Deutschlandweit Spitze ist die Meerwasser-Aquaristik im Naturkundemuseum Karlsruhe. Vivariumsleiter Hannes Kirchhauser ist stolz auf das XXL-Korallenriff und die zwei Schwarzspitzen-Riffhaie. | Foto: jodo

Wo Haie und Korallen gedeihen

Vivarium in Karlsruhe auf der Erfolgswelle

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Was für ein Tauchbad der Emotionen. Als die schöne Schwarzspitzen-Riffhaidame Karla aus Leipzig zu Hai „Kalli“ ins XXL-Becken des Naturkundemuseums am Friedrichsplatz gleitet, schlägt nicht nur der Platzhirsch im Wasser heftig mit den Flossen. Weil Kalli die Neue in Karlsruhe erstmal nach Hai-Manier schüttelt, schnellt auch dem menschlichen Revierchef der Blutdruck in die Höhe. Hannes Kirchhauser hechtet in den Taucheranzug und begleitet das ruppige Techtelmechtel der frisch verpartnerten Raubfische vorsichtshalber bis zum guten Ende unter Wasser.

Chef des Vivariums kontrolliert morgens erstmal die Bassins

Sofort und konsequent auf Krisen zu reagieren, ist eine Stärke Kirchhausers. So cool er dabei wirkt – abgebrüht ist er nicht. „Wenn ich morgens ins Haus komme“, verrät der Chef des Vivariums, „gehe ich erst schnurstracks zu den Becken, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist.“ Am meisten Sorge hat er dabei nicht um die Fische, sondern um die vielfarbigen Korallen.

600 Korallenkolonien

Der Spezialist kennt die Gefahren für Deutschlands größtes natürliches Korallenriff, das seit 2016 im Westflügel des Museums wächst und gedeiht. Ein einziger Infekt könnte die inzwischen 600 Kolonien von rund 120 Korallenarten innerhalb von 48 Stunden töten. Sein Wissen gibt der Pionier in der Zucht und Haltung lebender Korallen beständig weiter, in Ettlingen als Lehrer für Aquaristik an Tierpfleger in spe sowie als bundesweit beachteter Fachautor.

Ein halbes Leben für Korallen und Kraken

Sein halbes Leben verbringt der Spezialist für Meerwasserbewohner nun schon in einer Welt, die bei weitem nicht nur Aquarianer fesselt. Am Montag, 1. April 2019, ist es auf den Tag 30 Jahre her, dass Kirchhauser Leiter des Karlsruher Vivariums wurde. In dessen Geschichte, die 1938 begann, hat niemand länger an der Spitze der Einrichtung gestanden.

Volontär wird direkt Chef

Nicht von ungefähr steigt Kirchhauser 1988 als Volontär ein: Das Haus holt gezielt junge Fachleute, um unter ihnen einen Nachfolger für Eduard Mayer zu finden, dessen Amtszeit 1989 endet.

Aufschwung beginnt im Wendejahr 1989

Im Jahr des Mauerfalls bröckelt auch im Karlsruher Vivarium altes Gemäuer. Die knifflige Meerwassertechnik wird komplett erneuert. Das ist bitter nötig. „Damals leckte es an allen Ecken und Enden“, erinnert sich Kirchhauser an seine ersten Monate im Vivarium. „Die Betonmauern hatten auf der Seite der Zuschauer richtige Salzkrusten.“

Dunkel und klein ist das Vivarium, wie es 1962 im Naturkundemuseum neu gestaltet eröffnet. Dessen erster Leiter Georg Fessenmaier präsentiert es dennoch stolz. | Foto: SMNK

Mancher Karlsruher hat einmal vor den alten Schaubecken im Nassen gestanden. Immerhin ist der bescheidene Rundgang auf 182 Quadratmetern mit knapp 20 kleinen Aquarien damals schon nicht mehr das „dunkle Loch“, als das die Anlage bei der Eröffnung 1962 gestaltet ist.

Gruseln vor dem „dunklen Loch“

Viele Karlsruher können sich daran erinnern, dass es sie als Schulkinder heimlich gruselte vor diesem merkwürdig schummrigen Reich mit dem typischen Aquariengeruch.

In Doppelbecken haben größere Fische Platz

Für das Naturkundemuseum mit seiner beispielhaften Kombination lebenden und archäologischen Inventars startet der erste Umbau unter Kirchhausers Regie eine Erfolgswelle. Glücklich klettert der junge Chef 1990 in neue Doppelbecken, die wenigstens badewannengroß sind. Je ein Bassin deckt nun zwei Sichtfenster ab. Der Trick bringt mehr Raum zum Schwimmen auch für größere Fische.

Badewannenformat haben die Bassins, die der Umbau der Meerwasseraquaristik 1990 bringt. Hannes Kirchhauser demonstriert fröhlich die neue Geräumigkeit. | Foto: pr

Doch Raumnot drückt noch lange. Erst 2004 rückt der Vorraum des Vivariums, immerhin 200 Quadratmeter, in den Blick. Als er 2006 fertiggestellt ist, mit bis heute attraktiven großzügigen Paludarien und Terrarien, geht es rasch weiter.

Zusage für den Westflügel

2008 kommt die Zusage, den bis dato von der Badischen Landesbibliothek als Lager genutzten Gebäudeteil dem Naturkundemuseum zuzuschlagen. Nach 20 Jahren Warten für Kirchhauser soll sich der Traum von einem Vivarium im Westflügel erfüllen.

Zitterpartien und ein erfüllter Traum

Noch ohne Haie, aber mit brillierenden Schwärmen flinker Tropenfische eröffnet 2016 die Dauerausstellung „Form und Funktion – Vorbild Natur“ mit dem Korallenriff als Herzstück. Vorangegangen ist eine Zitterpartie um Kieselsäure im zentralen Becken. Das fasst 240 000 Liter Meerwasser und ist damit 400 Mal so groß wie das größte Bassin der Zeit, in der Kirchhauser die Leitung übernahm.

Tauchgänge im Mittelmeer

Bei allem Wachstum – es gibt auch beachtliche Konstanten. Die Seepferdchenzucht etwa oder die Tauchgänge, die das kleine, aber feine Aquaristikteam des Karlsruher Museums seit Jahrzehnten vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio absolviert.

Auf Tauchexkursion im Mittelmeer gehen Hannes Kirchhauser und seinem Team Fische und Kraken ins Netz. | Foto: pr

Dort holen Kirchhauser und sein Team regelmäßig Kraken aus ihren Verstecken. Sie bringen die hoch intelligenten Tiere mit den acht Armen über die Alpen in Karlsruhes wissenschaftlich geführtes Naturkundemuseum und wenige andere ausgewählte Häuser mit Schauaquarien. Nach einem Jahr endet ihre Gefangenschaft. Die Kraken vollenden ihren Lebenszyklus an dem Ort, an dem sie aufgestöbert wurden.

Karlsruher Experten im Fernsehen

Nicht nur die Filmemacher von „Olis wilder Welt“ im SWR-Fernsehen setzen das Engagement der Karlsruher ins Bild. „Ein Kameramann lieh mir für den Dreh sein Hemd“, berichtet Kirchhauser vergnügt. Bis 2015 ist der Meerwasserexperte regelmäßig im TV zu sehen. Jetzt hingegen setzt er eher auf Rückzug – bald hat er 60. Geburtstag.

So eine Baustelle ist doch nie fertig

„Mein Hauptziel ist, das Geschaffene zu konsolidieren und geordnet zu übergeben“, sagt Kirchhauser. Aber das ist relativ. Nicht von ungefähr fügt er gleich hinzu: „So eine Baustelle ist doch nie fertig.“