Eine Frau wirft in der Zentralbibliothek einen Umfragebogen zum Thema "Schimpfen und beleidigen" in eine sogenannte Motzbox. Ein Sonderforschungsbereich der Technischen Universität Dresden befasst sich mit Beschimpfungen, Hate-Speech und Herabsetzungen. | Foto: dpa

„Sie Dummschwätzer!“

Vom Wesen der Schmähung

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Hin und wieder muss sich das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe mit ganz profanen Dingen befassen. Mit Beleidigungen zum Beispiel. Oder mit der Frage, ob eine vom Adressaten als Beleidigung aufgefasste Bemerkung denn auch tatsächlich eine Beleidigung war. Vor einigen Jahren gab’s hierzu eine viel beachtete Entscheidung der „Roten Roben“ aus Karlsruhe. In dieser heißt es sinngemäß: Wer einen anderen einen „Dummschwätzer“ nennt, muss dabei nicht zwangsläufig mit einer Strafe wegen Beleidigung rechnen.

„Dummschwätzer“ vor Gericht

Zwar sei die Wortwahl ehrverletzend – sie sei aber erst dann eine Schmähung, wenn nicht mehr die Auseinandersetzung in der Sache im Vordergrund stehe, sondern die Diffamierung des Anderen. Weiter heißt es, der Begriff „Dummschwätzer“ sei nicht so ehrenrührig und vernichtend, dass eine Abwägung mit dem Recht der freien Meinungsäußerung von vornherein ausscheide. Folglich müsse eine Abwägung im Einzelfall stattfinden.

Geistreiche Schmähungen

Sarkastische Obszönitäten, linguistische Gemeinheiten oder geistreiche Schmähungen waren in früheren Zeiten vor allem in der Politik ausgesprochen beliebt. Man denke nur an Franz-Josef Strauß, der Helmut Kohl als „Filzpantoffel-Politiker“ schalt. Oder an Herbert Wehner, dessen beleidigende Zwischenrufe („Strolch“, „Quatschkopf“, „Schleimer“) in einem eigenen Büchlein verewigt sind. Auch Joschka Fischer, der vor wenigen Tagen 70 Jahre alt wurde, ließ sich 1984 im Bundestag gegenüber Richard Stücklen zu der Beleidigung „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“ hinreißen. Es sollte ihm nicht schaden: 14 Jahre später war er deutscher Außenminister.

Projekt an der Dresdner Uni

Wissenschaftler der Technischen Universität Dresden erforschen derzeit in einem neuen Großprojekt das Wesen der Schmähung. Dank Pegida, Trump und den sozialen Netzwerken hat das Thema seit einigen Jahren eine ganz neue Qualität gewonnen. Ziel des Programms ist es nach Angaben der Hochschule, die Mechanismen der Herabwürdigungen zu verstehen und am Ende im Idealfall eine Theorie und Gegenstrategien zu entwickeln. Für das ehrgeizige Projekt stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für vier Jahre immerhin 7,5 Millionen Euro zur Verfügung. Ganz schön viel Geld, um die wirren Gedankengänge einiger Dummschwätzer, Quatschköpfe und Strolche zu ergründen.