Klein, aber mein – viele Tiny-House-Besitzer wollen gerne auf ganz kleinem Raum, dafür aber flexibel und naturnah wohnen. Dieses kleine Eigenheim ist das erste, das auf einem Campingplatz bei Ettlingen dauerhaft zum Stehen kommen soll.
Klein, aber mein – viele Tiny-House-Besitzer wollen gerne auf ganz kleinem Raum, dafür aber flexibel und naturnah wohnen. Dieses kleine Eigenheim ist das erste, das auf einem Campingplatz bei Ettlingen dauerhaft zum Stehen kommen soll. | Foto: privat

Minimalistisches Wohnen

Verein „Tiny Houses für Karlsruhe“: Kleines Heim, große Freiheit

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Mit dem Durlacher Campingplatz als Tiny-House-Park hat es nicht geklappt. Dort will die Stadt Karlsruhe weiterhin einen klassischen Campingplatz-Betrieb. Doch die Mitglieder des noch jungen Vereins „Tiny Houses für Karlsruhe“ machen weiter mit ihrem Ziel, im Karlsruher Raum ein Areal für ein außergewöhnliches Wohnprojekt zu finden: Mehrere Tiny Houses sollen auf einem gemeinsamen Grundstück stehen. Kleine Wohneinheiten, aber mit viel sozialem „Außenraum“, denn das Leben soll sich in der Gemeinschaft abspielen.

Rund 25 Fans der Tiny-House-Szene waren im Juli 2017 bei der Gründungsversammlung, wie die Vorsitzende des Vereins Regina Schleyer erzählt. Damals sollte konkret eine Rechtsform geschaffen werden, um die Formalitäten einer Bewerbung für das Campingplatz-Areal zu erleichtern.

Regionales Netzwerk für Fans des Tiny House

„Der Aufwand war groß, wir mussten sogar einen Businessplan erstellen“, sagt Schleyer. Doch auch wenn es mit Durlach nicht geklappt hat: „Die Vereinsgründung war eine super Sache.“ Denn nun war ein regionales Netzwerk von Häuslebauern geschaffen, und es galt die Frage zu klären: Was machen wir jetzt?

„Wir wollen das Thema Tiny House weiter voranbringen“, sagt Jonas van der Straeten, der ebenfalls Vorstandsmitglied des Vereins ist. Und der Wert einer Vereinsstruktur habe sich nun gezeigt: Nachdem Durlach vom Tisch war, suchten die Vereinsmitglieder nach anderen Möglichkeiten, eine Siedlung der winzigen Häuser aufzubauen.

Gemeinschaft für Individualisten: Regina Schleyer und Jonas van der Straeten werben mit ihrem Verein für minimalistisches Wohnen im Tiny House.
Gemeinschaft für Individualisten: Regina Schleyer und Jonas van der Straeten werben mit ihrem Verein für minimalistisches Wohnen im Tiny House. | Foto: Peter Sandbiller

Ein Gelände in Stutensee stand in Aussicht, und einen handfesten Erfolg können sie nun verkünden: Der Betreiber eines Campingplatzes bei Ettlingen stellt dem Verein ein Areal zur Verfügung. „Dass das innerhalb eines knappen halben Jahres wirklich klappt, hätte ich nie gedacht“, freut sich van der Straeten.

Erfolgreich sei das Vorhaben vor allem deshalb, weil der Campingplatzbetreiber mit dem Verein einen zentralen Ansprechpartner habe und sich nicht mit jedem Tiny-House-Besitzer einzeln einigen müsse.

Erstes Tiny House steht bereits auf dem neuen Areal

Ein Vereinsmitglied ist am Wochenende bereits auf das Gelände gezogen. Damit sich zu dem Pionier eine ganze Siedlung gesellen kann, seien aber noch einige bauliche Ertüchtigungen nötig, erklärt Schleyer: „Im Moment gleicht es dort eher noch einer Baustelle, es stehen auch noch alte Bauwägen herum.“

Es müssten außerdem noch Wasser- und Stromanschlüsse verlegt werden, bis die für Juli geplante offizielle Übergabe an den Verein erfolgen kann. Dann sollen nach und nach die winzigen Eigenheime dort ihren Platz finden – manche werden auf Rädern stehen, andere vielleicht direkt im Boden verankert.

Wohnkonzept für Individualisten

Wie so ein Tiny House aussieht und welche Funktionen es erfüllt, ist nämlich eine sehr individuelle Sache. Die Möglichkeiten sind so vielfältig wie die Menschen, die sich für diesen Lebensstil interessieren. „Bei der Gründungsversammlung am Sonntag des WM-Finales waren wir eine Gruppe von Leuten, die sich zum Teil noch nie gesehen hatten“, erzählt van der Straeten.

Jeder habe unterschiedliche Beweggründe, in einem Tiny House wohnen zu wollen. „Es sind viele junge, ungebundene Menschen in der Szene, aber auch ältere, alleinstehende“, erklärt Schleyer. Es sei eine Möglichkeit, in bestimmten Lebensphasen das Wohnen zu überdenken, meint die Architektin. Etwa, wenn die erwachsenen Kinder irgendwann aus dem Haus seien und man alleine gar nicht mehr so viel Platz brauche, oder das Geld lieber für Reisen ausgeben wolle.

„Bei uns war es eigentlich vor allem meine Frau, die sich für das Thema interessiert hat“, erzählt van der Straeten. Die beiden lebten bis vor anderthalb Jahren in Berlin, wo sie mit dem Thema erstmals in Berührung kamen. Nun lebt das Paar mit einem kleinen Sohn in Karlsruhe, van der Straeten hat eine auf fünf Jahre befristete Stelle als Postdoktorand. „Ein Tiny House kostet so um die 50 000 Euro. Das gebe ich in fünf Jahren auch an Miete aus“, rechnet er vor.

Ich will mir kein riesiges Haus ans Bein binden

Das sei außerdem flexibel: Wenn sich die Lebensumstände ändern, könne er es mitnehmen oder relativ unkompliziert verkaufen – anders als bei einem herkömmlich gebauten Eigenheim. „Ich habe überhaupt keine Lust, mir so ein riesiges Haus ans Bein zu binden“, sagt er.

Zudem gefalle ihm die Idee, dass sich durch den begrenzten Innenraum das Leben stärker „draußen“ abspiele, und im Falle einer Siedlung in der Gemeinschaft. Man brauche ja nicht für jede Nutzung ein extra Zimmer, sondern könne einen Raum flexibel nutzen. „Ähnlich wie früher in der so genannten Stube: Ein Kind schläft, es wird gekocht, und am Tisch wird gearbeitet.“ Das schaffe zudem automatisch ein viel stärkeres Gemeinschaftsgefühl.

Leben auf kleinem Raum, aber in großer Gemeinschaft

Die Vereinsmitglieder können sich auch ein „Gemeinschafts-Tiny-House“ auf dem Campingplatzareal vorstellen. Schleyer und van der Straeten kommen ins Schwärmen über die vielen Möglichkeiten: In Berlin gebe es Konzepte, Tiny Houses auf Hausdächer zu stellen. In Karlsruhe gebe es einen Architekten, der an der Entwicklung von Tiny Houses für Parkhausdächer arbeite.

„Ein anderer Anwendungsfall sind unbebaute Grundstücke, die für die Enkel ,aufgehoben‘ werden“, meint van der Straeten. „Da wäre eine temporäre Nutzung mit Tiny House für beide Seiten attraktiv.“ Der Verein sieht es aber auch als seine Aufgabe an, das minimalistische Wohnen in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

Unterstützung durch Akteure der Stadt sei da sehr willkommen. „Karlsruhe will sich ja gerne architektonisch innovativ zeigen“, meint sie augenzwinkernd. „Der Oberbürgermeister stand kürzlich auch schon mal in einem Tiny House!“ Nämlich im Kinderkochmobil (KiKoMo) des Vereins Tischlein Deck Dich. (Die BNN berichteten.) „Ich weiß gar nicht, ob dem Herrn Mentrup das so bewusst war“, meint Schleyer.

Verein will den Lebensstil im Tiny House bekannter machen

Um für das ungewöhnliche Wohnmodell Tiny House zu werben, wird der Verein auch dieses Jahr wieder beim Tiny House Festival im Rahmen der Messe Loft vom 24. bis 26. Mai präsent sein. Zudem wolle man sich intern weiterbilden und langfristig Workshops und Seminare anbieten, etwa zu technischen und rechtlichen Fragen. Ab sofort gibt es auch einen monatlichen Stammtisch für alle, die sich für das Thema Tiny House interessieren: Erster Termin ist Dienstag, 26. März, um 19 Uhr im Quartier Zukunft, Rintheimer Str. 46, in der Karlsruher Oststadt.

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