Baugebiet in der Nordstadt
VOR DEM ABRISS stehen die Häuser und Hallen, die über Jahrzehnte bis 1996 den US-Militärs und ihren Angehörigen als Versorgungszentrum der Smiley Barracks etwa mit einer Klinik (vorne) dienten. Der Blick nach Norden lässt links den Alten Flugplatz und dahinter Neureut erkennen. | Foto: jodo

Kritik von Bürgern der Nordstadt

Über Karlsruhes „Zukunft Nord“ wird noch gestritten

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Amis und Russen

Bis vor zwölf Jahren kauften dort die Amis ein und heute besonders viele Menschen, die aus Russland kommen. In rund sieben Jahren wohnt auch das gut situierte Karlsruher Bürgertum mit der feinen Adresse „Zukunft Nord“ am Alten Flugplatz.

Wohnraum für 2 500 Karlsruher

Das Wohnbauprojekt „Zukunft Nord“ ist auf rund 2 500 Einwohner ausgelegt. Noch wird das frühere Versorgungs- und Vergnügungsquartier der US-Truppen als Gewerbegebiet genutzt.

NCO bleibt

Zwischen der Berufsakademie im Süden und der Merkur Akademie im Norden (beide bleiben) wird außer dem Jugendclub NCO alles plattgemacht.

Filme und Bowling

Das Kino und die Bowlingbahn der Amerikaner sind schon lange abgerissen. Ihr Einkaufscenter PX, die Militärkliniken und die Werkstätten für die Straßenkreuzer der GIs werden bald folgen. Somit naht der Abzug von Kfz-Werkstatt und Waschanlage, Reifendepot und KSC-Fanprojekt, Tanzstudio und Freier Schule.

Auf dem Weg

Der Bebauungsplan für die „Zukunft Nord“ zwischen Erzbergerstraße und Naturschutzgebiet „Alter Flugplatz“ kommt auf dem Genehmigungsweg voran. Jüngst präsentierten die Stadtplaner den Bürgern der Nordstadt ihr aktuelles Werk.

Das Bebauungsplanverfahren steht vor einer erneuten Offenlage des Entwurfs, bevor es vielleicht 2019 oder 2020 zum Satzungsbeschluss im Gemeinderat kommt.

Alternative wohnen in Kaserne

Besonders die Mieterinitiative Karlsruhe (MiKa) kritisiert die  Stadt. Die alternative Wohnungsgenossenschaft hat vor 20 Jahren die von der Wehrmacht ab 1937 und den US-Militärs nach dem Zweiten Weltkrieg genutzten Kasernenblocks in der Nordstadt zu ihrem selbstverwalteten Heim aus 86 Wohnungen gemacht. Die Politik tue erneut viel zu wenig für bezahlbaren Wohnraum, prangert die MiKa an.

Alter Flugplatz
CITYNAH AM GRÜN ist zwischen dem Alten Flugplatz und der Erzbergerstraße (rechts) das Quartier „Zukunft Nord“ für 2 500 Menschen und ein Versorgungszentrum für die Nordstadt (ganz rechts) geplant. | Foto: Sandbiller

Sie fordert trotz des seit 2014 fortgeschrittenen Planprozesses jetzt noch einen Kraftakt von der Stadtpolitik, um den Privatinvestor auf deutlich mehr sozialen Wohnraum festzunageln. Es reiche einfach nicht, Lippenbekenntnisse für den Sozialen Wohnungsbau abzulegen und dann über 80 Prozent der Fläche zu teuren Eigentumswohnungen und Eigenheimen in bester Lage verwandeln zu lassen. Sonst würden die ärmeren Schichten, für die der Wohnungsmarkt in Karlsruhe immer problematischer werde, bei der „Zukunft Nord“ fast leer ausgehen, meint die MiKa.

So geht es auch bei „Zukunft Nord“ um eine Grundsatzfrage. Karlsruhe entwickelt sich: Badens Metropole boomt im 21. Jahrhundert. Die 300 000-Einwohner-Marke ist übersprungen und das Ziel 330 000 für 2030 ins Visier genommen. Nun setzt die Stadtpolitik auf weiteres Wachstum.

Gegen Flächenfraß

Sie will aber keinen Flächenfraß am Natursaum der Großstadt mehr zulassen. Nachverdichtung, das Schließen von Baulücken, ist die bei vielen Bürgern scharf kritisierte Zauberformel der Kommunalpolitik.
So treibt die Fächerstadt derzeit nur die Planung zweier Bebauungsgebiete voran.

Dabei sieht sie ihre Zukunft im Norden: „Zukunft Nord“ heißt denn auch die Planfläche zwischen dem Alten Flugplatz und der Erzbergerstraße in der Nordstadt. 2 500 Menschen können dort vielleicht im nächsten Jahrzehnt einziehen. Dazu kommt derzeit nur noch das Bebauungsplan„Neureut Zentrum III“ für weitere 2 500 Menschen. Für diese Baufläche steht das Planverfahren aber noch am Anfang. Vor 2025 zieht dort niemand ein.

MiKa für Wohnprojekte

Die MiKa bietet den Stadtplanern mit OB Frank Mentrup und Baubürgermeister Daniel Fluhrer sowie den Gemeinderatsfraktionen das Gespräch über die Gestaltung von „Zukunft Nord“ an. „Mit unseren Vorschlägen treten wir an die Stadtpolitik heran, um zwei zentrale Anliegen zu verfolgen: Mehr bezahlbaren Wohnraum in Karlsruhe zu schaffen und Wohnprojektinitiativen zu unterstützen“, erklären die alternativen Wohnungsgenossen.

Trotz „einer sich zunehmend verschärfenden Situation auf dem Wohnungsmarkt“ stelle die MiKa „keinen ausreichenden politischen Willen“ fest, entsprechend aktiv zu werden. Auch würden mögliche Chancen für Wohnprojekte, wie sie das Planungsgebiet in der Nordstadt als eines der letzten großen innenstadtnahen Bauflächen bietet, nicht ausreichend wahrgenommen.

Auch Wohnprojekte „als wesentliche Elemente einer lebendigen Quartiersplanung“ würden nicht unterstützt. Andere Städte seien da deutlich weiter. Man könne auch einen Privatinvestor durch das Mittel „städtebauliche Entwicklungsmaßnahmen“ dazu bringen, dass er mehr günstigen Wohnraum schaffe, meint die MiKa.

Das Gelände Zukunft Nord hat 2014 der Privatinvestor GEM vom Land gekauft.