Vor den Bomben der Allierten sind viele Karlsruher noch vor Kriegsende 1945 aufs Land geflohen. Dort spielte der Krieg eine Nebenrolle.
Französische Soldaten durchkämmen nach Kriegsende im April 1945 die Karlsruher Waldstraße | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Kriegsende vor 75 Jahren

Viele Karlsruher Mütter und Kinder flüchteten vor 1945 vor den Bomben aufs Land

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Vor den Bomben der Allierten sind viele Karlsruher Mütter und Kinder noch vor Kriegsende 1945 aufs Land geflohen. Dort spielte der Krieg eine Nebenrolle. In kleinen Ansiedlungen haben sie den Einmarsch der Allierten erlebt.

Als die Bomben einschlagen, wellt sich der Boden des Luftschutzbunkers am Ende der Karlsruher Emil-Gött-Straße. Es ist 1944. Klaus Huck ist sieben Jahre alt. Das Gefühl hat er bis heute nicht vergessen. Der Luftangriff in unmittelbarer Nähe der eigenen Wohnung ist für Klaus, seinen Bruder und seine Mutter das Signal. Sie packen ihre Sachen und verlassen wie Tausende Andere Karlsruhe. Nur der Vater bleibt zurück, er arbeitet in der Stadt.

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Erst zu Fuß, dann mit dem Zug und zuletzt auf einem Pferdewagen schlägt sich die Familie zu Verwandten in Häfnerhaslach durch. „Mir hätte nichts Besseres passieren können“, erinnert sich Klaus Huck heute.

Das kleine Dorf nordwestlich von Ludwigsburg ist für die alliierten Flieger kein relevantes Ziel. Vom andernorts tobenden Krieg bekommt man kaum etwas mit. Den roten Himmel über dem brennenden Pforzheim habe er erkennen können, erzählt der 83-Jährige.

Einmal fliegen zwei Jagdbomber über den Ort. Klaus versteckt sich unter einem Heuwagen. „Trotzdem war auf dem Land alles sehr unbeschwert“, sagt er heute.

Ein Kriegsgefangener vermittelt beim Einmarsch der Franzosen

Das Kriegsende verläuft in Häfnerhaslach fast schon harmonisch. Eines Abends stehen Panzer auf einem nahen Hügel. Am nächsten Morgen kommen die Franzosen. „Leo ist ihnen entgegen gelaufen“, erzählt Huck.

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Leo ist selbst Franzose. Als Kriegsgefangener kam er zu der Familie. Mit der Zeit wurde er zum Helfer und Freund. „Wahrscheinlich ist deshalb nicht viel passiert.“

Lehrer hängt die weiße Fahne an die Schule

Einige Kilometer nordöstlich erlebt Eugen Hoffmann etwa zur selben Zeit das Kriegsende in Ober-Scheidental. Seine Familie verlässt die eigene Wohnung in der Karlsruher Essenweinstraße 1943. Der Vater ist an der Front. Per Feldpost warnt er vor der bevorstehenden Bombardierung vieler Städte.

Weltkriegsende 1945: Szene vom 7. April 1945 am Marktplatz Karlsruhe: Am Tag des De Gaule-Besuchs werden Gebäude in Brand gesteckt- im Hintergrund raucht es aus den Gebäuden der Dresdner Bank und des Geschäftshauses Hiller | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe

Noch vor dem Abschied aus Karlsruhe erlebt die Familie einen Bombenangriff auf Rintheim. „Viele Gebäude in der Umgebung wurden getroffen“, erinnert sich Hoffmann. Einige Verwandte der Familie leben zu dieser Zeit im Odenwald. Mehrfach zieht Eugen um.

Als die Amerikaner kommen, steht am Ortseingang noch ein deutsches Geschütz. „Der Bauernhof wurde plattgemacht“, erzählt er. In der Schule des kleinen Ortes hat ein Lehrer eine weiße Fahne rausgehängt. Als die amerikanischen Soldaten den Ort erreichen, sind die Kinder draußen. Sie bekommen Süßigkeiten.

Über den Krieg wird kaum noch gesprochen

Nach Karlsruhe kehrt Eugen Hoffmann erst zwei Jahre nach Kriegsende zurück. Die Wohnung der Familie in einem Hinterhaus ist ausgebrannt. Für einige Zeit kommt man bei der Cousine unter.

Klaus Huck kommt schon 1946 zurück. An die Bombentrichter auf vielen Straßen erinnert er sich. An den Gruppenunterricht der katholischen Jugend im Keller von Schloss Gottesaue. Und an eine Zeit, in der die Familie kaum satt wurde.

Über die Kriegsjahre hat Klaus Huck mit seinen Eltern nie mehr gesprochen. Die Verbindung zum Zufluchtsort Häfnerhaslach ist aber bis heute geblieben. Im Haus, in dem Huck mehr als ein Jahr verbracht hat, leben noch heute Verwandte, die er regelmäßig besucht.