Die Fächerform ist das Kennzeichen für Karlsruhe- genauer gesagt für das Zentrum. Um den Fächer herum haben sich viele Stadtteile herausgebildet. Mit oft starken eigenen Identitäten. Diesen Karlsruher "Heimaten" spüren zwei städtische Museen nach. Mit vielen Bürgerkommentaren über ihren Heimatbegriff. | Foto: dpa

Heimattage Karlsruhe

Vom Zuhause zur Heimat

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Seit einem dreiviertel Jahr wohnt Katharina Klöcker mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Karlsruhe. Die neue Stadt ist groß und fürs Umschauen nach dem Zuzug aus dem Rheinland hatte die 38-Jährige noch wenig Zeit. Sie erlebt Karlsruhe bislang vor allem durch einen Stadtteil, ihren Wohnort Grünwettersbach. „Wir haben vorher in Düsseldorf mitten in der Stadt gewohnt und sind dort nie hundertprozentig angekommen.

Das süddeutsche Gefühl

Nach der beruflichen Veränderung meines Mannes haben wir in Karlsruhe etwas mit Garten gesucht. Durlach hätte uns gefallen, nun sind wir in Grünwettersbach unterm Fernsehturm gelandet. Die Nachbarn sind sehr freundlich, im Ort oder in der Umgebung finden wir die Grundversorgung. Es gefällt uns und bei mir hat sich das gute süddeutsche Gefühl eingestellt.“
Frau Klöckner wuchs in Schwäbisch Gmünd auf, empfindet Badener und Schwaben als ähnlich – was ihr Mann im Büro anders hört – und ist zufrieden mit dem neuen Ort, dem Zuhause. „Das kann wechseln, je nachdem wo das Leben einen hinbringt. Heimat ist für mich aber da, wo man aufgewachsen ist.“ Wird Katharina Klöckner mit der Zeit eine Stadtteilidentität im Bergdorf spüren oder gar darauf Wert legen? Welche Ausflugspunkte oder Lokale werden ihrer Familie ans Herz wachsen?

Heimat im Stadtteil

Um solche ausdrücklich lokalen „Fragen“ und Identitäten in den 27 Karlsruher Stadtteilen geht es dem Pfinzgaumuseum Durlach ab heute. Dort geben auf kurzen Videos Menschen aus Karlsruhe Auskunft über ihren Heimatbegriff – und ob sie vielleicht mehrere Heimate haben können.
Ferris Dastan ist als „eiran_mc“ mit seinem Durlach-Rap bekannt geworden. Er wohnt in der alten Markgrafenstadt. Weil er aber in der Pfalz aufwuchs, möchte er sich nicht einfach als „Durlacher“ bezeichnen. Aber als er dort seinen ersten Döner „auf Pump“ bekam, da hatte Dastan das Gefühl, „ich bin auch hier willkommen.“ Aydin Mir Mohammadi aus der Nordstadt, geboren in der Adlerstraße, sieht Heimat, „wo die Menschen sind, mit denen ich eine Beziehung habe, eine starke Beziehung.“ In den Iran, dem Land seines Vaters, gebe es nur wegen der Familie – „heimatliche Gefühle“. „Karlsruhe ist auf jeden Fall meine Heimat, wenn ich Heimat verorte, als Stadt.“

Langjährige Treffpunkte wichtig

Jürgen Sickinger fühlt sich heimatlich geborgen, wenn er die Hirschbrücke sieht. Oder wenn ihn der Duft von Lindenblüten an seine Kindheit in der Weststadt erinnert. Der 70-jährige Vorsitzende des Bürgervereins Südweststadt ist ein Beispiel dafür, wie sich Gesamt-Stadtgefühl und Stadtteil-Emotionen verbinden. „Mei Heimat isch dort, wo mei Herz schneller schlagt, wenn e widder zrick komm: mei Hoimat isch Karlsruh’“ schreibt er in seinem gerade im Selbstverlag erschienenen ersten Mundart-Büchlein „Uffg’lesenes un Zug’flogenes“.
Zur Stadtteilidentität gehören für Sickinger wie für viele andere jene Lokale, die über Jahre bestehen und Treffpunkte für Zeit mit Freunden oder Gleichgesinnten werden. In der Südweststadt war der Ausschank der Brauerei Schrempp (bis 1920, danach bis 1977 Schrempp-Printz) solch ein Ort. Geboxt und getanzt wurde dort. Im „Alten Brauhof“ finden die Südweststädter eine Fortsetzung der Tradition. Solche privaten und öffentlichen Plätze benötigt Heimat. Unter anderem, um sich über Heimatgefühle auszutauschen.

Als eigenständigen und sehr kommunikativen Beitrag zu den Heimattagen Baden-Württemberg bieten Stadtmuseum Karlsruhe und Pfinzgaumuseum Durlach eine Doppelausstellung. Unter dem Titel „Karlsruher Heimaten“ spüren beide Häuser bis Oktober so etwas wie einer Sozialgeschichte von unten nach. Die Knielinger litten unter dem Rheindurchstich von Tulla 1817 und leisteten Widerstand. Sie erlebten ebenso ein Beispiel für „Heimat zerstören“ wie die Bewohner von „Klein Karlsruhe“ oder dem „Dörfle“ bei der Sanierung nach 1967. Im Prinz-Max-Palais wird dieses Kapitel neben anderen wie „Heimat suchen“ oder „Heimat inszenieren und instrumentalisieren“ behandelt. Unter „Heimat bauen“ lässt sich die Kirchfeldsiedlung für Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg vorstellen.  Der geschichtliche Teil jeder Ausstellung wird ergänzt durch kleine Filme, in denen Menschen aus Karlsruhe Auskunft geben über ihren Heimatbegriff. Und die Besucher können ihre eigenen Gedanken hinterlassen. In der Durlacher Karlsburg, wo das Pfinzgaumeuseum seine Heimat hat, gibt Leiterin und Doppel-Kuratorin Alexandra Kaiser den Karlsruher Stadtteilen und deren Stimmen viel Raum. Sie ist beispielsweise stolz, den „Daxlander Schlaucher“ zu zeigen, jene Holz-Skulptur, die von der Stadtverwaltung nicht gewünscht war, aber trotzdem einen Platz in heimatlicher Umgebung fand.

Karlsruher Heimaten. Ausstellung im Stadtmuseum, Karlstraße 10, sonntags 11 bis 18 Uhr sowie dienstags, donnerstags, freitags und samstagnachmittags. Im Pfinzgaumuseum Durlach, sonntags 11 bis 18 Uhr, mittwochs und samstagnachmittags. Jeweils bis 23. Oktober.

 

Über eine weitere Ausstellung zu den Heimattagen in Karlsruhe erfahren Sie hier etwas: