Wenn die Straßenbrücke über den Rhein saniert wird, sollen mehr Bahnen und Züge den Fluss queren. In Wörth könnte man sich vorstellen, dass das für den Fahrgast kostenlos ist. | Foto: Roland Frank

Eine Idee in der Prüfung

Umsonst mit der Bahn fahren?

Es ist eine Idee. Der Wörther Bürgermeister Dennis Nitsche hat über die Einführung eines kostenfreien öffentlichen Personennahverkehrs als Modellversuch in der Zeit der Rheinbrückensanierung nachgedacht. Er wollte im Kleinen prüfen lassen, was wenige Wochen zuvor bundesweit mit Blick auf Großstädte ein Thema war. Doch so, wie die Überlegungen auf dieser Ebene rasch zu Grabe getragen wurden, so scheint es der Idee aus Wörth zu gehen.

Rückmeldungen Fehlanzeige

Hat Dennis Nitsche denn schon qualifizierte Rückmeldungen bekommen? „Leider noch nicht – was ich nicht als besonders gutes Zeichen werte. Das ist wirklich schwer verständlich, zumal wir ja von vorneherein darum gebeten haben, auch konzeptionell an einer nachhaltigen Finanzierung ohne fortgesetzte Zuschüsse nach der Startphase zu arbeiten. Zudem: Die aktuelle Debatte um die Grundsteuer – immerhin 13,9 Milliarden Euro bislang – zeigt, dass es Wege gäbe, die dauerhafte Finanzierung des kostenlosen ÖPNV gleich mitzubedenken. Wenn ich dann noch sehe, wie viel Geld direkt und indirekt in den Individualverkehr geht, dann sind die berechneten zwölf Milliarden Aufwand im Jahr für einen deutschlandweit kostenlosen ÖPNV ziemlich überschaubar.“

Es fahren mehr Bahnen

Seitens des Karlsruher Verkehrsverbundes wird der Kontakt mit Nitsche in Sachen kostenloser ÖPNV bestätigt. Man sieht beim KVV allerdings den Ball in der Spielhälfte der rheinland-pfälzischen Landesregierung liegen. Von dort heißt es, dass das Anliegen der Stadt Wörth derzeit fachlich betrachtet und geprüft werde. Ergänzt wird diese Information um den Hinweis, dass für die Zeit während der Sanierung ein Entlastungspaket geschnürt, mit dem mehr Bahnen zur Zeit der Sanierung verkehren werden (die BNN berichteten mehrfach). Die Arbeiten beginnen Anfang August und dauern 14 Monate.

Ausgleich der Einnahmenverluste

Dezidierter meldet sich der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Südpfalz in der Sache: „Die Überlegungen der Stadt Wörth sind uns bekannt. Dieser Vorschlag ist jedoch nicht trivial. Damit die Bürger der Stadt Wörth kostenlos den ÖPNV in und aus Richtung Karlsruhe nutzen können, müssen die dadurch entstehenden Einnahmeverluste durch die Stadt Wörth gegenüber den Verkehrsunternehmen AVG und DB Regio ausgeglichen werden.“ Der Zweckverband hat allerdings keine Zuständigkeit für die Fahrpreise, sondern ist lediglich für die Bestellung der Verkehrsleistungen auf der Schiene verantwortlich, schreibt Geschäftsführer Heilmann.

Kontraproduktiv

Für weniger gut hält der südpfälzische CDU-Landtagsabgeordnete Martin Brandl den Vorstoß aus Wörth. Er schreibt: „Für die Zeit der Rheinbrückensanierung sehe ich eher das Problem, dass es überhaupt genügend freie Kapazitäten im ÖPNV gibt. Zu den Hauptpendlerzeiten sind die Bahnen heute schon ausgelastet. Inwiefern die zusätzlich angebotenen Plätze ausreichen, um den zusätzlichen Bedarf zu decken, bleibt offen, da es keine Berechnungen seitens des Regierungspräsidiums Karlsruhe gibt. Die Idee eines kostenlosen ÖPNV in der Zeit der Brückensanierung könnte damit kontraproduktiv wirken, wenn sich noch mehr Pendler entschließen würden umzusteigen, aber keine ausreichenden Kapazitäten vorhanden sein sollten.“

Konzept mit Modellrechnungen

Brandl betont deshalb erneut, dass ein Gesamtkonzept des Regierungspräsidiums mit entsprechenden Modellberechnungen wichtig sei. Er und weitere CDU-Politiker aus der Region haben vor kurzem moniert, dass mit Blick auf die zu erwartenden Beeinträchtigungen des Verkehrs ein Gesamtkonzept fehle. Darauf hat das Regierungspräsidium rasch reagiert und seine Überlegungen vorgestellt. Diese umfassen unter anderem großräumige Hinweise zur Verkehrsvermeidung und die zusätzlichen Bahnen.

Da muss man nicht lange drumherumreden. Die Arbeiten an der Rheinbrücke werden sich auf den pfälzisch-badisch Verkehr sehr nachdrücklich auswirken. Alle Überlegungen, die zu einer Abmilderung oder Entzerrung der befürchteten Situation beitragen, sollten deshalb geprüft werden. Ein erstes Ergebnis haben diese Überlegungen ja schon gebracht: Das Angebot im öffentlichen Nahverkehr wird ausgebaut, es fahren mehr Bahnen mit mehr Plätzen, um Autopendlern ein Angebot zu machen, das für sie besser ist als im Stau zu stehen.
Die Anregung aus Wörth, in den 14 Monate Bauzeit modellhaft zu prüfen, ob und wie ein Gratis-ÖPNV funktionieren kann, ist interessant, wird aber von den Zuständigen nicht goutiert. Klar – es geht um viel Geld. Das Thema war übrigens vor wenigen Wochen schon einmal auf der Agenda. Es ging um fünf Großstädte und das Thema Luftreinhaltung – und es ging sang- und klanglos unter.
Das droht nun auch dem Vorstoß aus Wörth, bei dem es um mehr geht als nur die Alimentierung von Pendlern, die sich dem durch Bauarbeiten bedingten Verkehrschaos entziehen wollen. Es ließe sich auf relativ kleiner Flamme einmal ganz konkret prüfen, wie die Angebotskomponenten verdichteter Fahrplan, schnelle Fahrzeiten und sehr günstiger Preis (es muss nicht der Nulltarif sein) auf den Kunden wirken. Man sollte zumindest einmal rechnen, was ein (fast-)Gratis-Versuch kosten würde – wenn er schon nicht unternommen wird. Vielleicht sind die Erkenntnisse ja auch für etwas gut.                                Matthias Kuld