"Hello, my name is": Uwe Buchholz vor dem Eingang des HipHop-Kulturzentrums Combo in Karlsruhe.
"Hello, my name is": Uwe Buchholz vor dem Eingang des HipHop-Kulturzentrums Combo in Karlsruhe. | Foto: Jörg Donecker

HipHop und Jugendarbeit

Von Offenheit und dem Recht auf Chillen

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Uwe Buchholz hört privat nicht unbedingt HipHop. „Doch das, was Ende der 80er Jahre vor allem durch den Breakdance aus den USA nach Deutschland kam, hat ja viele Elemente aus Funk und Jazz“, sagt der 57-Jährige. „Das ist eher so meins.“

Dennoch hat er in Karlsruhe schon viel bewegt für die Anhänger der HipHop-Kultur, die in den 1970er-Jahren in afroamerikanischen Ghettos von New York City entstanden ist und sich über die Jahrzehnte zu einer weltweiten, urbanen Jugendkultur entwickelt hat. Im Süden von Hagsfeld leitet Uwe Buchholz das HipHop-Kulturzentrum „Combo“ – gemeinsam mit einem Kollegen, das ist ihm wichtig zu betonen.

HipHop in der Partnerstadt Halle

Überhaupt stellt er sich nicht gerne in den Vordergrund, spricht lieber über seine Arbeit als über Persönliches. „Ich bin en eschte Kölscher Jung’“, erzählt er dann doch und lässt den rheinischen Akzent kurz durchscheinen, den man ansonsten kaum wahrnimmt.

Er hat eine handwerkliche Ausbildung, arbeitete zehn Jahre lang auf dem Bau, zog aus familiären Gründen nach Karlsruhe und orientierte sich auch beruflich neu. Mit einem Praktikum stieg er 1995 in die Mobile Jugendarbeit der Stadt ein. „Wir fuhren damals mit einer Gruppe Jugendlicher zum Austausch in die Partnerstadt Halle“, erzählt Buchholz.

Ideale Szene für Jugendarbeit

Die Jugendlichen dort waren in der lokalen HipHop-Szene aktiv als Musiker, Tänzer oder Künstler: sie rappten, machten Breakdance oder malten Graffiti – und abends wurden Partys gefeiert. „Dort haben wir entdeckt, dass die Hip-Hop-Kultur für die Jugendarbeit toll ist“, sagt Buchholz. Er spielt auf das der Hip-Hop-Kultur innewohnende Selbstverständnis an, aus eigenem Antrieb künstlerisch aktiv zu sein und sich sein Forum zur Not selbst zu schaffen, etwa mit selbst organisierten Rap-, DJ- oder Breakdance-Battles.

Für die bildenden Künstler des Karlsruher HipHop entstand Ende der 90er Jahre bei der Europahalle eine erste offizielle Wand, auf der legale Graffiti entstehen konnten. Er habe die Schaffung dieser Wand damals unterstützt, sagt Buchholz. Vertreter der Szene würden sogar sagen, Buchholz habe die legalen Wände, so genannte „Halls of Fame“, erst möglich gemacht und so der Karlsruher Streetart einen entscheidenden Entwicklungsimpuls gegeben.

Vom Problem zur Kunstform

Der Weg hin zu einer offenen, für die Jugendlichen lebbaren und von Seiten der Stadtverwaltung unterstützten Hip-Hop-Kultur war nicht ganz einfach. 1998 wurde Buchholz im Rahmen der städtischen Strategie für „Sicherheit und Sauberkeit“, die sich an der Zero-Tolerance-Policy (Nulltoleranzstrategie) in den USA orientierte, in einen Arbeitskreis gegen illegale Graffiti einberufen.

„Da saß ich dann unter anderem mit Vertretern von Polizei und Staatsanwaltschaft zusammen“, sagt Buchholz. Er sei damals der Einzige gewesen, der die Position vertrat, Graffiti als Kunstform zu sehen – heute gibt es an vielen Stellen in Karlsruhe legale Wände, oft werden Streetartkünstler auch von privaten Hausbesitzern für Auftragsarbeiten engagiert.

Die Zusammenarbeit mit den Karlsruher Ämtern funktioniere heute sehr gut, denn auch in der Sozial- und Jugendbehörde sei man von der Kulturszene rund ums Combo begeistert: „Die feiern das.“

Impulse für Projekte kommen aus der Szene selbst

Immer wieder spricht er davon, dass die Errungenschaften aus der Szene selbst gekommen sind: Die Jugendlichen hätten sich von sich aus an ihn gewandt, um Aktionen zu realisieren oder auch mit dem Bedürfnis, einen Ort für die Ausübung ihrer Kunst zu finden.

So entstand die Idee, einen Verein zu gründen: den Farbschall e.V. – Verein zur Förderung der HipHop-Kultur. Getragen vom Verein, der Mobilen Jugendarbeit und der Szene selbst entstand so auf dem Gelände eines ehemaligen Jugendzentrums das Kulturzentrum Combo, das 2005 eröffnet wurde.

„Es hat mich einfach überzeugt, mit welchem Engagement die Jugendlichen mit ihren Ideen zu mir kamen“, sagt Buchholz. Denn ein wichtiges Merkmal der Mobilen Jugendarbeit sei es, die Jugendlichen nicht einfach nur zu beteiligen, sondern aktiv in die Verantwortung zu nehmen und die Selbstorganisation zu fördern. Dazu gehört auch, dass aktuell elf Personen einen Schlüssel fürs Combo haben.

Laufen lassen und korrigieren

„Laufen lassen und zur Not korrigierend eingreifen“, lautet das Prinzip, nach dem Buchholz verfährt. Zum Beispiel beim „Shoe tossing“ auf dem Combo-Gelände: Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen werfen ihre etwa vom Basketballspielen abgerockten Sneaker so in die Luft, dass sie mit den Schnürsenkeln über den Stromleitungen hängen bleiben. Solange die Leitungen dadurch nicht gefährdet würden, sei das okay, meint Buchholz.

Shoe Tossing ist Teil der HipHop-Kultur - natürlich auch im Combo.
Shoe Tossing ist Teil der HipHop-Kultur – natürlich auch im Combo. | Foto: Jörg Donecker

Da alles, was das Combo heute ausmacht – die Räumlichkeiten in einem alten Container, eine überdachte Tanzbühne für die Breakdancer oder die vielen Wände für die Graffitikünstler – mit viel eigener Handarbeit entstanden ist, kümmern sich die jungen Menschen auch um ihr Kulturzentrum. „Die Leute lieben diesen Ort, sie identifizieren sich mit dem Combo“, sagt Buchholz.

Anders als andere ab den 80er Jahren entstandenen Jugendszenen wie Punk oder Techno ist HipHop auch heute noch auf der ganzen Welt weitverbreitet. „Das kommt daher, weil die Szene sich nicht abschottet“, meint Buchholz. Typisch für HipHop sei auch, dass sozialer, kultureller oder Bildungshintergrund keine Rolle spiele. Im Gegenteil bestehe eine große Lust, Neues zu entdecken und sich auszutauschen.

Breakdancer sind viel unterwegs – auf internationalem Niveau

„Wir sind ständig unterwegs, vor allem mit den Tänzern. In Karlsruhe gibt es durchaus Breaker mit internationaler Qualität.“ Nicht nur für sich selbst sind die Aktiven des Combo unterwegs. Sie organisieren Unterkünfte für gastierende Breakdancer aus aller Welt, dolmetschen bei Veranstaltungen, erzählen in Karlsruher Schulen von ihrem Engagement – und wachsen an ihren Aufgaben.

„Es ist schön zu beobachten, wie sich aus 14-jährigen Chaoten junge Menschen entwickeln, die ihr Wissen didaktisch weitergeben“, sagt Buchholz, der manche schon seit vielen Jahren kennt. Zugang zu den jungen Menschen findet er auch durch seine eigene Lebenserfahrung.

Experte in Sachen Chillen

Jugendarbeit habe viel mit Empathie zu tun, zusätzlich kenne er aber auch die rauere Sprache der Handwerker mit klaren Ansagen aus seiner Zeit auf dem Bau. „Ich weiß, was Malochen heißt. Wenn ich von meiner Vergangenheit erzähle, kommt das gut an.“

Besonders schwierig sei in der Teenagerzeit für viele der Druck, zusätzlich zum Erwachsenwerden ganz nebenbei noch zu wissen, wie der berufliche Weg aussehen soll. Er findet: „Jugendliche haben das Recht, rumzuprobieren und auch mal nen Hänger zu haben. Sie dürfen zwischendurch auch mal Experte in Sachen Chillen sein.“