Findige Nager: Ratten sind clever – und fressen alles. In Kehl und anderen Städten verbreiten sich die Tiere rasend schnell und profitieren vom Menschen. | Foto: Michaela Gabriel

Oft hilft der Staubsauger

Unterwegs mit einem Kammerjäger: Die Chemiekeule ist nicht immer das Mittel der Wahl

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Sie helfen, wenn Ratten nachts auf dem Dachboden randalieren oder Wespen den Sommerabend auf der Terrasse vermiesen. Die BNN haben einen Kammerjäger begleitet –  für den der Griff zur Chemiekeule alles andere als selbstverständlich ist.

Der Mann in schwarzer Arbeitskleidung steigt aus seinem Auto und blickt einmal rechts, einmal links die Straße des beschaulichen Wohngebietes in Blankenloch hinunter. „Hier in der flachen Hardt fehlt das Gefälle, die Abwasserkanäle werden nicht richtig durchgespült. Da fühlen sich Ratten natürlich wohl.“

Ratten – gegen sie zieht Jürgen Böckle an diesem Nachmittag ins Feld. Der 58-Jährige aus Sulzfeld im Osten des Landkreises ist Schädlingsbekämpfer – ein Kammerjäger, wie ihn die breite Masse wohl nennen würde.

Neue Köderboxen gegen Ratten im Garten

Als Böckle an der Türe des Reihenhauses klingelt, erwartet ihn die junge Familie, die ihn ins knapp 40 Kilometer entfernt gelegene Stutensee gelockt hat, schon. Weil sich in deren Garten regelmäßig die eine oder andere Ratte blicken ließ, hatte Böckle vor eineinhalb Jahre einige Köderboxen installiert. In der Zwischenzeit gestaltete ein Gartenbauunternehmen den Garten um. Und die Familie bat Böckle darum, die Boxen neu zu positionieren und mit frischen Ködern zu bestücken.

Alle Tiere sind schützenswert.

Kammerjäger Böckle

Der Kammerjäger betritt den Garten durch das Tor aus Cortenstahl, die Fallen stehen auf der niedrigen Sandsteinmauer bereit. Die 40 Zentimeter langen Aluminiumkästen haben an beiden Enden eine kreisrunde Öffnung. Denn solche Schlupflöcher ziehen Nager fast magisch an.

Öffnen – um sie mit neuen Köderblöcken bestücken zu können – lassen sich die Fallen nur mithilfe eines speziellen Schlüssels. Das soll verhindern, dass Menschen – in diesem Fall vor allem die beiden kleinen Töchter – in Berührung mit dem Gift kommen könnten.

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Gegen Ratten oder Mäuse kommt meistens Gift zum Einsatz

„Eines der Schlösser ist ausgebrochen. Die Box tausche ich ihnen aus“, sagt Jürgen Böckle zu der jungen Mutter. Die beiden Mädchen beobachten von der Terrasse aus, was der Mann in ihrem Garten tut. Drei der vier Boxen sind leer, in einer findet Böckle noch Reste des alten, grünen Köderblocks.

Routiniert: „Man muss denken, wie eine Ratte“, sagt Schädlingsbekämpfer Jürgen Böckle, als er die Köderbox an der Garagenwand platziert.
Routiniert: „Man muss denken wie eine Ratte“, sagt Schädlingsbekämpfer Jürgen Böckle, als er die Köderbox an der Garagenwand platziert. | Foto: Schüssler

Sind Ratten oder Mäuse das Problem, greifen Kammerjäger in den meisten Fällen zu Giftködern – wie auch im Dezember in Pforzheim, als die Fritz-Erler-Schule schon eine Woche vor den Weihnachtsferien wegen Nagerbefall geschlossen wurde.

Das Gift lässt die Tiere verbluten

Die Wirkung des Gifts: Einige Tage nachdem das Nagetier davon gefressen hat, schaltet das Toxin die Blutgerinnung des Tieres aus. Ratte oder Maus verbluten. Dass diese Praxis Diskussionspotenzial birgt, ist Jürgen Böckle bewusst. Er stellt klar: „Alle Tiere sind schützenswert. Aber die Frage ist eben, ob das im Umfeld von Menschen zu verantworten ist.“

Ich will die Ursache des Problems finden.

Böckle ist aber keineswegs einer, der generell die Chemiekeule schwingt. Vielmehr ist es sein Anspruch, die Ursache des Schädlingsbefalls zu finden. Und für die Taubenabwehr zum Beispiel ist Gift ohnehin nicht nötig – da ist Einfallsreichtum gefragt.

Oft hilft schon der Staubsauger

Wo können Stäbe und Netze angebracht werden, die den Vögeln das Landen unmöglich machen? „Die Taubenabwehr ist immer ein Unikat, da braucht es handwerkliches Geschick“, sagt Böckle, der auch in vielen anderen Fällen auf Gift verzichten kann.

„Oft hilft schon eine mechanische Bekämpfung, etwas zu reinigen, aus- oder abzusaugen, auch Hitze oder Frost können helfen“, sagt er und nennt ein Beispiel: „Gestern hat eine Kundin Käferbefall in ihrer Wohnung gemeldet. Es hat sich herausgestellt, dass sich etwas an der Unterseite ihrer Matratze eingenistet hatte. Wir haben das Bett abgesaugt und die Kundin möchte die Matratze reinigen lassen. Damit sollte das erledigt sein“, berichtet Böckle, während er nach und nach jede Box mit einem neuen Giftköder bestückt.

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Manche Gifte lehnt er ab

Tatsächlich gibt es sogar Mittel, die sich der 58-Jährige inzwischen weigert zu benutzen – wenn auch um des Kunden als um der Tiere Willen. Zum Beispiel ein Puder, das gegen Kugelkäfer eingesetzt und dafür in die Hohlräume von Häusern gegeben wird. „Das Zeug schafft sich auch einen Weg in die Innenräume. Das muss nicht sein“, so Böckle.

Eine solche Haltung ist in der Branche nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. Ohnehin ist der geprüfte Schädlingsbekämpfer wohl so etwas wie ein Unikum. Böckle ist der einzige selbstständige Kammerjäger im Landkreis Karlsruhe, nur in der Stadt Karlsruhe gibt es noch einige weitere.

Ansonsten ist die Branche geprägt von Unternehmen mit Namen wie Isotox, Apex oder Rentokil, die oft deutschlandweit, manchmal auch im Ausland, agieren und unzählige sogenannte Techniker angestellt haben.

Man muss denken wie eine Ratte

„Ganz am Anfang hatten wir auch ein anderes Unternehmen beauftragt. Aber bei Herrn Böckle fühlen wir uns einfach gut aufgehoben“, sagt die junge Mutter, während sie den Kammerjäger dabei beobachtet, wie er die Köderboxen in ihrem Garten verteilt – eine im Steingarten, eine entlang des Zauns, eine an der Sandsteinmauer und eine an der Garage.

„Man muss denken wie eine Ratte“, sagt Böckle und grinst. Selbstständig ist er seit acht Jahren. Einen Nachfolger für seinen Betrieb hat er nicht. „Ich bin halt eine One-Man-Show. Wenn irgendwann Schluss ist, ist eben Schluss.“