Manfred Burgsmüller (Werder Bremen) trifft am 11. Oktober 1988 zum 4:0 gegen den Stasi-Club BFC Dynamo Berlin von Burkhard Reich (rechts).
Manfred Burgsmüller (Werder Bremen) trifft am 11. Oktober 1988 zum 4:0 gegen den Stasi-Club BFC Dynamo Berlin von Burkhard Reich (rechts). | Foto: imago/Schumann

30 Jahre Mauerfall

Wie Ex-DDR-Nationalspieler Burkhard Reich in einer Nacht- und Nebelaktion zum KSC kam

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Burkhard Reich war der erste Fußballer aus der DDR, der nach dem Mauerfall beim KSC anheuerte. Die Geschichte ist so abenteuerlich wie es der 9. November 1989 selbst gewesen war. 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert er sich an seine Wurzeln und an jene bewegten Tage des Umbruchs – die er damals nicht kommen sah.

Burkhard Reich sieht den Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik im Spätherbst 1989 nicht kommen. So macht der Fußballer noch ein letztes mieses Geschäft. Denn das Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz verkauft kurz vor der Wende täglich ein Kontingent von 100 Videorekordern. Luxusimporte aus Japan. Die Menschenschlange vor dem Eingang umgeht Reich dann an einem Tag im Stile eines Undercover-Agenten. Er kennt einen der Verkäufer. Mit ihm trifft er sich konspirativ im Keller des Gebäudes und lässt sich eines der begehrten Objekte in der mitgebrachten Tasche verstauen. „Das Gerät hat 7300 Mark gekostet. Man musste fünf VHS-Kassetten zu je 95 Mark dazu nehmen, weshalb 475 Mark obendrauf kamen. Sechs, acht Wochen später waren die Grenzen offen, da gab es das Gerät für 1500 D-Mark.“

Reich spielt in der DDR-Nationalmannschaft

Der noch stolze Besitzer eines Videorekorders ist dann an jenem geschichtsträchtigen Abend des 9. November mit der Nationalmannschaft der DDR in Leipzig. Die Truppe des Trainers Eduard Geyer bereitet sich dort auf ihr entscheidendes WM-Qualifikationsspiel gegen Österreich vor. Das aber sollte bald keinen mehr interessieren. Als der SED-Sekretär Günter Schabowski bei einer Pressekonferenz in der Berliner Mohrenstraße irrtümlich die unverzügliche Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet, überschlagen sich die Ereignisse der Nacht. Reich, der vom Stasi-Club BFC Dynamo Berlin kommt, sieht es noch vor sich: „Wir waren mit einigen Spielern in der Stadt. Als wir in die Sportschule zurückkamen, sprang uns schon Ulf Kirsten entgegen, der den ganzen Tag vor der Glotze hockte, weil er in Dresden kein Westfernsehen gucken konnte. Er sagte uns, dass die Grenzen offen seien. Keiner von uns hat das zunächst geglaubt.“

Fußball-Oberligasaison 1987-88: Die Mannschaft des neunfachen DDR-Meisters BFC Dynamo. Hintere Reihe, dritter von links: Burkhard Reich.
Fußball-Oberligasaison 1987-88: Die Mannschaft des neunfachen DDR-Meisters BFC Dynamo. Hintere Reihe, dritter von links: Burkhard Reich. | Foto: Oberst, Klaus/Wikimedia

Dann sehen alle Ungläubigen genau das  im Fernsehen. Die DDR geht vor ihren Augen unter. Für gefeierte Fußballer aus dem Arbeiter- und Bauernstaat ist die Bundesliga plötzlich ganz, ganz nahe.

Mit 200 Sachen nach Karlsruhe

Reich hegt Zweifel, ob er gut genug wäre für wöchentliche Duelle mit den Besten im Westen. Dass Andreas Thom oder Ulf Kirsten das packen würden, keine Frage. Thom geht dann auch gleich im Januar 1990 nach Leverkusen. Topleute wie Rainer Ernst, Thomas Doll, Frank Rohde, Matthias Sammer und Ulf Kirsten folgen ihm im selben Jahr in den Westen.  Im März 1991 kommt es dann über einen Vermittler aus West-Berlin zu ersten Gesprächen zwischen Reich und dem KSC, der einen Innenverteidiger sucht. „Das war ein geheimes Ding“, erinnert er sich. Der damalige KSC-Manager Carl-Heinz Rühl holt Reich und dessen Frau dann mit seinem BMW in Frankfurt vom Flughafen ab und rast mit über 200 Sachen über die Autobahn. Reichs Frau wird es übel, sie wird den Tag auf dem Hotelzimmer in einem Karlsruher Hotel verbringen und gar einen Notarzt brauchen. Gemeinsam werden sie am Nachmittag zwei Treffer von Helmut Herrmann und den KSC dadurch mit 2:0 gegen den 1. FC Nürnberg gewinnen sehen. Schließlich schnappt sich der KSC in Reich den ersten „Ossi“. 8000 D-Mark wird er in der ersten Saison verdienen, 6000 Ost-Mark waren es beim BFC Dynamo. „Als die beim BFC wussten, dass ich gehen will, haben sie noch eine Schippe draufgelegt“, erzählt Reich und ordnet die Zahlen ein. „In Berlin habe ich 100 Mark Miete gezählt, in Mühlburg waren es dann 1500 Mark. Es war ein weiter Weg bis dahin, Reich hat das und das meiste andere nie vergessen.

Fussball Burkhard REICH (KSC) zeigt Album mit Bildern und Wimpel aus seiner aktiven Zeit als Fussballer in der DDR, | Foto: GES

Herr Reich, wie war das, mit 20, 21 Jahren Stammspieler beim unbeliebtesten Club der DDR zu sein?

Reich: Erich Mielke, der Minister für Staatssicherheit, wollte immer, dass wir Meister werden. Der BFC wurde das zwischen 1979 und 1988 ja auch zehnmal in Folge. Es hieß dann, der BFC würde bevorteilt. Das hat sich durch die Jahre aufgestaut, diese ganze Missgunst. Wir wurden nur noch beschimpft, egal wo wir hinkamen – als „Schiebermeister“und „Stasiclub „und was weiß ich was.

Wie sah das Leben eines Fußballprofis in der DDR aus?

Reich: Alle Spieler waren ja in Betrieben angestellt. Oder, wie im Falle des BFC, bei der Polizei. Ich war Volkspolizist. Du hast ein normales Grundgehalt gehabt als Hauptmeister oder wie die Dienstgrade hießen. Wenn du dann befördert wurdest, hast du 100 Mark mehr gekriegt.  Prämien gab es vom Verein.

Was verdiente man?

Reich: In Berlin 1500 Ostmark. Ein DDR-Bürger hat durchschnittlich 500 bis 600 Mark verdient.

Haben Sie sich als Fußballer privilegiert gefühlt?

Reich: Ja sicher, privilegiert waren Leistungssportler in der DDR sowieso.

„Ich war halt ein Ossi“

An Autos, auf die der normale Bürger im Osten zehn Jahre oder länger warten musste, kommen Fußballer aus der DDR-Oberliga zügig. Aber auch in dieser Komfortzone des Sozialismus sind nicht alle gleich. Andreas Thom hat den größten Lada flugs nach dem ausgesprochenen Wunsch vor der Haustür stehen. Bei dessen Mitspieler Reich dauert es ein Weilchen, bis er in einen eigenen Wartburg einsteigen kann, den er als „alte Rostlaube“ in Erinnerung hat.

Den Spielern des BFC fehlt es an nichts. Ihr Trainingscamp liegt vor den Toren Berlins in Uckley – mitten im Wald in einem Sperrgebiet. Abschottung mit Annehmlichkeiten. „Das war eine überragende Anlage mit allem Pipapo – super Platz, ein See dabei, eine Halle, ein Schwimmbad, Flipperautomat, Kinosaal. Die haben uns immer mit Obst eingedeckt, Bananen, Orangen – was du sonst nicht bekamst, das gab es da alles“, erzählt Reich 30 Jahre nach dem Mauerfall. Einen Grund, das System zu hinterfragen, sah Reich nicht. Er ist, anders als die kirchlich und durch Westverwandtschaft geprägte Familie seiner Frau, ohne Skepsis gegenüber dem Staat. „Ich war halt ein Ossi“, sagt er.

Aber waren da wirklich nie Zweifel?

Reich: Logisch hast du dir Gedanken gemacht. Man vertrat ja teilweise zwei Meinungen. Eine zuhause und eine öffentliche. Du wusstest: Wenn du was Falsches sagst und du sitzt neben dem Falschen, kann dir etwas passieren. Dumm waren sie ja alle nicht.

Wie war Ihre Perspektive auf den Westen?

Reich: Durch die Auslandsreisen kannte ich ihn ja ein bisschen. Wir wussten, dass das da alles viel bunter ist. Die DDR war ja grau in grau. Wir hatten das Glück, dass wir im Europapokal nie im Osten gespielt haben. Immer Kopenhagen oder Göteborg, außerdem bin ich relativ schnell in die Olympiaauswahl gekommen. Dann warst du mit denen in Schweden, in Indien, in Kuwait, in Malaysia, in Portugal. Außer in der BRD warst du überall.

Wie war es dann, als am 11. Oktober 1988 das Europacupspiel in Bremen anstand?

Reich: Da war alles anders. Wir sind mit dem Bus dort hingefahren, da waren schon einige Typen von der Stasi an Bord, später im Hotel sowieso. Bevor wir los sind, hat Mielke noch zur Mannschaft gesprochen. Vor allem hatten sie Angst, dass Thom oder Doll abhauen. Da hieß es, „das, was die euch im Westen bieten können, das kann ich euch auch bieten“. Vor dem Spiel wollte ich mit zwei Mitspielern eine Runde um den Block. Da hatte ich direkt einen an den Fersen gehabt. Bei der Nationalmannschaft wärst du aus dem Hotel gegangen und wärst fort gewesen. Warum ausgerechnet da bei diesem Spiel…

Stasi-Chef Erich Mielke gratuliert den Spielern des BFC Dynamo um Burkhard Reich zur DDR-Meisterschaft 1986/1987 | Foto: imago

Auftragsmord der Stasi an Eigendorf nie bewiesen

Fluchten seiner Stars waren schlecht für den DDR-Fußball, vor allem aber waren sie schlechte Propaganda fürs System. Nachdem sich der Nationalspieler Lutz Eigendorf im März 1979 am Rande eines Freundschaftsspiels mit dem BFC Dynamo in Kaiserslautern abgesetzt hatte, waren sie im BFC-Internat durch die Zimmer der Nachwuchskicker gegangen und hatten dessen Poster von den Wänden gerissen, erinnert sich Reich. Eigendorf kam 1983 unter mysteriösen Umständen bei einem Autounfall ums Leben. Die Theorie, dass ein Auftragsmord der Stasi hinter dessen tragischen Schicksal steckte, bleibt unbewiesen. Acht Monate nach Eigendorfs Tod setzten sich Falko Götz und Dirk Schlegel, auch sie BFC-Spieler, vor dem Europapokalspiel bei Partizan Belgrad ab. Bei Auswärtsspielen in der DDR-Oberliga sah sich der BFC danach als Club der Landesverräter verhöhnt.

In Bremen türmt 1988 dann aber niemand. Zu feiern gibt es für Reich auch nichts. Hatte der BFC das Hinspiel daheim mit 3:0 gewonnen, kommt sein Team an der Weser mit 0:5 unter die Räder. Wenn sie beim BFC aber etwas zu feiern hatten, dann taten sie es richtig. Die Meisterfeiern im Palasthotel erzählen davon, und auch vom Pharisäertum der DDR. Die Gala-Abende sind wie Fernsehshows konzipiert, versammeln Westkünstler wie Andy Borg und Lena Valaitis, dazu das komplette Politbüro mit Ausnahme des Staats- und Parteichefs Erich Honecker. Mit den Spielen gegen Bremen beschäftigen sich Menschen bis heute aus anderem Grund. Die Spieler des BFC Dynamo sollen im Hinspiel mit Aufputschmitteln gedopt gewesen sein, im Rückspiel habe das Team aus Angst davor, aufzufliegen, auf sie verzichtet.

Sind die Doping-Anschuldigungen berechtigt?

Reich: Die habe ich so noch nicht gehört. Uns hat keiner gesagt, du musst dies oder das nehmen. Wir sind ins Camp gefahren und in der Sauna unten nach dem Training haben sie irgendwas zusammen gemixt.  Da war Rotwein, Eigelb oder was weiß ich drin. Jeder hatte seinen Becher, jeder sollte trinken. Keiner hat gefragt, was drin ist. Als ich Zweite Liga in Fürstenwalde spielte, haben sie mal Ephedrin-Pillen verteilt. Das habe ich probiert und konnte dann richtig laufen. Und beim nächsten Mal habe ich grottenschlecht gespielt, da ging gar nichts.

Stimmt es, dass Mannschaftsbesprechungen vorzugsweise ins Freie verlegt wurden?

Reich: Das stimmt. Bei uns haben sie gedacht, die im Westen machen es genauso wie wir. Ob wir wirklich abgehört wurden, weiß ich nicht – ich vermute es aber. Als die Grenzen aufgingen und die Bürgerrechtler ins Camp einmarschiert sind, stellte sich heraus, dass es darin eine Abhörzentrale gab, von der aus jeder Winkel auf dem Gelände mit Kameras und Wanzen überwacht war. Das hatten wir so nicht mitgekriegt. Ich dachte, das kann nicht wahr sein – jedes Telefongespräch …

Wissen Sie, was man alles über Sie wusste?

Reich: Ich habe mir meine Stasiakte schicken lassen. Was ich immer vermutet habe, dass irgendeiner aus dem Spielerkreis da als IM gespitzelt hat, bestätigte sich darin nicht. Da sind Berichte von unserem Mannschaftsleiter drin, die darum kreisen, ob ich für den Reisekader noch tauglich bin, ob ich ins westliche Ausland fahren darf. Was ich mir gut gemerkt habe ist, dass sie geschrieben haben: „Mädchen gegenüber ist er schüchtern.“

Staub und Erinnerungen

Als die Mauer noch stand und er mit dem BFC-Dynamo 1987 und 1988 DDR-Meister wurde, habe er mit dem KSC nicht viel anzufangen gewusst. „Ich kannte von Karlsruhe fast nichts, außer Winnie Schäfer und Michael Harforth. Schütterle war mir noch ein Begriff. Harforth war ein überdurchschnittlicher Bundesligaspieler für mich, sonst habe ich mich für Karlsruhe gar nicht interessiert. Das war eine graue Maus, viel zu weit weg.“ Harforth wurde Jahre später nach seinem Wechsel zum KSC die erste Bezugsperson für Reich. „Wenn du etwas gebraucht hast, war er immer da.“ Ansonsten waren sie ja auch schon alle da, die Jungs, mit denen Reich bis heute zu tun hat – als Präsident der KSC-Allstars: Michael Wittwer, Gunther Metz, Rainer Krieg und viele mehr.

Reich hatte es nicht kommen sehen, dass die Mauer fallen würde.  Und auch hatte er nicht erahnen können, dass ihm einmal ein Verein so nah kommen würde wie dieser KSC. Aber Hand aufs Herz: „Was ist eigentlich aus dem Videorekorder aus dem Keller des Centrum-Warenhauses am Alex geworden?“ Reich gesteht es, ganz unsentimental: „Den habe ich letztes Jahr entsorgt.“ Staub und Erinnerungen hingen dran.

Teammanager Burkhard Reich (KSC), | Foto: GES

Zur Person
Burkhard Reich, geboren am 1. Dezember 1964 in Fürstenwalde an der Spree, lebt in Weingarten. Er bestritt sechs DDR-Länderspiele und war ein Jahr nach seinem Wechsel zum KSC auch einmal zum DFB-Nationalmannschaftslehrgang eingeladen. Ein A-Länderspiel für das geeinte Deutschland absolvierte er dann nie, dafür aber 200 Bundesliga- und 25 Europapokalspiele. 2000 beendete er seine aktive Laufbahn nach einer letzten Saison beim VfB Leipzig und   arbeitet seither in den unterschiedlichsten Funktionen beim KSC: Anfangs gab man ihm den Titel eines „Sport- und Verwaltungskoordinators“. Später arbeitete er im Marketing, wurde  Leiter des Merchandisings, wurde als Assistenztrainer von Rainer Krieg bei der U23 eingesetzt, schließlich dann als Teammanager bei den Amateuren und später zusätzlich auch bei den Profis. Inzwischen kümmert sich Reich längst fulltime als Teammanager um die Belange der Profis. Er regelt alle erforderlichen Vertragsformalitäten, die gegenüber der Deutschen Fussballliga abzuwickeln sind, managt die Spielberechtigungen, organisiert das Booking von Trainingslagern, Auswärtsreisen, etcetera pp. Er wisse, dass er einen Job mache, „den viele gar nicht sehen und von dem viele auch nichts wissen“. Umso mehr freute es ihn, dass es im Mai erstmals eine Tagung aller Kollegen der oberen drei Ligen sowie der Nationalteams der Männer und Frauen gab. Das sei gut, „um dem Job ein bisschen mehr Wertschätzung entgegen zu bringen und auch mal bei den Verantwortlichen de Vereine in einen höheren Stellenwert zu bringen.“