"The Ayes to the right, the noes to the left": Szenen wie im britischen Unterhaus waren am Montag im Karlsruher ZKM zu sehen.
"The Ayes to the right, the noes to the left": Szenen wie im britischen Unterhaus waren am Montag im Karlsruher ZKM zu sehen. | Foto: jodo

Zwischen Mensch und Maschine

„Unterhausdebatte“ im ZKM: Wann bevölkern voll autonome Autos die Straßen?

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Mit lauten Ordnungsrufen eröffnet Parlamentssprecher John Bercow die Sitzung: „Ordeeer, Ordeeer“ schallt es von der Leinwand des Medientheaters im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) ins Publikum. Die Diskussionsrunde, die hier an diesem Abend stattfindet, ist den Debatten im britischen Unterhaus nachempfunden: Das Publikum verteilt sich auf zwei Seiten im Saal, die der Befürworter einer Sache auf der rechten und die Gegner auf der linken – „the ayes to the right, the noes to the left“.

Bei der Abstimmung bewegen sich die rund 100 Besucher auf die Seite, die ihrer Meinung entspricht. Anders als so oft in Großbritannien ist das Thema im ZKM aber nicht der Brexit. Stattdessen dreht sich die von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften organisierte Veranstaltung um das autonome Fahren, bei dem der Mensch am Steuer überflüssig wird. Und um die Frage, wie zukunftsfähig diese Technologie ist.

Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft

Wie weit ist der technologische Fortschritt? Welche rechtlichen Fragen sind noch offen? Sind die Deutschen überhaupt offen für eine solche Veränderung? Und was passiert mit den Arbeitsplätzen in der Automobilbranche? Um diese Fragen zusammen mit dem Publikum zu diskutieren, haben die Organisatoren Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft eingeladen. Alexander Pischon, Geschäftsführer des Karlsruher Verkehrsverbunds (KVV), ist einer von ihnen. Er ist beteiligt am Testfeld Autonomes Fahren, bei dem Forscher vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) die Auswirkungen des autonomen Fahrens auf den Verkehr erproben.

Mehr zum Thema: E-Autos und autonomes Fahren haben es in Deutschland schwer

Pischon ist optimistisch, dass die autonomen Fahrzeuge sich durchsetzen werden – und dass sie die erhofften Erleichterungen bringen werden. Weniger Unfälle. Eine Entlastung im Verkehr, weil die einzelnen Verkehrsteilnehmer durch digitale Vernetzung besser aufeinander abgestimmt sind. Und eine Entlastung der Umwelt, weil es weniger Staus geben wird und autonome Shuttles den Verzicht auf den Privat-Pkw erleichtern.

Noch ethische und rechtliche Fragen offen

Auch die restlichen geladenen Teilnehmer der Podiumsdiskussion geben sich optimistisch – machen aber auch klar, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, bis man etwa mit dem autonomen Shuttle durch die Stadt fahren kann. So seien noch nicht alle ethischen und rechtlichen Fragen geklärt, merkt Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung am KIT, an. Zum Beispiel die, wer die Verantwortung für einen Unfall trägt – der Besitzer des Fahrzeugs oder der Hersteller des autonomen Systems?

Ein Trend zeichnet sich ab

Auch an diesem Abend gelingt es nicht, alle Fragen zu klären. Im Publikum zeichnet sich aber ein Trend ab: Bei der Abstimmung darüber, ob es voll autonome Fahrzeuge auch in zehn Jahren nur auf speziell dafür vorgesehenen Strecken geben wird, wird es leer auf der „Nein-Seite“. „Es wird nicht gelingen, alle Menschen mitzunehmen“, erklärt eine Besucherin ihre Entscheidung. Einer der wenigen auf der Nein-Seite ist optimistisch: Beim Smartphone habe ja auch niemand mit einer so rasanten Entwicklung gerechnet – und inzwischen sei es selbstverständlich, ein solches „intelligentes Telefon“ zu besitzen.