Niedermann
Zeitzeuge Paul Niedermann ist gestorben | Foto: jodo

Aussöhnen als Lebensaufgabe

Trauer um den Zeitzeugen und Holocaust-Überlebenden Paul Niedermann

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„Solange ich noch lebe, kann ich gegen Ungerechtigkeit und Vergessen schreien. Aber wenn ich nicht mehr da bin und meine Generation, dann liegt es an euch aufzuschreien“: Mit Nachdruck in der Stimme hat Paul Niedermann diese Sätze vor Jahren gesagt.

Paul Niedermann erinnerte an Leid und Angst

Immer wieder erzählte der Überlebende des Holocaust von seinen Erlebnissen. Er berichtete Erwachsenen und noch häufiger Jugendlichen und kompletten Schulklassen, wie er 1940 zusammen mit vielen anderen Juden von Karlsruhe nach Gurs deportiert wurde.

Er sprach – gerade auch in seiner früheren Heimatstadt – über Verfolgung und Demütigung. Davon, wie das Leben im Lager geprägt war von Hunger und Krankheit, von Wanzen und Läusen, von Schlamm und Nässe. Von Leid, Angst und Tod.

Nachgeborene tragen keine Schuld

„Die Nachgeborenen tragen keine Schuld auf ihren Schultern.“ Das war oft sein erster Satz. Freundlich und still trat der Mann auf. Er suchte Blickkontakt.

„Ihr sollt wissen, wie es damals war“, erklärte er den Jugendlichen. Gebannt hörten sie dem Mann zu, der nun im Alter von 91 Jahren in Frankreich gestorben ist.

Neue Heimat in Paris

In Paris fand er nach dem Krieg eine neue Heimat. Dort lebte und arbeitete er als Journalist und Fotograf. Immer wieder kam er zurück in seine alte Heimat.

„Wir haben hier wieder Freunde“, war sich Paul Niedermann mit Hanna Meyer-Moses einig, als die beiden Zeitzeugen im Jahr 2013 die Ehrenmedaille der Stadt erhielten. 2007 wurde er mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Das kann nicht gut gehen

Am Rande des Dörfle wuchs Paul Niedermann einst auf. „Als Hitler auftauchte, erlebte ich das natürlich mit.“ Er sehe noch seinen Großvater am Fenster stehen, der sagte: „Das kann nicht gut gehen, da kommt noch was.“

Paul Niedermann erinnerte sich an Hinweise: „Kauft nicht beim Juden.“ Doch 1933, da sei für ihn am Ende eben etwas anderes viel wichtiger gewesen als Hitler: „Ich wurde eingeschult, ich durfte lernen.“ Vieles sei zunächst noch zu ertragen gewesen. Bis dann plötzlich alles anders wurde.

Mit knapp 13 deportiert

Paul Niedermann war knapp 13 Jahre alt, als er mit seinem 74-jährigen Großvater, seinem Vater Albert, seiner Mutter Friederike und seinem Bruder Arnold nach Gurs verschleppt wurde.

Paul überlebte mit Hilfe einer jüdischen Hilfsorganisation. Sein Bruder entkam in die USA. Die Eltern und der Großvater wurden ermordet.

Ich sehe es noch vor mir…

Auch Gurs besuchte Paul Niedermann immer wieder, so auch im Oktober 2015 – 75 Jahre nach der Deportation.

An diesem Jahrestag schien die Sonne, das Laub im einstigen Lager schimmerte bunt. „Wie kann man an so einem Tag erklären, wie es war?“, fragte der Zeitzeuge nachdenklich. „Ich sehe es noch vor mir…“

1987 löste sich die Blockade

Viele Jahre schwieg er über das, was er erlebt hatte. Doch 1987 musste er seine Lebensgeschichte erzählen. Er war Zeuge im Prozess gegen Klaus Barbie, der in Lyon wegen Kriegsverbrechen in Frankreich vor Gericht stand.

Bei Paul Niedermann löste sich eine Blockade. „Ich war in der Lage, in meinem Kopf und Herzen aufzuräumen.“

Unglaubliche Lebensleistung

„Was Ihr Vater als Kind erleben musste und wie er es bewältigt hat, ist eine unglaubliche Lebensleistung“, schreibt Oberbürgermeister Frank Mentrup in einem Kondolenzbrief an die Tochter. Mit Paul Niedermann sei ein „mutiger und willensstarker Mensch“ gegangen“.

Trotz seines schweren Schicksals habe sich Niedermann als Zeitzeuge für die Vermittlung eines „objektiven Bilds der deutsch-jüdischen Geschichte“ eingesetzt, habe seine Botschaft – „Auf Hass lässt sich nicht bauen“ – zeitlebens vor allem an Jugendliche weitergegeben.

Aussöhnung als Lebensaufgabe

Paul Niedermann habe die Aussöhnung zwischen Karlsruhern und ihren ehemaligen jüdischen Mitbürgern zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Dass er sich trotz trauriger Erinnerungen in Karlsruhe wieder zu Hause gefühlt habe, „hat mich besonders gefreut“, erinnert sich Mentrup an Begegnungen mit diesem „herzlichen und humorvollen Menschen.“

In der schweren Zeit des Abschiednehmens „möge Ihnen die Gewissheit Trost sein, dass in Karlsruhe viele Menschen um ihn trauern“, schreibt Mentrup an die Familie.