Alter Bahnhof Karlsruhe
VOR 175 Jahren ging der erste Hauptbahnhof in Betrieb. Einst fuhren Straßenbahnen auf der Kriegsstraße – in vier Jahren wird es dort wieder so sein. Unter den Eisenbahngleisen (vom Bahnhofsgebäude verdeckt) gab es eine Fußgängerunterführung. | Foto: Kratt

Gewölbe vom ersten Bahnhof

Tunnel verdrängen Tunnel

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Was wird in 50 oder gar 100 Jahren aus der Kombilösung geworden sein? Die Zukunft ist offen, auch der schlauste Kommunalpolitiker kennt sie nicht. Vielleicht gilt die U-Strab im 22. Jahrhundert als genialer Streich vorausschauender Verkehrspolitik.

Oder die Karlsruher Unterwelt ist dann verrammelt, und ihre Zugänge zugeschüttet? Dann würde das einst so umstrittene Jahrhundertprojekt, an dem deutlich über zehn Jahre lang gebaut wurde, längst zum Vergessen sein.

Überraschungen durch alte Röhren

So könnte sich eine Geschichte von heute wiederholen: Beim Graben eines neuen Tunnels stoßen die Arbeiter (oder dann wohl eher Roboter) auf ein unterirdisches Bauwerk. Dokumente aus der Vergangenheit würden den Nachgeborenen dann verraten, dass sie auf einen alten Tunnel gestoßen sind, wo sich ihre Vorfahren in Blechkisten auf Schienen befördern ließen. „U-Strab“ habe dieser unterirdische Röhrensystem geheißen.

Über-Hundertjährigen gefunden

Im Jahr 2018 aber ist es so, dass ausgerechnet durch das Kombi-Geschaufel alte Karlsruher Tunnel von vor 50 oder gar 100 oder 150 Jahren zu Tage gefördert und dann beseitigt werden. Deren Funktion hat sich schon lange erledigt – und beim Karlsruher Kombi-Bauen werden sie nun aus dem Erdboden entfernt.

Zunächst der Hundertjährige: Zum ordentlichen Kombi-Graben gehört, dass die Kasig nach dem Einbringen der neuen Betonröhren für die U-Strab und den Autotunnel beim Ettlinger Tor den Untergrund der Umgebung aufräumt, damit dort irgendwann der Weg für neue Leitungen frei ist.

Mauerreste von Tunnel beim Bahnhof
MAUERRESTE aus alter Zeit kamen südlich des Ettlinger Tors ans Licht. Es sind Überreste eines Tunnels unter den Gleisen beim ersten Hauptbahnhof der Fächerstadt. | Foto: jodo

So buddelte dieser Tage ein Bagger ein tiefes Loch vor dem Billing-Bau, früher Oberpostdirektion, heute Volkswohnung, um ein altes Gemäuer zu entfernen. Ein Passant registrierte überrascht, dass dort nicht nur Mauerreste aus Backsteinen zu Tage gefördert wurden, sondern sich ein ganzes Tunnelgewölbe abzeichnete.

Auf Nachfrage der BNN zu dieser Beobachtung fand der Kombi-Bauherr Kasig folgende Erklärung: Man sei tatsächlich ganz geplant auf einen Tunnel gestoßen, um ihn zu beseitigen. Das Gewölbe sei ein Fußgängertunnel zur Unterquerung der Gleise am früheren Hauptbahnhof.

Italienischer Glockenturm

Alte Pläne belegten diese Funktion. Die Sache scheint plausibel. Was viele Karlsruher heute nicht mehr wissen: Der erste Hauptbahnhof der Residenzstadt stand an der Kriegsstraße. Friedrich Eisenlohr hat ihn im italienischen Stil mit Glockenturm gebaut. 1843 ging er in Betrieb, nach nur 70 Jahren hatte er ausgedient.

Karlsruhe expandierte so schnell nach Süden, dass die Eisenbahngleise und der Bahnhof wie eine den Verkehr stauende Barriere die Fächerstadt durchschnitten – und ein unterirdischer Hauptbahnhof, wie das heute so umstrittene Megaprojekt „Stuttgart 21“ war für Karlsruhe vor dem Ersten Weltkrieg undenkbar. Deshalb fahren seit 1913 die Züge nach Berlin und Paris zwei Kilometer südlich ab.

Wertvolle Ruine abgebrochen

Das jetzt beseitigte Tunnelgewölbe unter den Gleisen beim Theaterplatz müsste also irgendwann zwischen 1843 und 1913 gebaut und vielleicht noch länger von Fußgängern genutzt worden sein. Der alte Hauptbahnhof selbst wurde als Ruine erst nach dem Zweiten Weltkrieg abgebrochen, Teile noch bis zum Bau des 1975 eröffneten Staatstheaters als Markthallen genutzt.

Aussterben der Fußgängerunterführungen

Die Überreste von drei weiteren heute ungeliebten Tunneln für Fußgänger werden beim Autotunnelbau in der Kriegsstraße aus der Erde geholt – sie sind aber nur rund 50 Jahre alt: Die bis 2017 genutzte Fußgängerunterführung der Kriegsstraße Höhe Kreuzstraße wurde schon weitgehend zertrümmert.

Unterführung Ettlinger Tor
DIE TREPPE führt noch zu den Resten der Unterführung am Ettlinger Tor. | Foto: jodo

Auch die vor Jahrzehnten stillgelegte Unterführung Ettlinger Tor ist schon weitgehend ausgebuddelt worden. Vor dem „K.“ wird in den nächsten Wochen auch noch die Südosttreppe in die einst vom Musikclub Substage zwischengenutzte Unterführung entfernt. Bleibt noch das Karlstor. Erst 2020 wird sich zeigen, wie viel alter Beton noch unter dieser Kreuzung der Kriegsstraße steckt.