Mysterium für viele Neubürger: Die rote Tonne.
Mysterium für viele Neubürger: Die rote Tonne. | Foto: BNN

Julias Ökolumne

Vom vergeblichen Versuch, die rote Tonne zu verstehen

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Karlsruhe will es seinen Neubürgern einfach machen: Bei der Anmeldung auf dem Amt drückt der Sachbearbeiter dem Zugezogenen einen Stadtplan in die Hand, ein dickes Gutscheinheft und einen Flyer zur Mülltrennung. Doch an dieser Stelle wird es kompliziert: Die rote Tonne nämlich stellt Ortsfremde vor ungeahnte Herausforderungen. Eine Sinnsuche in der neuen Folge von Julias Ökolumne.

Zwei Dinge gehören zu Deutschlands DNA: Der Föderalismus – und die Mülltrennung. Für sich genommen beides gute Dinge, in ihrer Kombination jedoch fatal. Denn während Grundschullehrerinnen in der einen Ecke des Landes immer wieder erklären, dass Papier in die blaue Tonne kommt und Plastikverpackungen in den gelben Sack, kann es wenige Kilometer weiter wieder ganz anders aussehen.

Je nach Müllart unterschiedliche Schwierigkeitslevel

Nicht einmal beim Biomüll, und das ist ja wohl noch die einfachste Materie, ist sich die Republik einig: Mancherorts ist die Tonne grün wie Gurken, andernorts braun wie Brot – oder es gibt einfach gar keine.

Erfrischend einfach funktioniert hingegen meistens die Entsorgung von Restmüll: Eine graue oder schwarze Tonne, die alles schluckt. Das sollte jedoch nicht so sein. Im Idealfall würden wir dort so wenig wie möglich reinschmeißen und den Großteil in anderen Tonnen recyclen. Warum nur wird uns genau das so schwer gemacht?

Wenn die Mülltonne zum IQ-Test wird

So geht es mittlerweile nicht mehr: Altpapier darf nicht mehr in die Wertstofftonne.
So geht es mittlerweile nicht mehr: Altpapier darf nicht mehr in die Wertstofftonne. | Foto: Archiv/jodo

Beispiel Karlsruhe: Eine Gummi-Ente, eine Bratpfanne und Spülmittel sind im Stil einer Kinderzeichnung auf die rote Tonne gekrakelt. Kennen Sie diese IQ-Tests, bei denen man herausfinden muss, welches Symbol nicht zu den anderen passt? Oder welches noch fehlt? Beim Betrachten der roten Tonne stelle ich meinen IQ zwangsläufig in Frage.

Ich kenne gelbe Säcke und ich kenne Wertstoffhöfe. Die Wertstofftonne scheint beides zu vereinen. Aber irgendwie auch wieder nicht: Holz darf hier nur rein, wenn es unbehandelt ist. Eine „normale“ Antenne soll laut Abfall-ABC in die Wertstofftonne, eine elektrische nicht. Bretter dürfen, Türen nicht. Töpfe und Schüsseln sind ok, die Kloschüssel aber muss leider draußen bleiben.

Und überhaupt, diese Farbe. Mir sind in meinem Leben schon Tonnen in den meisten Farben des Regenbogens untergekommen, sogar orange-schwarze und türkise – beide übrigens in Bayern. Eine rote war bislang nicht dabei. Die Karlsruher Wertstofftonne strahlt mit ihrer Warnfarbe ein Gefühl von Gefahr aus.

Auch die Stadt scheint sich nicht so ganz sicher zu sein

Mal ist die Einwurf-Anleitung gar nicht mehr lesbar, mal verblasst... und immer mit einem Jetzt-doch-kein-Papier-mehr-Aufkleber überdeckt.
Mal ist die Einwurf-Anleitung gar nicht mehr lesbar, mal verblasst… und immer mit einem Jetzt-doch-kein-Papier-mehr-Aufkleber überdeckt. | Foto: Weller

Auf die Idee, dort Gefahrstoffe einzufüllen, sollte man aber auf keinen Fall kommen. Schließlich gehören vor allem Kunststoffe, Metalle und Verpackungen hinein.

Auf der roten Tonne vor unserem Haus ist auch noch Altpapier verzeichnet. Diese Einwurfanordnung wurde allerdings später mit einem zusätzlichen Aufkleber zurückgenommen – und stattdessen eine komplett neue, blaue Tonne eingeführt.

Wer da jetzt noch durchblickt, sollte wirklich stolz auf sich sein. Für mich bleibt der Trost: Ich bin wohl zumindest nicht die einzige, die die rote Tonne nicht so ganz versteht. Die Karlsruher Abfallwirtschaft ist ähnlich unschlüssig. Immerhin.

 

Julias Ökolumne
Umweltfreundlich leben wollen wir alle irgendwie – wenn das doch nur nicht immer so anstrengend wäre. In dieser Kolumne nimmt Julia Weller das Spannungsfeld zwischen der allseits erwünschten Nachhaltigkeit und unserer alltäglichen Bequemlichkeit auf die Schippe. Alle Folgen gibt es hier.