Anstehen muss bei den Arbeitsagenturen derzeit niemand. Wegen des Coronavirus sind sie für das Publikum geschlossen. Und Kurzarbeitergeld beantragt ohnehin der Chef.
Anstehen muss bei den Arbeitsagenturen derzeit niemand. Wegen des Coronavirus sind sie für das Publikum geschlossen. Und Kurzarbeitergeld beantragt ohnehin der Chef. | Foto: dpa

Arbeitsagenturen unter Druck

Unternehmen in Baden setzen in Corona-Krise auf Kurzarbeit

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Zahlreiche Unternehmen in Baden hoffen, dass sie mit Hilfe des Kurzarbeitergeldes durch die Corona-Krise kommen. Die Arbeitsagenturen Offenburg, Karlsruhe-Rastatt und Nagold-Pforzheim werden von Anfragen zu diesem Hilfsprogramm regelrecht überschüttet.

Pro Tag kämen derzeit so viele Kurzarbeits-Anzeigen herein wie im gesamten Jahr 2019 zusammen, sagt Stefan Gauss, Sprecher der Agentur für Arbeit in Pforzheim.

Sein Kollege in Karlsruhe, Benjamin Gondro, spricht von einer „hohen dreistelligen Zahl“ an täglichen Anfragen von Arbeitgebern zum Thema Kurzarbeit. Der Beratungsbedarf der Unternehmen sei enorm. Mit dem Kurzarbeitergeld sollen Firmen vorübergehende wirtschaftliche Schwierigkeiten überbrücken können, ohne dass sie Personal entlassen müssen.

Agentur übernimmt bis zu 67 Prozent des ausgefallenen Nettolohns

Die Bundesagentur übernimmt für diesen Zeitraum, in dem die betroffenen Arbeitnehmer weniger bis gar nicht mehr arbeiten, 60 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Bei Arbeitnehmern mit Kind sind es 67 Prozent. „Voraussetzung ist, dass die Unternehmen zunächst Kurzarbeit bei uns anzeigen“, erklärt Gondro. „Daraufhin melden wir uns mit einem Antragsformular für das Kurzarbeitergeld.“ Betroffen seien inzwischen fast alle Wirtschaftsbereiche.

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Zunächst hätten sich bei der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt vor allem Messebau-Unternehmen und andere Firmen aus der Veranstaltungsbranche gemeldet, so deren Sprecher. Inzwischen seien auch viele andere Unternehmen dabei. „Bisher nicht betroffen sind der Lebensmittelhandel und der sozial-pflegerische Bereich.“

Von der Arbeitsagentur Offenburg heißt es: Kurzarbeits-Anzeigen „kommen aus fast allen Branchen, überwiegend zum Beispiel aus Hotel- und Gaststättengewerbe, Tourismus, Transport und Logistik.“ Auch die Industrie leidet unter der Coronavirus-Pandemie und deren Folgen.

Autohersteller wie Daimler haben wegen Covid-19 ihre Produktion gestoppt

Autohersteller wie Daimler haben ihre Produktion gestoppt. Das hat Auswirkungen auf zahlreiche Zulieferer. Vielerorts werde derzeit noch über die Details der anstehenden Kurzarbeitsregelungen verhandelt, heißt es von der Gewerkschaft IG Metall. Ziel seien Betriebsvereinbarungen zwischen Belegschaft und Unternehmensführungen, sagt Rainer Wacker aus Bruchsal. „Das ist sehr komplex. Es gibt zig verschiedene Regelungen.“

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Auch sein IG-Metall-Kollege aus Karlsruhe, Günter Schmidtke, berichtet von mehreren Unternehmen, in denen nun über Kurzarbeit verhandelt werde. „Zuerst war das Kfz-Handwerk betroffen, dann die Automobil-Zulieferer. Danach kommen die Maschinenbauer“, schätzt Schmidtke die Lage ein.

Coronavirus: Metall- und Elektroindustrie ist auf Zulieferungen aus Norditalien angewiesen

Das Problem der gesamten Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg sei, dass sie auf Zulieferungen aus der Region Norditalien und der angrenzenden Schweiz angewiesen sei. „Rund die Hälfte der Importe kommen von dort“, sagt Schmidtke. Doch gerade dort grassiert das Coronavirus besonders heftig. Konkrete Zahlen, wie viele Arbeitnehmer tatsächlich in Kurzarbeit gehen werden, gibt es derzeit noch nicht. Die Statistik soll mit den üblichen Arbeitsmarktzahlen am Monatsende veröffentlicht werden.

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Bezogen auf ganz Deutschland hat die Bundesregierung zuletzt die Zahl von 2,15 Millionen Kurzarbeitern für möglich gehalten. Das wären noch einmal deutlich mehr als in der Finanzkrise 2008/2009, als die bisherige Rekordzahl von 1,44 Millionen Menschen in Kurzarbeit war. Die Bundesagentur hat für Kurzarbeitergeld bisher 255 Millionen Euro in ihrem Haushalt eingestellt.

Da es sich aber um eine Pflichtleistung handele, sei auch darüber hinaus die Zahlung gesichert, heißt es. Vergangene Woche seien einer Umfrage bei allen Arbeitsagenturen in Deutschland zufolge 76.700 Anzeigen eingegangen, die von den Betrieben mit der Ausbreitung des Coronavirus begründet wurden.