Michelin
Mitarbeiter am Karlsruher Michelin-Werk befürchten, dass sich der französische Reifenhersteller nach einem ersten Teilabzug nun ganz aus der Fächerstadt verabschieden wird. | Foto: Hannibal

Unsicherheit vor Versammlung

Wird sich Michelin ganz aus Karlsruhe zurückziehen?

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Angst um die Zukunft des Karlsruher Standorts und Geldforderungen an Mitarbeiter – die Stimmung vor der Betriebsversammlung bei Michelin an diesem Donnerstag könnte besser sein. Neben dem Zustand der Reifenbranche macht dem Unternehmen ein Steuerproblem zu schaffen.

Die Kantine des Michelin-Werks Karlsruhe war voll. 8.15 Uhr, die meisten Mitarbeiter wussten nicht, was gleich kommen würde, manche hatten nur eine böse Vorahnung. Dann erklärte der Nordeuropa-Chef des Reifenherstellers, Anish Taneja, dass Großteile der Zentrale von Karlsruhe nach Frankfurt verlegt werden. Dieser 22. November 2018 hatte Nachwirkungen: Viele Mitarbeiter, die den Weg nicht mitgehen wollten, haben sich verabschiedet.

Für diesen Donnerstag ist ab 14 Uhr im Karlsruher Werk erneut eine Versammlung angekündigt. Angestellte befürchten, dass weitere Vertriebsmitarbeiter abgezogen und später der komplette Standort aufgegeben werden soll. „Manche Kollegen sind sehr ängstlich, was da passieren wird“, sagt ein Mitarbeiter.

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Michelin sucht offene Konfrontation

Der Zustand der Reifenbranche ist kritisch – Michelin-Mitarbeiter klagen aber vor allem über den internen Umgang. „Die Führung ist arrogant geworden“, sagt ein Karlsruher Mitarbeiter. „Sie sind in Frankfurt weit weg von den Kollegen hier.“ Mehrere Angestellte haben sich mit ihren Sorgen an diese Zeitung gewendet.

Die offene Konfrontation sucht das Unternehmen mit seinen Grenzgängern: 32 Mitarbeiter der Standorte Homburg und Karlsruhe sollen knapp 1,3 Millionen Euro zahlen. Sie wohnen in Frankreich, arbeiten aber in Deutschland. Zwischen 2011 und 2016 haben sie ihr Gehalt in Frankreich und nicht in Deutschland versteuert.

Grenzgänger sind Menschen, die zum Beispiel in Frankreich leben, aber in Deutschland arbeiten. Wer den Status inne hat, versteuert sein Gehalt in dem Land, in dem er wohnt – ansonsten im Arbeitsland. Bedingungen: Man muss in Grenznähe wohnen und in der Regel nach dem Arbeitstag an seinen Wohnort zurückkehren. Wer etwa wegen Arbeitsreisen mehr als 45 Tage nicht zurückkehrt, verliert den Status. Das Problem im Michelin-Fall: 32 Mitarbeiter haben den Status verloren, weil sie die 45-Tage-Grenze überschritten haben. Sie haben von 2011 bis 2016 ihr Gehalt in Frankreich versteuert – nun forderten die deutschen Behörden aber die Steuer ein. Michelin hat die insgesamt knapp 1,3 Millionen Euro beglichen und gibt die Forderung nun an seine Mitarbeiter weiter. Strittig ist, ob und wann Mitarbeitern beziehungsweise Michelin das Problem bewusst war und wer nun in der Schuld steht, die Summen zu begleichen.

Nun fordern die deutschen Finanzbehörden Gelder nach. Michelin hat gezahlt und gibt die Forderungen – für einzelne Mitarbeiter etwa zwischen 4 000 und 75 000, in der Spitze über 200 000 Euro – weiter. Michelin und Mitarbeiter sehen die jeweils andere Seite in der Schuld.

Ein internes Dokument belegt, dass das Problem der Grenzgänger-Versteuerung bei Michelin spätestens Anfang 2017 bekannt war. Darin heißt es nach einem Austausch mit dem Finanzamt: „Grundsätzlich haftet Michelin als Arbeitgeber für den korrekten Lohnsteuerabzug beim Mitarbeiter.“ In einem Schreiben an Mitarbeiter betont Michelin dagegen, diese würden selbst haften.

Die betroffenen Angestellten wurden einberufen: Sie sollten unterschreiben, dass sie sich gegenüber Dritten nicht über die Michelin-Forderungen äußern. Dritte, so ein Brief an die Beschäftigten, seien „nicht nur alle übrigen Mitarbeiter (…), sondern auch Ihre Angehörigen“. Einem Mitarbeiter, der Michelin bereits verlassen hat, soll die offenstehende Forderung von der Abschiedsprämie abgezogen worden sein.

„Zurzeit kein Wachstumsmarkt“

Doch bevor diese Auseinandersetzungen geklärt sind, sind die Karlsruher Mitarbeiter gespannt auf die Versammlung am Donnerstag. Dass die bloße Ankündigung für Unruhe sorgen kann, liegt auch am Zustand der Branche. Goodyear hat seinen Standort in Philippsburg mit etwa 900 Mitarbeitern aufgegeben, bei Continental sollen weltweit 20 000 Stellen wackeln. Reifenhersteller sind wie andere Zulieferer vom Auto-Absatzmarkt abhängig.

Für das laufenden Jahr sieht der Verband der Automobilindustrie einen rückläufiges Ergebnis bei den Pkw. „Mit wenigen Ausnahmen gibt es zurzeit keinen Wachstumsmarkt“, sagt ein Verbandssprecher. „Der Brexit und die Handelskonflikte belasten weiterhin den Ausblick.“

Die Michelin-Manager Bernd Lanius (l.) und Anish Taneja erklärten im Mai im BNN-Interview, wie es um die Zukunft des Standorts in der Fächerstadt bestellt ist.  Foto: Raviol | Foto: Raviol

Michael Berthel vom Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie betont: „Von einer temporären Delle kann man hier nicht mehr sprechen.“ 2018 habe es im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang von 600 000 Pkw gegeben, im ersten Halbjahr 2019 seien es weitere 350 000 Fahrzeuge. Der Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) hat den Fokus auf das Reifenersatzgeschäft.  „Der Handel läuft gut und wird auch nächstes Jahr noch stabil sein“, sagt BRV-Geschäftsführer Yorick Lowin.

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Während Autozulieferer Continental seine Reifen auch in Indien oder Malaysia herstellt, setzt Michelin vor allem auf Werke in Europa. Bis 2022 hat der französische Reifenhersteller eine Garantie für deutsche Standorte zugesagt. Zumindest denkbar scheint jedoch, dass Michelin danach Werke Richtung wachsender Märkte in Asien verlagert.

Warnungen für vier französische Werke

Auch am Karlsruher Standort gibt es die Befürchtung, dass Michelin sein ältestes Werk in Deutschland aufgibt. „Ich glaube nicht, dass das Werk gehalten werden kann“, sagt ein Mitarbeiter. Dass in Karlsruhe die einzige Michelin-Produktion von Leicht-Lkw-Reifen läuft, sieht er nicht als Vorteil – der Markt wachse nicht mehr.

In Frankreich sind vier Standorte mit rund 2 000 Arbeitsplätzen bedroht, wie „Le Monde“ berichtete. Michelin-Chef Florent Menegaux hat in einem internen Schreiben Bedenken der Gewerkschaft bestätigt und von einer „beunruhigenden Situation“ geschrieben. Menegaux gab als Grund den derzeit schwierigen Markt für Lkw-Reifen an. In Deutschland wird das Werk in Hallstadt bei Bamberg Anfang 2021 geschlossen – trotz vorheriger Standortgarantie bis 2022.

Auf Nachfrage erklärt Michelin-Sprecher Heimo Prokop: „Der Zukunftspakt für die deutschen Michelin-Werke gilt nach wie vor.“ Er ist auf das Jahr 2022 datiert. Es handle sich in Bamberg um spezifische Faktoren, so Prokop. Dort werden vor allem Pkw-Reifen mit 16 Zoll hergestellt. „Nicht absehbar war zum Zeitpunkt der Vereinbarung die strukturelle Veränderung des Pkw-Reifen-Marktes und die Intensität des Wettbewerbs aus Asien in diesem Ausmaß.“

In Karlsruhe hat Michelin sein einziges europäisches Leicht-Lkw-Reifenwerk, ein Alleinstellungsmerkmal. Prokop betont aber: „Auch hier gilt, dass die Auslastung des Werkes vom Markt und dessen zukünftiger Entwicklung beeinflusst wird.“

In der Produktion hat Michelin im Karlsruher Werk nach eigenen Angaben gegenüber 2017 etwa 15 Prozent eingebüßt. Es klingen die Worte von Michelin-Manager Bernd Lanius aus dem BNN-Interview vom Mai nach: „Das Werk hat eine super Performance.“ Für die nächsten drei Jahre stelle man die Weichen. „Das würden wir nicht tun, wenn weitere Einschnitte geplant wären.“

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