Richtige Lösung gefunden? Das Kabinett in Stuttgart hat kürzlich die Umsetzung eines Qualitätskonzepts für das Bildungssystem Baden-Württemberg auf den Weg gebracht. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist eher skeptisch, der Verband Bildung und Erziehung (VBE) zurückhaltend. | Foto: Daniel Karmann/dpa

An Schulen bald alles besser?

Neues Qualitätskonzept: GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz „misstrauisch“

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Zu wenig Lehrer, häufiger Unterrichtsausfall, mangelnde Fortbildung von Lehrkräften… Im Bildungswesen des Landes brennen einige Probleme gewaltig unter den Nägeln. Mit einem neuen Qualitätskonzept, dessen Umsetzung das grün-schwarze Kabinett Ende April auf den Weg gebracht hat, soll Baden-Württemberg wieder an die Spitze der Bildungsvergleiche geführt werden.

Neues Qualitätskonzept für Bildungssystem im Land

So soll’s gehen: Bis 2019 werden dafür zwei neu Institutionen geschaffen: Zum einen das Institut für Bildungsanalysen (IfB; soll für ein systematisches Bildungsmonitoring sorgen). Zum andern das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL; soll die Zuständigkeiten im Bereich der Lehrerfortbildung bündeln). Beide eng miteinander verzahnt und vereint unter dem Namen „Neues Qualitätskonzept“. Und mit diesem sperrig anmutenden Konstrukt wird dann alles besser?

Kritisch: Die baden-württembergische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz | Foto: Bockwoldt/dpa

GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz: Das kann jetzt noch niemand bewerten

„Das kann jetzt noch niemand bewerten“, meint die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Baden-Württemberg, Doro Moritz, am Rande der Personalversammlung am Staatlichen Schulamt Karlsruhe am Montag, 7. Mai, in der Badnerlandhalle Neureut. „Es gibt zehn, zwölf Arbeitsgruppen. Es darf nicht untereinander und nichts nach außen kommuniziert werden. Das neue Konzept bedeutet, für 2000 Personen kann sich der Arbeitsplatz ändern, und die werden nicht eingebunden, das macht mich sehr misstrauisch“, so Doro Moritz im Gespräch mit den BNN.

Verfolgt die Pläne interessiert: Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Gerhard Brand. | Foto: pr

VBE-Chef Gerhard Brand hofft auf bessere Unterstützung der Lehrer

„Die Zeit wird zeigen, ob ein derart grundlegender Schritt nötig war“, erklärte der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg, Gerhard Brand, der ebenfalls in die Badnerlandhalle kam. Eine „Hängen- und Würgen-Geschichte“ sei es schon etwas, aber, so Brand: „Wir hoffen, dass die strukturellen Veränderungen zu einer besseren Unterstützung der Lehrkräfte und der Schulleistungen führen.“

Moritz  und Brand in der Badnerlandhalle Neureut

Für Doro Moritz erweckt das neue Qualitätskonzept den Eindruck, Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) setze „sehr stark auf Kontrolle und Vergabe“. Moritz: „Doch was sich für Schule und Schulverwaltung künftig ändern soll, wie die Aufgaben umgesetzt, wie starke oder schwache Schüler unterstützt werden sollen, so etwas ist noch nicht erkennbar“. Dabei müssten die Schulen in den Veränderungen gut begleitet werden, meint sie.

Zu viel Zentralismus und Kontrolle?

Tatsächlich gehören zum Bildungsmonitoring zentrale Lernstandserhebungen. Zentrale Vorgaben sollen auch vom Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung kommen. „Wir haben in Baden-Württemberg eine heterogene Bildungslandschaft und Bildung erfolgt immer vor Ort in den Schulen. Der lokale Blick darf nicht verloren gehen“, sagt VBE-Landeschef Gerhard Brand.

Neues Konzept „kostenneutral“ – ein „no go“

„Wir können noch so viel analysieren, wenn wir nicht am Unterricht und der Qualifizierung der Lehrer weiterkommen, bringt das nichts“, erklärt Doro Moritz. „Wir brauchen keine zentralen Klassenarbeiten für Viertklässler. Entscheidend wäre, dass die Schüler, die schwächer sind, Förderung bekommen.“ Für Unterricht und Fortbildung werde nichts zur Verfügung gestellt, aber die Leistung der Schüler werde kritisiert. Dass  das neue Qualitätskonzept „recourcenneutral“, sprich kostenneutral, gehen sollte, hält die GEW-Landesvorsitzende für ein „no go“. Deshalb habe sie kein Vertrauen, dass sich was ändert. „Im letzten Jahr wurden die Fortbildungsmittel für Lehrkräfte um 550 000 Euro auf 3,8 Millionen Euro gekürzt“, verdeutlicht Moritz. Außerdem: Wer die Qualität des Unterrichts verbessern will, muss zunächst dafür sorgen, dass er stattfindet.“

Regionalstellen sollen Konzepte in die Fläche tragen

Regionalstellen des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung sollen die zentral entwickelten Konzepte und Unterstützungsangebote dann in die Fläche tragen. Gleichzeitig sollen Parallelstrukturen aufgelöst werden,  so die Intention des neuen Konzeptes. In einer Pressemitteilung des Staatsministeriums liest sich das wie folgt: „Dabei nutzen wir bereits vorhandene Personalressourcen und setzen rund 2000 Beamtinnen und Beamte sowie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer neu ein. Es ändern sich die Strukturen, nicht die Mitarbeiter.“  VBE-Landeschef Gerhard Brand meint dazu: „Parallelstrukturen will man abbauen, aber andere werden wieder aufgebaut.“

Es entsteht der Eindruck, dass viel gemacht wird, aber letztlich werden nur die Leute umsortiert

Doch können die Regionalstellen, die auf sie zukommenden Aufgaben auch bewältigen, reichen dafür die Kapazitäten tatsächlich? „Diese Frage stellen wir uns auch“, sagt Doro Moritz. „Es entsteht der Eindruck, dass viel gemacht wird, aber letztlich werden nur die Leute umsortiert“, sagt die GEW-Vorsitzende.

Neuer Beruf: „Lehrerfortbildner“?

Im Zusammenhang mit der Fortbildung von Lehrkräften wird im Kultusministerium überlegt, ein neues Berufsbild einzuführen: das des „Lehrerfortbildners“. Das heißt: Lehrkräfte, die in der Aus- und Fortbildung tätig sind, sollen künftig mit dem überwiegenden Teil ihrer Arbeitszeit in der Aus- und Fortbildung eingesetzt und dazu „standardisiert qualifiziert“ werden.

Auch Bezahlung muss stimmen

„Wir begrüßen das ausdrücklich“, betont Doro Moritz. Gute Qualifizierung, Fortbildung, Beratung, das gehöre zusammen, findet sie.  Allerdings müsse es dann für Lehrkräfte, die Fortbildung übernehmen, auch eine bessere Bezahlung geben. „Besoldung und Stundenausstattung müssen hier natürlich stimmen“, sagt auch der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand.

Eisenmann: Stärken Staatliche Schulämter

Die aktuellen Fortbildungsaufgaben und Beratungsleistungen der Schulaufsicht (Fachberater Schulentwicklung, schulpsychologische Dienste, etc.) gehen auf das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung und seine Regionalstellen über. „Damit“, so Kultusministerin Susanne Eisenmann, „stärken wir die Regierungspräsidien und Staatlichen Schulämter in ihren originären Aufgaben, nämlich als Schulaufsichtsbehörden und bei der Steuerung der Unterrichtsversorgung.“

Regionalstellen überfordert?

In den Regionalstellen sollen die staatlichen Seminare für Didaktik und Lehrerbildung sowie die Pädagogischen Fachseminare zusammengeführt werden. Die Seminare sollen dazu Fortbildungsmaßnahmen übernehmen, um die zweite und dritte Phase der Lehrerbildung besser zu verzahnen. Dass Seminare diese Aufgaben in fachlicher Hinsicht erfüllen können, bezweifelt Gerhard Brand nicht. „Allerdings denke ich, dass die Seminare momentan nicht die Kapazität haben, um diese Aufgaben, die bisher die Akademien übernommen haben, auszuüben“, sagt er. Und weiter: „Die Akademien haben jährlich tausende von Lehrkräften fortgebildet. Von der Ausstattung her sind die Seminare nach jetzigem Stand damit überfordert.“