Einzelprüfungen: Ob sich weitere Kinder betreuen lassen, ist von Kita zu Kita unterschiedlich. In St. Hildegard müsste dafür die Notbetreuung zusammenrücken.
Einzelprüfungen: Ob sich weitere Kinder betreuen lassen, ist von Kita zu Kita unterschiedlich. In St. Hildegard müsste dafür die Notbetreuung zusammenrücken. | Foto: jodo

Corona-Krise

Viele Eltern werden bei Kita-Betreuung in Karlsruhe weiter leer ausgehen

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Welche Kinder dürfen bald wieder in die Kita und welche nicht? An dieser Frage scheiden sich die Geister, seit das Kultusministerium einen schrittweisen Ausbau der Betreuung ab dem 18. Mai angekündigt hat. In Karlsruhe gibt es kurz vor dem Stichtag weit mehr Fragen als Antworten.

Träger fühlen sich von der Stuttgarter Behörde im Stich gelassen. Beschwerden frustrierter Eltern nehmen deutlich zu. Spätestens am Wochenende soll die offizielle Verordnung für Licht im Dunkel sorgen. Dann wird auch klar, wie viel Spielraum die Träger für eigene Ergänzungen haben.

Noch ist unklar, wie es weitergeht

Vor Wochenfrist hatten sich die Sozial- und Jugendbehörde der Stadt und mehrere große Träger darauf geeinigt, für den Ausbau der Notbetreuung auch Kinder mit besonderem Förderbedarf zu berücksichtigen und dann nach Alter absteigend aufzufüllen.

Das Ministerium sprach unter der Woche eher von einem rollierenden System, bei dem alle Kinder im Wechsel in die Kita kommen sollen. Doch egal nach welchen Spielregeln es weiter geht, sind sich die Träger einig: Längst nicht alle Kinder können bald wieder betreut werden.

Auslastung durch die Notbetreuung sehr unterschiedlich

Der größte Knackpunkt neben personellen oder räumlichen Engpässen ist die je nach Einrichtung völlig unterschiedliche Auslastung durch die Notbetreuung.

Wo schon jetzt die Hälfte der Kinder zurück ist, können keine weiteren aufgenommen werden. „In einigen Kitas ist das bei uns der Fall, bei anderen müssen wir schauen“, sagt Kirsten Golz, die sich bei der evangelischen Kirche um die 44 Kindertageseinrichtungen kümmert.

Entwicklung der Konzepte braucht mindestens eine Woche Zeit

Doch die 50-Prozent-Hürde ist nicht allein ausschlaggebend, das zeigt das Beispiel einer kleinen katholischen Einrichtung: Den Kindergarten St. Hildegard besuchen normalerweise 30 Kinder. Zehn sind in einer Krippengruppe, 20 in einer für Kinder ab zwei Jahren.

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In beiden Gruppen gibt es derzeit eine Notbetreuung für insgesamt fünf Kinder. Auf dem Papier blieben damit zehn Plätze übrig, die im zeitlichen Wechsel belegt werden könnten. Da sie nicht mit der Notbetreuung vermischt werden dürfen, geht das aber nicht.

Ungewisse Zukunft: Wegen der Corona-Krise ist unklar, wann die Kitas wieder normal öffnen.  | Foto: Reichel

„Wir prüfen gerade, ob wir die Krippen- und Kindergartengruppen zusammenlegen können, um eine Möglichkeit zu schaffen“, sagt Ulrike Tiedtke aus der Kindergartengeschäftsführung der Katholischen Gesamtkirchengemeinde. Für alle 46 Einrichtungen seien individuelle Prüfungen notwendig.

Deshalb rechnet man in der katholischen Kirche damit, dass frühestens am 25. Mai die ersten Konzepte für den Aufbau einer zeitweisen Betreuung fester zusätzlicher Gruppen stehen. Teilweise könne das auch bis nach Pfingsten dauern, so Tiedtke.

Einige melden jetzt erst Anspruch auf Notbetreuung

Beim privaten Träger Pro-Liberis könnten die ersten Kitas hingegen schon in der kommenden Woche mit einem Zeit-Modell starten, sagt Sprecherin Melanie Quernhorst. In den vergangenen Tagen hatte man sich mit Kita-Leitern und Elternbeiräten zusammengesetzt.

„Einen Tag pro Woche werden wir Kindern in fast allen Einrichtungen ermöglichen. In manchen sogar zwei“, ist Quernhorst überzeugt.

Bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO) möchte man am Montag beraten. Zuletzt hatten dort vermehrt Eltern Anspruch auf einen Platz in der Notbetreuung angemeldet. In der kommenden Woche öffnet die AWO dafür mehrere Gruppen. „Ich bin davon überzeugt, dass in vielen Kitas die 50 Prozent schon über diesen Anspruch erreicht werden“, sagt die AWO-Geschäftsbereichsleiterin Esther Marggrander.

Nachmeldungen sind ein Unsicherheitsfaktor in der Planung

Auch ihre Kollegin von der evangelischen Kirche glaubt, dass sich längst nicht jeder gemeldet hat, der es laut Verordnung könnte. „Viele Arbeitgeber fahren zum Beispiel jetzt die Homeoffice-Nutzung zurück“, sagt Golz.

Für die Träger sind diese Nachmeldungen ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Der vorrangige Anspruch könnte dazu führen, dass „Zeitgruppen“ nach einiger Zeit wieder aufgelöst werden müssen. „Wenn es schon knapp ist, starten wir lieber keine rollierende Gruppe, um sie eine Woche später wieder dicht zu machen“, kündigt Tiedtke an.

Zahl der Eltern-Beschwerden steigt deutlich

Bei vielen Eltern sorgt die fehlende Perspektive derweil für blank liegende Nerven. Auf Verwaltungsebene hat die Zahl der Beschwerden und Nachfragen deutlich zugenommen, bestätigt Karina Langeneckert, die Leiterin der Sozial- und Jugendbehörde.

Auch bei der katholischen Kirche melden sich täglich zahlreiche wütende Eltern. Viel sagen konnte man ihnen zuletzt nicht. Offizielle Informationen für die Zeit nach dem 18. Mai gab es keine. „Ich bin wirklich sauer auf das Kultusministerium“, sagt Tiedtke. „Man hat uns Träger hier einfach hängenlassen.“

Die nächste Beschwerdewelle sieht sie schon auf sich zurollen. „Wer jetzt in Sachen Betreuung leer ausgeht, wird auf die Barrikaden gehen. Und das verstehe ich total.“

Stadt will Gebühren unabhängig vom Umfang der Betreuung einziehen

In der Verwaltung will man für die weitere Planung in den städtischen Kitas die Veröffentlichung der Verordnung abwarten. Danach werde es einige Tage dauern, um individuelle Konzepte für die verschiedenen Einrichtungen zu entwickeln. Auf ein Datum möchte man sich nicht festlegen, es gehe vielmehr um einen schleichenden Prozess.

Einen Beschluss gibt es von höchster Stelle hingegen was den Umgang mit Kita-Gebühren angeht. Wird ein Kind betreut – egal in welchem Umfang – zieht die Stadt den vollen Betrag ein, kündigt Bürgermeister Martin Lenz an. Eine Abrechnung nach Tagen oder gar Stunden sei nicht praktikabel.