Zurück zu den Wurzeln: Klaus Becker absolvierte Anfang der 1980er Jahre ein Volontariat bei den BNN.
Zurück zu den Wurzeln: Klaus Becker absolvierte Anfang der 1980er Jahre ein Volontariat bei den BNN. | Foto: map

Kämpfer und Fernsehgesicht

Trotz Contergan-Schädigung war Aufgeben für den Karlsruher Klaus Becker nie eine Option

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Mit elf Minuten Verspätung fährt der ICE aus Hamburg geräuschlos auf Gleis zwei im Karlsruher Bahnhof ein. Knapp 700 Kilometer hat Klaus Becker an diesem Januartag für den Besuch in seiner Heimatstadt zurückgelegt. Gestartet war der 58-Jährige aus einem grünen Idyll im Dorf Ritzerau in Schleswig-Holstein. Becker ist in seinem Leben weit herumgekommen, beruflich und privat. Häufig unter Zeitdruck.

Von Marianne Paschkewitz 

Jetzt reist er entspannt, seit vergangenem Jahr ist er im Vorruhestand. „Durch die Erhöhung unserer Contergan-Rente wurde für die meisten von uns finanzielle Sicherheit geschaffen“, sagt er. Existenzieller Freiraum, sich um seine Gesundheit zu kümmern.

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Wegbereiter der Inklusion

40 Jahre lang trat der aus Karlsruhe stammende Politikwissenschaftler beruflich und ehrenamtlich für die Belange körperbehinderter Menschen ein.

Zuletzt managte er das Hamburger Inklusionsbüro mit Ideen und Elan, verankerte das Thema quer durch die Zivilgesellschaft vom Arbeitgeber bis zum Sportverein, lobte dabei einen jährlichen Preis für „Wegbereiter der Inklusion“ aus, der keinen von der Bewerbung dafür ausschließen sollte. Wohldurchdacht, denn nach seiner Überzeugung ist Inklusion „ein Prozess, der vielleicht niemals abgeschlossen ist, aber ein Weg“. Manche sind weiter, manche fangen erst an.

Um im Bild zu bleiben: Becker war von jeher ein Frühstarter. Seine Vita lässt keinen anderen Schluss zu. Trotz massiver Einschränkungen an den oberen Gliedmaßen schien es für ihn kaum Barrieren zu geben. Sei es Sport, Schule, Ausbildung, Studium oder Familie: Geht nicht, gibt’s nicht.

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Besuche in Karlsruhe mit Erinnerungen

Den Grundstein legten seine bereits verstorbenen Eltern. Becker räumt ein, je älter er werde, umso mehr verbinde er seine Besuche in Karlsruhe mit Erinnerungen an „eine sehr schöne, geborgene Kindheit“.

Stolz seien sie auf ihren Jungen gewesen, so berichtet ihm die in Ettlingen lebende Schwester. Nach der Geburt noch voller Zukunftssorgen, boxten sie ihm im Verbund mit anderen betroffenen Eltern den Weg in ein teilhabendes Leben frei.

Einem resümierenden „toll“ folgt ein differenzierender Blick Beckers. „Natürlich war ich auch immer unter Druck, es zu schaffen, weil ich immer so tolle Unterstützung bekommen habe. Ich wollte meinen Eltern damit auch zeigen, dass sie keine Schuld traf.“

Das häufig lebenslange Trauma der Mütter, fatalerweise das toxische Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan geschluckt zu haben. Der in 2007 ausgestrahlte TV-Spielfilm „Eine einzige Tablette“ führte es eindringlich vor Augen. Klaus Becker wurde in der anschließend gesendeten Dokumentation beispielgebend porträtiert.

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Becker, die Ausnahmeerscheinung. Auch „Hans im Glück“? Nein, sein Leben verlief nicht ohne Katastrophen. Anfang der 2000er Jahre brannte das erste Haus in Schleswig-Holstein, für das er seine Wahlheimat Hamburg verlassen hatte, aus.

Kurz zuvor war seine zweite Frau bei einem Verkehrsunfall schwer verunglückt. Heute noch leide sie an den Folgen. „Alles nicht einfach“, sagt Becker, besäßen sie doch fünf Ponys, denn seine Frau sei Reittherapeutin.

Vom Volontär zum Fernsehgesicht

Becker ist ein Medienmensch. Dass er im ICE nach Karlsruhe sein neues Tablet eingerichtet hat, ist nur eine Randnotiz. Medienkompetenz erwarb er sich gleich nach dem Abitur mit einem Redaktionsvolontariat bei den BNN. „Ich benötigte nur eine elektrische Schreibmaschine“, erklärt er.

Später, in Hamburg, hängte Becker ein Fernsehpraktikum beim NDR an. Durch einen Werbespot für „Aktion Mensch“ wurde er zum Fernsehgesicht. Weniger bekannt sind hingegen seine investigativen Arbeiten. Etwa in Brasilien, wo er in einem Team für den NDR 1997 und nochmals 2002 die Fortsetzung des Contergan-Skandals dokumentierte.

In Lepra-Gettos kamen immer wieder Babys mit Missbildungen zur Welt. „Wie wir“, so Becker. Auslöser war der Contergan-Wirkstoff Thalidomid mit dem Leprakranke behandelt werden. Weder restriktive Ausgabebedingungen noch auf die Verpackungen aufgedruckte Piktogramme, die eine durchgestrichene Schwangere zeigten, halfen.

Ein Glanzlicht im Leben: Die Geburt der Tochter

„Frauen, Analphabetinnen, verstanden es als Mittel zur Verhütung oder zum Schwangerschaftsabbruch“, erfuhr Becker. Und: „Durch uns wurde das zum Thema“. Als Insider weiß er auch, dass viele dieser Mütter, die heute eine Entschädigung erhielten, lieber schweigen. Warum? „Lepra ist eine Armenkrankheit, für die du dich schämst. Wenn du dieses Mittel genommen hast, dann zeigst du, dass du Lepra hattest – und dann sind die Männer weg.“

 Das war kein Wunder, das war harte Arbeit.

Klaus Becker

Obschon ihm die Arbeit in Brasilien wichtig war, zog es Becker mit Ungeduld zurück nach Hamburg. Zuhause wartete seine Tochter. 1990 kam sie zur Welt. Die Mutter, Beckers erste Frau, ist ebenfalls contergangeschädigt.

An dieser Stelle ahnt er, was Menschen unwillkürlich durch den Kopf geht. „Nein, sie ist vollkommen gesund. Unsere Missbildungen sind nicht vererbbar.“ Die Geburt der Tochter, ein Glanzlicht in seinem Leben. Assistenz, Hilfe, lehnten die jungen Eltern ab. „Wir wussten, wir können’s.“

Mit einem Wunder möchte Becker diesen Umstand nicht verglichen wissen: „Das war kein Wunder, das war harte Arbeit.“ Versagten die Hände, nutzten sie die Füße – etwa beim Wickeln des Babys – sie hatten von klein auf sich zu helfen gelernt.

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Erinnerungen an seine Sportler-Ära blitzen dabei auf. Schwimmen betrieb er als Leistungssport, brachte es in jungen Jahren sogar bis zum deutschen Meister und stellte den inoffiziellen Weltrekord über 50 Meter Brust auf. Skifahren, Fußballspielen, Turniertanz machte er zum Spaß. Was wäre gewesen, wenn …? „Mit dieser Frage beschäftige ich mich ohne Leidensdruck, allenfalls aus Neugier“, sagt Becker. Vielleicht wäre er Profifußballer geworden. Oder, da die Eltern Tennis spielten, hätte es vor dem Boris noch einen Klaus Becker gegeben.