Einen letzten Blick aufs alte Wildparkstadion konnten die KSC-Fans am Sonntag werfen, während andere schon die Sitzschalen abmontierten.
Einen letzten Blick aufs alte Wildparkstadion konnten die KSC-Fans am Sonntag werfen, während andere schon die Sitzschalen abmontierten. | Foto: Peter Sandbiller

Souvenir-Sitze für KSC-Fans

Tschüs, Wildparkstadion: Großes Abschrauben zum Abschied

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Die schwarzen sind als erste weg. Doch auch die roten und weißen Sitzschalen auf der Tribüne in den Blöcken A1 bis A4 sind begehrt. Wer nach dem letzten KSC-Spiel im alten Wildparkstadion am Samstag nicht allzu kräftig gefeiert hat, der kann sich an diesem Sonntagmorgen in die Schlange am Wall einreihen.

Schon am Montag rollen hier dann die Bagger an. Für fünf Euro pro Stück dürfen die KSC-Fans den Schraubenzieher an die insgesamt rund 3 000 Sitzschalen anlegen, maximal zehn pro Person. Der Erlös geht an den KSC-Nachwuchs.

Dauerkarten-Besitzer dürfen früher ins Wildparkstadion

„Wir nehmen drei Sitze mit, von jeder Farbei einen“, sagt Victor Wagner. „Und noch einen für einen Freund“, ergänzt sein Bruder Daniel. Die beiden sind von kleinauf KSC-Fans und seit fünf Jahren Dauerkarten-Besitzer – deshalb dürfen sie an diesem Morgen eine Stunde früher als die anderen Fans zum großen Abschrauben antreten. „Wir versuchen, die schönsten zu erwischen, mit möglichst wenig Kratzern“, sagt Daniel. In der Tat sind die Sitzschalen nach unzähligen Belastungsproben bei emotionalen sportlichen Begegnungen gründlich abgewetzt. Das stört aber die Wenigsten.

Sabrina aus Gaggenau will aus den Schalen eine Sitzbank für den Garten bauen. „In der Theorie soll das so ähnlich aussehen wie hier, mit einem Balken drunter oder so“, erklärt sie. Seit 27 Jahren sei sie schon KSC-Fan, „seit vor der Geburt!“ Ihr Kumpel Benedikt aus Karlsruhe war dagegen „erst“ mit fünf Jahren zum ersten Mal im Wildpark. Er will auch fürs neue Stadion eine Dauerkarte erwerben.

Während auf der Wall-Innenseite nach der ersten Stunde schon gut die Hälfte der Sitze abmontiert ist, stehen außen immer noch Fans in der Schlange und hoffen auf Einlass. Nicht so Eva Raviol. Sie steht oben auf dem Wall und guckt durch den Zaun hinein. Sie hat die Hoffnung auf einen Abschieds-Sitz mittlerweile aufgegeben und sich entschieden, lieber den Abbau zu beobachten, so lange er läuft. „Die Schlange war mir einfach zu groß“, sagt die 58-Jährige aus Stutensee.

Davon haben sich Reinhold Rolli und seine beiden Enkel Lenny (9) und Janis (13) nicht aufhalten lassen. Sie haben, wie viele andere, ein ganzes Arsenal an Schraubenzieher-Aufsätzen mitgebracht – echte Hobby-Handwerker eben. „Der Opa muss bei uns arg viel reparieren, vor allem mein Motocross-Bike“, sagt Lenny.

Diese Erinnerung ist doch einmalig

Und der Opa lacht. Dass er zum Abschrauben seines Dauerkarten-Sitzes eigens aus Waghäusel herkommt, ist für ihn Ehrensache. „Das muss einfach sein, diese Erinnerung ist doch einmalig“, sagt er. Schon als Kind sei er mit dem Fahrrad aus der Stadt im nördlichen Landkreis Karlsruhe angeradelt gekommen – aus dem Hardtwald heraus direkt auf den Haupteingang zu.

Es wird nicht nur von Hand oder mit Akkuschrauber gewerkelt, auch das Handy kommt bei vielen zum Einsatz – für Abschieds-Videos und Goodbye-Selfies. Katinka Hörmann dokumentiert Sven Reger bei den Abrissarbeiten an einem weißen Plastiksitz. „Eigentlich verrückt, sonntagmorgens aus Mosbach hierherzufahren“, sagt sie schmunzelnd.

Ikea und der KSC kommen doch noch zusammen

Doch es lohnt sich: „Ich bin Fan seit 1994 – als Icke Häßler nach Karlsruhe kam. Er ist einfach ein großes Idol gewesen.“ Und wie viele Sitze nehmen sie mit? „Wir hatten gesagt zwei. Jetzt sind wir schon bei sechs.“ Denn die beiden haben eine kreative Heimwerker-Idee: „Wir schrauben die Sitze auf ein Kallax-Regal“, sagt Katinka Hörmann. Auf diese Weise kommen Ikea und der KSC doch noch zusammen.

Der Wandel im Wildpark ist unaufhaltsam: „The Times, They Are A-Changin’“, singt Literaturnobelpreisträger Bob Dylan durch die Lautsprecher. Als Cat Stevens’ „Father And Son“ ertönt, hält Katharina Cebula zwischen Schraubenzieher und Plastikstuhl inne und schaut traurig hinüber auf das leere Spielfeld. „Es herrscht Aufbruchstimmung hier, und Schwermütigkeit“, meint sie.

Zusammen mit Marcel Schaaf montiert sie in den unteren Reihen Sitze ab. „Wir lackieren sie“, sagt Marcel mit prüfendem Blick. Es soll eine Sitzbank für den RockShop draus werden, wo er arbeitet. „Oder vielleicht lassen wir sie auch so abgerockt, wie sie sind“, meint er dann nachdenklich. Nur ein einziges Mal war der aus der Nähe von Leipzig stammende Vertriebsangestellte bei einem KSC-Spiel im Stadion. „Passenderweise gegen Aue. Meine alte Heimat ist da ja quasi um die Ecke.“

Nächste Chance beim Abbruch der Haupttribüne

Eine neue Heimat müssen sich die KSC-Fans in den Sitzreihen des zukünftigen Stadions erst noch suchen. Um 11.07 Uhr, nicht einmal zwei Stunden nach „Anpfiff“ der Abschraub-Aktion, verkündet ein Ordner: „Es ist vorbei, alle Sitze sind weg!“ Die Gesichter in der Schlange werden schlagartig lang. Schon verscherbelt ein Mann seine Schätze weiter – noch auf der Treppe gehen sie weg wie warme Semmeln. Auch auf Ebay werden noch am Sonntag Wildpark-Sitze zum Kauf angeboten.

Im Zuge des nächsten Abrissabschnitts ist eine ähnliche Aktion an der Haupttribüne denkbar. Dort gibt es die Sitzschalen auch in den Farben grün, blau oder gelb.

Dossier zum Abschied

Noch einmal in Erinnerungen schwelgen? Zum Wildparkstadion Dossier zum Abschied. Wer sich vor lauter Freudenglück an Valencia erinnert fühlt, der findet hier unser Valencia 25 – Dossier. Zum historischen Abschied vom Wildparkstadion nach dem Spiel gegen die Würzburger Kickers geht es hier lang.

Facebook-Live-Video aus dem Wildparkstadion

Und so sah es im Stadion aus, als die Sitze so gut wie weg waren. Noch kein Fan der BNN auf Facebook, dann jetzt schnell den „Gefällt mir“-Button drücken und nichts mehr verpassen: