Leere Säle: So sieht es derzeit in den Theatern aus. Das Bild zeigt den Innenraum des Theaters Baden-Baden. | Foto: TBB

Sehnsucht nach dem Publikum

Von Hundert auf Null: Wie Theaterleute aus der Region die Corona-Zwangspause erleben

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Rund sieben Wochen sind die Theater in der Region nun schon geschlossen. Die Staatstheater in Karlsruhe und Stuttgart bekamen als erste den Spielstopp verordnet. Wenige Tage danach wurde auch allen kleineren Bühnen der Spielbetrieb untersagt.

Abgesehen von den existenziellen Fragen der beruflichen Zukunft: Wie gehen Menschen, deren Alltag aus Auftritten vor Publikum besteht, mit der derzeitigen Situation um? Die BNN haben mit drei Vertretern aus drei Generationen in der Region gesprochen.


Das Urgestein: Berth Wesselmann, 70

Irgendwie passt es zu Berth Wesselmann, wo ihn der Anruf auf seinem Handy erreicht: in der Theatergarderobe. Zwar ist am Theater Baden-Baden seit Mitte März ebenso kein Spielbetrieb wie an allen anderen Bühnen des Landes. Aber dass Wesselmann eine besonders enge Bindung zu „seinem“ Haus hat, zeigen schon die Daten seiner Biografie. Seit 1980 ist der Schauspieler dort aktiv, mehr als 35 Jahre lang als festes Ensemblemitglied und seit seiner Pensionierung immer wieder als Gast.

Theater als „Erstwohnsitz“

„Gerade in diesen Wochen hätte ich viele Vorstellungen gehabt“, sagt der Charakterdarsteller, der das Theater nur halb im Scherz auch mal als seinen „Erstwohnsitz“ bezeichnet. „Das Musical ‚Hochzeit mit Hindernissen‘ hatte ja erst kurz vor der Schließung Premiere.“

Gerade erst herausgekommen und schon wieder auf Eis gelegt: das Musical „Hochzeit mit Hinderinissen“ am Theater Baden-Baden. Szene mit Berth Wesselmann und Sonja Dengler. | Foto: Grünschloß

In der Garderobe weilt der 70-Jährige aber nicht aus Sehnsucht: „Dort hatte sich einfach einiges von mir angesammelt, was ich jetzt mal abholen wollte.“ Um die Kontaktsperren einzuhalten, ist er extra erst am späten Nachmittag hingegangen. „Ich habe nur aus der Ferne einen Techniker gesehen.“ Fremd ist das für ihn nicht: „Im Prinzip ist es wie in den Theaterferien.“ Wie das leere Haus im Sommer wirkt, weiß Wesselmann, weil er selbst dann noch vorbeischaut, um seine Auftritte beim Sommertheater im Stadtteil Baldreit vorzubereiten.

Was mir wirklich fehlt, ist der Kontakt zum Publikum.

Berth Wesselmann, Schauspieler

Wie kommt jemand, der so gar nicht von der Bühne lassen kann, durch den Shutdown? „Beim Spazieren in der Natur gibt es viel Platz zum Beobachten und Sinnieren. Und: Ich habe noch nie so viel geschlafen wie jetzt“, lacht der erklärte Nachtmensch. „Was mir wirklich fehlt, ist der Kontakt zum Publikum. Das Internet kann die Bühne nicht ersetzen. Unsere Kunst, das ist ein Live-Erlebnis.“

Allein vor der Kamera

Entsprechend seltsam sei es gewesen, im Spiegelfoyer des Theaters allein eine Lesung aufzuzeichnen. „Als es darum ging, dass wir in der Schließungszeit präsent bleiben, habe ich mir da eine Kamera hinstellen lassen und das Tucholsky-Programm aus meiner Lesereihe wiederholt.“ Wie war das, so ohne Zuschauerreaktionen? „Furchtbar“, sagt Wesselmann. „Aber was soll man machen?“


Der frei Schaffende: Stefan Roschy, 42

Das fragt sich auch Stefan Roschy. Der 42-Jährige arbeitet seit neun Jahren frei schaffend als Schauspieler. Das bedeutet: Einkommen gibt es nur durch Engagements. Damit sah es für 2020 eigentlich sehr gut aus: Unter anderem sollte Roschy beim Ötigheimer Theatersommer die Titelrolle in „Wilhelm Tell“ spielen – 15 Mal vor jeweils bis zu 4.000 Zuschauern.

Man kann Theater nicht mit angezogener Handbremse machen.

Stefan Roschy, Schauspieler

Alles verschoben in Ötigheim

Die Vorproben waren angelaufen, die Promofotos mit Bart und verwegenem Rebellen-Blick im Kasten. Doch dann wurde erst mal der Start der Hauptproben mit mehreren hundert Statisten auf Eis gelegt und letztlich die ganze Saison ins nächste Jahr verschoben. Die Entscheidung war bitter, aber fast eine Erleichterung, befindet Roschy. „Am angespanntesten waren die Tage, in denen niemand wusste, ob und wie es weitergeht. Man kann Theater nicht mit angezogener Handbremse machen.“

So hätte er in Ötigheim als Wlhelm Tell auftreten sollen: Stefan Roschy auf einem Vorab-Foto. | Foto: Klenk

Finanziell sei er durch den Shutdown „in ein tiefes Loch gefallen“, sagt er offen. Nicht nur wegen Ötigheim: Roschy gibt auch theaterpädagogische Seminare für Firmen. „Da geht es um Training an der eigenen Präsenz, um Wirkung im Auftreten und um eine bessere Selbstwahrnehmung“, erklärt er. „Dieser Bereich ist auch ganz weggebrochen.“

Kurze Clips mit Theaterquiz

Was also tun? .„Am Anfang der Schließung dachte ich, ich müsste sofort aktiv werden und zum Beispiel das Solostück ‚Malala‘ fürs Internet aufnehmen“, sagt Roschy, der das Stück über die junge pakistanische Bloggerin Malala Yousafzai für Klassenzimmer spielt.

Bislang hat er kurze Videoclips mit Theaterquiz-Aufgaben hat er mit seiner Frau, der Baden-Badener Schauspielerin Nadine Kettler, ins Netz gestellt, „Aber für ein ganzes Stück wäre ein anderer Ansatz nötig, um etwas Künstlerisches zu kreieren, das jenseits der Bühne funktioniert.“


Die Novizin: Marie-Joelle Blazejewski, 25

Auch für Marie-Joelle Blazejewski ist das Internet nicht der Rettungsanker für die Bühnenkunst – obwohl sie mit 25 Jahren zur Generation der „Digital Natives“ gehört. „Als Raum ist das Theater nicht ersetzbar“, sagt die Schauspielerin, die zu Beginn dieser Saison ihr Erstengagement am Badischen Staatstheater Karlsruhe angetreten hat.

Als Raum ist das Theater nicht ersetzbar.

Marie-Joelle Blazejewski, Schauspielerin

Sie sah sich durch die Zwangspause zunächst mit unerwartet viel freier Zeit konfrontiert: „Ich habe wieder angefangen, Klavier zu spielen, viel Sport gemacht und viel gelesen. Selbst wenn ich ein Buch nur zur Hälfte schaffe – dümmer werd’ ich davon nicht.“ Dabei, so die Absolventin der Otto-Falckenberg-Schule in München, sei ihr erst aufgefallen, „in was für einem Tempo man sonst die ganze Zeit unterwegs ist.“

Die bislang letzte von drei Premieren für Marie-Joelle Blazejewski (rechts): „Der Susan-Effekt“. | Foto: Grünschloß

Drei Premieren mit jeweils großen Rollen hatte Blazejewski seit Saisonbeginn. Erst eine Woche vor der Spielunterbrechung kam „Der Susan-Effekt“ nach Peter Høeg heraus. Aus diesem Rhythmus heraus auf null Vorstellungen zu gehen, war eine Vollbremsung, erinnert sie sich. „Am Anfang stand die große Sorge, wohin die Pandemie noch führt. Eine solche Konfrontation mit der Fragilität des Lebens hat meine Generation ja nie erlebt.“

Reflektion über das eigene Tun

Dann folgte die Reflektion über das eigene Tun: „Eigentlich bereitet man sich am Theater ja immer für Proben und Vorstellungen bereit. Aber wenn man keinen Termin als Ziel hat, ist das ein Gefühl wie im Leerlauf.“ Das habe sich allmählich gelegt.

Doch den Shutdown als unfreiwillige Sabbatwochen zu deuten, genügt ihr nicht: „„Wir sollten uns Zeit nehmen, zu überlegen, wie sich das Theater verändern wird. Wie laden wir die Menschen neu zu uns ein? Welche Themen müssen wir bieten? Unter welchen Bedingungen können wir proben?“


Wenig Hoffnung auf baldige Öffnung

Wann sie und alle anderen Theaterschaffenden wieder regulär ihrem Beruf nachgehen können, ist derzeit nicht abzusehen. „Von einem Kollegen aus Greifswald habe ich gehört, dass bei ihnen die Saison wohl gelaufen ist“, zeigt sich Stefan Roschy hinsichtlich baldiger Theateröffnungen wenig optimistisch. „Und wenn es wieder losgeht, denke ich, dass die Leute erst mal andere Sorgen haben als ins Theater zu gehen.“

Dennoch sieht er in der Krise die Chance für einen Neuanfang. „Auch wir Künstler müssen uns fragen, was wir aus dieser Zeit mitnehmen. Von was wir künftig erzählen und mit welcher Haltung.“

Was am meisten fehlt

Einig sind sich die Befragten generationsübergreifend über die Frage, was ihnen am meisten fehlt. „Der Austausch mit den Kollegen und den Zuschauern“, sagt Blazejewski genau wie Wesselmann. Der verabschiedet sich am Telefon mit einem Satz, der derzeit nicht wie Werbung, sondern wie in vier Worte gebündelte Hoffnung klingt: „Demnächst in diesem Theater.“