Derya Sahan ist seit drei Jahren im Demokratiezentrum Baden-Württemberg in der Fachstelle Extremismusdistanzierung angestellt. | Foto: CF

Interview

Über Diskriminierung und Rassismus: Ein Abend mit der Islamwissenschaftlerin Derya Sahan

Anzeige

Derya Sahan ist Islamwissenschaftlerin in der Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum Baden-Württemberg und lebt selbst im Umkreis von Karlsruhe. Im Rahmen der Karlsruher Wochen gegen Rassismus gab sie einen Workshop mit dem Titel „Zwischen Diskriminierung und Empowerment – Islamfeindlichkeit unter der Lupe“ beim Deutschsprachigen Muslimkreis Karlsruhe e.V. Die BNN waren dabei und durften ihr einige Fragen stellen.

Eine Zitrone wandert durch mehrere Hände. Vier Augenpaare schauen sich die Frucht nacheinander intensiv an, studieren kleine Unebenheiten, suchen die gelbe Schale nach Flecken oder Druckstellen ab und begutachten Form und Farbe. Derya Sahan hat die Teilnehmer des Workshops in Gruppen aufgeteilt. Der Auftrag lautet, sich die Zitrone so gut wie möglich einzuprägen. Wenige Minuten später sammelt Sahan alle Früchte wieder ein und legt sie zusammen auf ein Tablett. Nun erfolgt die Kontrollprobe: Welche Gruppe findet nun „ihre“ Frucht neben all den anderen wieder? Es sind fast alle. Die Teilnehmer sind verblüfft. Und was hat das nun mit der Diskriminierung von Muslimen zu tun? Ein Mädchen aus dem Teilnehmerkreis weiß die Antwort: „Es bedeutet, dass wir zwar alle ‚Zitronen‘ sind, aber trotzdem alle irgendwie einzigartig.“

Es geht um Bilder und Schubladen

Wer über antimuslimische Diskriminierung – oder Diskriminierung im Allgemeinen – reden will, der muss über Bilder, Vorurteile und Schubladen sprechen. Derya Sahan macht es den Workshop-Teilnehmern am Beispiel der Zitronen klar: „Wir glauben alle, dass wir wissen, was eine Zitrone ist, wie sie aussieht, wie sie schmeckt. Wer aber zum ersten Mal eine Zitrone in der Hand hat, wird erst einmal seine Erfahrungen machen.“ Wer andere diskriminiert, hat jedoch selten selbst wirklich Erfahrungen gemacht. „Extremisten haben einfache Antworten und einfache Lösungen“, weiß Sahan. Oft auch deswegen, weil sie nie wirklich Kontakt zu einer Person aus der Gruppe, die sie diskriminieren, hatten. Das bestärke Voreingenommenheit. „Menschen werden diskriminiert wegen Vorurteilen“, erklärt die Islamwissenschaftlerin. Die habe im Übrigen jeder. Wichtig sei es aber, diese zu hinterfragen: „Welche Vorurteile habe ich? Welche sind falsch?“

Auch die Medien sieht Derya Sahan in der Pflicht. So würden muslimische Frauen besonders häufig mit Kopftuch oder Gesichtsschleier gezeigt, obwohl in der Realität nur 28 Prozent der muslimischen Frauen in Deutschland ein Kopftuch trügen. Auch das befeuere Diskriminierung und antimuslimischen Rassismus.

Was macht Islamfeindlichkeit mit den Muslimen in Deutschland?

Viele muslimische Workshopteilnehmer berichten aus eigener Erfahrung. „Manchmal sage ich einfach, dass ich vegan bin“, sagt ein Mädchen. Es sei oft einfacher, nach veganen Lebensmitteln zu fragen, statt zu fragen, ob sie ‚halal‘ sind. Eine andere Frau hat das Gefühl, sich mehr als andere beweisen zu müssen: „Bloß keine Fehler machen.“ Wenn sie an einer roten Fußgängerampel stehe, bleibe sie oft stehen, selbst wenn andere die freie Straße überquerten. „Aha, die Muslima geht über Rot“, heiße es dann nämlich schnell. Auch Derya Sahan hat Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht, sogar mit Gewalt. Darüber, über ihre Gedanken zum Feminismus und über mögliche Verhaltensweisen im Falle von Diskriminierung hat die Islamwissenschaftlerin im Interview mit den BNN gesprochen.

Derya Sahan im Gespräch mit den BNN

Ein paar Worte zu Ihrem Werdegang, Frau Sahan: Sie sind aktuell bei der Fachstelle für Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum in Baden-Württemberg angestellt. Wie war Ihr Weg bis dorthin?

Derya Sahan: Ich bin mit 15 Jahren wieder nach Deutschland gekommen, habe Abitur gemacht und in Heidelberg Vergleichende Religionswissenschaft und Islamwissenschaft studiert. Ich habe dann auch viele Jahre mit Migranten gearbeitet und lange Zeit lag mein Schwerpunkt auf dem Thema Frauenarbeit. Ich hatte es mir zur Aufgabe gemacht, die Frauenarbeit zu stärken und zu fördern, habe mich allerdings in der Verbandsarbeit nicht so wiederfinden können. Ich hatte einfach nicht die Gestaltungsmöglichkeiten, die ich mir gewünscht habe. Dann habe ich mich bei der Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg e.V., die die Fachstelle Extremismusdistanzierung im Demokratiezentrum verantwortet, beworben. Das ist jetzt drei Jahre her und seit Mai 2016 arbeite ich dort.

Sie haben im Workshop erzählt, dass Sie selbst auch Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht haben. Haben Sie ein Beispiel?

Derya Sahan: Ich habe sogar sehr viele Beispiele. Ich habe „harmlose“ Diskriminierungen erlebt, zum Beispiel Aussagen wie „Sie sprechen aber gut Deutsch“ oder „Sie sind aber eine Ausnahme“. Das begegnet mir sehr oft. Oder, wenn ich sage, „Für mich ist die Demokratie sehr wichtig“, dann gibt es immer wieder Leute, die mir das absprechen wollen. Die sagen: „Sie als Muslima können sich nicht für Demokratie einsetzen.“ Das tut weh, weil man genau weiß, wieso man für die Demokratie ist und warum das so wichtig ist in der Gesellschaft. Es gab auch ein schwieriges Erlebnis während einer Bahnfahrt. Dort hat mich ein rechtsextremer Mann geschlagen und zum Glück kam mir der Lokführer zu Hilfe. Aber das prägt natürlich.

Wie haben die anderen Fahrgäste in der Bahn reagiert?

Derya Sahan: Es waren zwar Menschen in der Bahn anwesend, aber die haben weggeschaut. Der Mann kam sehr offensiv auf mich und meine Schwestern zu und hat uns wegen unserer Kopftücher beschimpft. Wir haben uns weggesetzt, aber der Mann ist uns gefolgt. Als wir schon vorne beim Lokführer angekommen waren und ihn ansprechen wollten, hat mich der Mann gepackt. Zum Glück war der Bahnfahrer stark und hat gleich eingegriffen. Er sagte uns dann auch, wir könnten uns in die erste Klasse setzen und uns da ausruhen. Das war dann ein beschützter, ein herzlicher Rahmen und da merkte ich auch, dass nicht alle Menschen so sind.

Würden Sie sagen, die Diskriminierungen haben in der Gesellschaft über die Jahre zugenommen?

Derya Sahan: Ja, auf jeden Fall. Nicht nur, dass man auf der Straße nicht mehr begrüßt wird, sondern man bekommt auch immer wieder in der Bahn oder egal, wo man unterwegs ist, Beschimpfungen zu hören. Ich kam vor kurzem an einem Bahnhof an und eine ältere Dame sagte unvermittelt zu mir: „Hau ab hier, du Drecksau.“ Da frage ich mich, was muss eine Person erfahren haben, was für ein Vorurteil muss sie haben und wie viel Hass muss sie in sich tragen, dass sie sowas zu einer Person sagt, die sie gar nicht kennt. Der Vorfall war übrigens erst letzte Woche.

Das ist natürlich kein neues Phänomen, aber die Art und Weise, wie wir es jetzt erleben, hat sich verändert. Vor allem im Internet: Aus der Anonymität heraus Hetze zu verbreiten ist natürlich viel einfacher geworden, im Vergleich zu vor zwanzig Jahren.

Zum Stichwort Diskriminierung im Internet: Wie sollte man sich dort am besten verhalten, wenn einem diskriminierendes oder rassistisches Verhalten begegnet? Diskutieren oder eher ignorieren?

Derya Sahan: Ein Patentrezept habe ich leider überhaupt nicht. Wir arbeiten gerade an einem Modellprojekt namens „Da.Gegen.Rede“. Da geht es darum, Strategien von Hassenden zu erkennen und Gegenstrategien zu entwickeln. Man kann natürlich ignorieren, aber ich wäre nie für Ignorieren. Denn es gibt Menschen, die sich durch die im Internet verbreitete Hetze beeinflussen lassen. Die meisten Menschen sind nunmal passiv im Netz. Deswegen finde ich es umso wichtiger, selbst aktiv zu reagieren, damit das Netz nicht von Hetze dominiert wird. Man kann moderierend oder argumentierend eingreifen oder auch mit Memes. Jeder muss für sich selbst eine Lösung finden. Aber es gibt auch die Möglichkeit, diskriminierende Aussagen zu melden. Da gibt es oft natürlich verschiedene Hürden. Zum Beispiel die Frage, ob ich da mit meinem eigenen Namen geradestehen muss. Um das abzubauen, haben wir im Demokratiezentrum die Meldestelle „Respekt“ eingerichtet. Den Kollegen dort kann diskriminierendes Verhalten oder Hetze gemeldet werden und die geben auch Auskunft darüber, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht. Und wenn es relevant ist, zeigen die Kollegen es auch selbst an.

Wir haben im Workshop auch über das Verhalten der Medien gesprochen. Was machen Medien Ihrer Meinung nach oft falsch und was können Medien besser machen?

Das ist schwierig. Ich kenne sehr viele Journalisten und Journalistinnen, die sehr gute Arbeit leisten, die eine neutrale Berichterstattung haben und nicht diskriminierend sind. Es gibt auch Journalistenschulen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Ich finde wichtig, dass man sich mit dem Thema auseinandersetzt. Egal auf welche Art, ob das jetzt ein Phänomen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ist, ob das antimuslimischer Rassismus ist oder Antisemitismus ist. Dass man sich auch fragt, wie sich Menschen fühlen, die davon betroffen sind, ohne selbst zu urteilen. Dass man sich den eigenen Vorurteilen bewusst ist und so auch reflektiert Bericht erstattet. Das ist nicht so einfach, ich weiß. Aber überhaupt nicht zu berichten wäre natürlich noch schlimmer. Und wir brauchen jetzt die positiven Beispiele. Weil die Medienberichterstattung so negativ ist, brauchen wir Menschen, die neutral berichten.

Sie sagen, Sie haben sich lange mit der Frauenarbeit beschäftigt. Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Derya Sahan: Es gab in meinem Leben Jahre, in denen ich mich als Feministin bezeichnet habe. In denen für mich ganz klar war, dass ich eine Frauenrechtlerin bin, die sich für die Rechte der muslimischen Frauen einsetzt. Die sich dafür einsetzt, dass muslimische Frauen in der Gesellschaft aktiv sind und sich für die Gesellschaft aktiv einsetzen. Aber in letzter Zeit, wenn ich sehe, wie Feminismus übersetzt wird, mit dieser Befreiungsrhetorik, wonach die muslimische, unterdrückte Frau befreit werden muss, weil ein Kopftuch für Rückständigkeit steht, kann ich das mit meinem Gedanken eines islamischen Feminismus nicht vereinbaren. Natürlich gibt es Fälle, bei denen Frauen aufgrund von Zwang ein Kopftuch tragen. Aber ich bin davon überzeugt, dass – egal, ob eine Muslima ein Kopftuch trägt oder nicht – sie das selbst entschieden hat. Es gibt liberale Musliminnen, die Frauen mit Kopftuch unterstützen, aber selbst keines tragen. Dann wiederum gibt es sehr aktive, emanzipierte, muslimische Frauen mit Kopftuch, die zeigen möchten, „Ich bin Muslima und lebe diese Religion, ich bin weder fundamentalistisch noch salafistisch. Ich bin auch Teil dieser Gesellschaft.“ Mit meinem Feminismus-Gedanken möchte ich das auch in die Welt tragen. Mein Islam sagt mir: Der Glaube ist das, was ich daraus mache. Und für mich ist es wichtig, dass ich bequem und gut gekleidet bin und das ist meine Wahrnehmung und meine Entscheidung. Ich setze mich dafür ein, dass Frauen sich so wohlfühlen, wie sie sind. Das ist mein Gedanke.

Woran erkenne ich, ob jemand extremistisch ist?

Derya Sahan: Eine sehr schwierige Frage. Wenn sich jemand sehr schnell von heute auf morgen ändert, beginnt andere abzuwerten, auch religiös abzuwerten, kann das ein Anzeichen sein. Das kann auch bis dahin gehen kann, dass die Eltern abgewertet werden und es klare Tendenzen hin zu Gewaltaufrufen gibt. Dann spreche ich von jemandem, der sehr radikal ist. Dann spreche ich von einem Extremisten. Ganz klare Äußerungen der Ablehnung der Demokratie wären für mich auch so ein Zeichen, das wäre ein ganz großes Zeichen sogar. Oder, wenn jemand sagt „Das geschieht ihnen doch recht“ – egal, um welchen Extremismus es geht oder gegen welche Gruppe er sich richtet.

Was kann ich tun, wenn ich selbst diskriminiert werde?

Es gibt Anlaufstellen. In Karlsruhe gibt es die Antidiskriminierungsstelle, an die kann man sich direkt wenden, oder an die Landesdiskriminierungsstelle. Man kann sich auch an uns wenden, an das Regionale Demokratiezentrum Karlsruhe und sich dort beraten und sich helfen lassen.

Was am Ende übrig bleibt

Kurz nach 21.30 Uhr ist der Workshop vorbei. Die Teilnehmer haben in den vergangenen über drei Stunden viel gelernt, sich ausgetauscht und in der Pause beim großen Buffet kräftig zugelangt. Man hat das Gefühl, bei Freunden zu Gast gewesen zu sein. „Fremde sind Freunde, die wir noch nicht kennen“, hat Derya Sahan ein paar Stunden zuvor ihre eigene Großmutter zitiert. Nach dem Workshop hat man das Gefühl, zu wissen, was damit gemeint ist.

Nach dem Workshop mit Derya Sahan gibt es viele lächelnde Gesichter. | Foto: CF