Wir räumen auf, flicken Matten, streichen Wände

So viel ist üblicherweise an Nachmittagen im Rudi-Seiter-Zentrum der Kunstturn Region Karlsruhe (KRK) los. Auch dort herrscht jetzt Ruhe – allerdings geschäftige. In eingeteilten Schichten gehen die Trainer in die Halle, „wir räumen auf, flicken Matten, streichen Wände“, berichtet Tatjana Bachmayer, derweil sich ihre Turnerinnen zu Hause konditionell fit halten.

Das Üben von neuen Elementen an den Geräten fällt nun eben aus, auch bei den Turnern sind vorerst alle Wettkämpfe ausgesetzt. „Dann ist es eben mal so. Es geht ja nur ums Turnen“, sagt Bachmayer angesichts der Nachrichtenlage.

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Olympia-Verschiebung kommt manchem Athleten gelegen

Auch KRK-Top-Turnerin Leah Grießer trifft die Corona-Krise – indirekt. Grießer, die sich länger mit Knieproblemen plagte und nicht trainieren durfte, muss sich operieren lassen. „Ich bin kein Notfall und muss daher sehen, wie schnell die OP gemacht werden kann“, sagt Grießer, für die sich die Olympia-Verschiebung als Glücksfall erweisen könnte.

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Tokio 2020 wäre für sie unmöglich geworden, Tokio 2021 ist als Ziel wieder realistisch. „Allerdings schreibe ich im Sommer 2021 auch mein erstes Staatsexamen. Aber jetzt habe ich genügend Zeit, um mir Gedanken zu machen, wie ich das nächstes Jahr gestalten möchte“, sagt die Medizin-Studentin.

Zupass kommt die Verschiebung ebenso LGR-Mittelstreckenass Christoph Kessler, der sich nach seiner OP 2019 schwergetan hätte, die Norm rechtzeitig zu schaffen.

Das Ziel bleibt: Olympia – jetzt halt ein Jahr später

Tokio bleibt auch bei Kanutin Brüßler im Blick. „Klar: Man trainiert jetzt nicht mehr am Anschlag. Der Druck ist erst mal raus“, sagt die 25-Jährige. Aber die Motivation sei schon wieder zurück: „Das Ziel bleibt ja das gleiche.“ Nur der weg dahin ist wieder ein gutes Stück länger geworden.

Mitarbeit: Reinhard Sogl, Tobias Törkott