Eine Männerdomäne war die Politik auch 1919 noch, wie diese Fotografie des Sitzungssaals im Karlsruher Ständehaus, dem damaligen Badischen Landtagsgebäude, zeigt. Ein paar Frauen sind mit gutem Auge aber zu erkennen.
Eine Männerdomäne war die Politik auch 1919 noch, wie diese Fotografie des Sitzungssaals im Karlsruher Ständehaus, dem damaligen Badischen Landtagsgebäude, zeigt. Ein paar Frauen sind mit gutem Auge aber zu erkennen. | Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

Kampf für das Frauenwahlrecht

Vor 100 Jahren gingen in Karlsruhe die ersten Frauen zur Wahl

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Warum eigentlich wählen gehen? „…zum Wesen der Würde gehört eben, daß ich nicht Objekt in der Verhandlung anderer bin, sondern als Subjekt mein Schicksal soweit möglich selbst bestimmen darf.“ Diese Begründung ist mehr als 100 Jahre alt, und sie galt der Einführung des Frauenwahlrechts. Oskar Muser als Vertreter der Freisinnigen Volkspartei begründete so im Juni 1918 den Antrag in der Zweiten Kammer der Badischen Nationalversammlung, den auch die SPD und die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) unterstützten.

Doch die Nationalliberalen und die katholische Zentrumspartei votierten im Karlsruher Ständehaus dagegen, und so brachte erst die Novemberrevolution im selben Jahr neben einer parlamentarischen Demokratie (nämlich der Weimarer Republik) auch die politische Mitbestimmung der Frauen in Deutschland – und in Baden.

Erste Wahl für Karlsruherinnen am 5. Januar 1919

Die erste Wahl, an der Frauen in Karlsruhe teilnahmen, fand am 5. Januar 1919 statt. Und es ging um viel: Die Wahl der verfassunggebenden Badischen Nationalversammlung, aus der später der Badische Landtag entstand. Erst zwei Wochen später, am 19. Januar, folgte die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung.

Genau 100 Jahre später, am kommenden Samstag, 5. Januar 2019, wird an diesen Meilenstein auf dem Weg zur Gleichberechtigung im Karlsruher Ständehaus mit einem Empfang gedacht, zu dem Bundesjustizministerin Katarina Barley den Festvortrag hält. „Gerade im Vorfeld der Kommunal- und Europawahlen im Mai ist das ein wichtiges Zeichen“, sagt Dorothee Schlegel vom gastgebenden Karlsruher Forum für Kultur, Recht und Technik. Es gehe darum, „an das Recht zu wählen und den Mut, sich wählen zu lassen“ zu erinnern.

Schon damals in den Jahren und Jahrzehnten vor 1919, als es nur Männern erlaubt war, in Parteien einzutreten und wählen zu gehen, habe sich deutlich gezeigt, was auch heute noch Gültigkeit besitzt: „Wenn wir nicht Politik für unsere Interessen und auch aus unserer Sichtweise heraus machen, dann wird ohne uns Politik gemacht.“

Entscheidungen nicht den Männern überlassen

Als aktuelle Beispiele nennt sie die Diskussionen „Nein heißt Nein“ um die Gesetzesänderung in Vergewaltigungsfällen oder Debatten um die Abschaffung des Paragrafen 219a, der es Ärzten verbietet, Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu machen. „Man sieht an diesen Diskussionen, wie oft Männer sich gar nicht einfühlen können in die Situation der Frauen“, meint Schlegel. Sie denkt dabei auch an alleinerziehende Mütter oder pflegende Angehörige. „Solche politischen Entscheidungen dürfen wir nicht den Männern überlassen.“

Vor 1919 konnten nur Männer auf politischer Ebene für das Frauenwahlrecht einstehen. Frauenrechtlerinnen mussten andere Wege finden, politische Gleichberechtigung einzufordern. In Deutschland distanzierten sich Ende des 19. Jahrhunderts die Frauen von den kämpferischen Methoden der englischen Suffragetten, in Karlsruhe konzentrierte man sich vor allem auf Bildungschancen für Frauen.

Langer Kampf für das Frauenwahlrecht

Mit der Gründung des ersten deutschen Mädchengymnasiums 1893 (heutiges Fichte-Gymnasium) entwickelten sich nach und nach Kontakte zur politischen Frauenbewegung. Etwa der Verein Frauenbildung-Frauenstudium, der auch Träger des Mädchengymnasiums war, und die 1903 gegründete Rechtsauskunftsstelle für Frauen und Mädchen setzten sich ab Anfang des 20. Jahrhunderts für das Frauenwahlrecht ein. Seit 1908, nachdem ein neues Gesetz Frauen im Kaiserreich die Mitgliedschaft in politischen Parteien erlaubte, traten viele Frauenrechtlerinnen politischen Parteien bei.

Nach dem Ersten Weltkrieg, der viele Männer das Leben kostete, übernahmen Frauen wichtige Aufgaben in der deutschen Gesellschaft – ohne die Frauen ging nichts. „Da kämpften bürgerliche und sozialistisch-proletarische Bewegungen zusammen für das Frauenwahlrecht, und dann hat es geklappt“, sagt Schlegel.

Karlsruherinnen gesellschaftspolitisch stark engagiert

Und die heutigen Karlsruherinnen? „Ich vermute mal, dass in Karlsruhe mehr Frauen wissen, wen sie wählen wollen, als anderswo“, sagt Schlegel, die ursprünglich aus dem Neckar-Odenwald-Kreis kommt. Die Fächerstadt habe viele aktive Frauenorganisationen. „Hier sind Frauen viel mehr im Arbeitsleben eingebunden, auch in Führungspositionen, und sie sind gesellschaftspolitisch stark engagiert.“

Und es gebe noch viel zu tun, ist Schlegel überzeugt. Damals wie heute würden Frauen anderen Frauen noch zu wenig zutrauen. 1919 etwa wurden nur neun Frauen in die Badische Nationalversammlung gewählt, darunter die Karlsruherinnen Clara Siebert (Zentrumspartei) und Kunigunde Fischer (SPD). „Und es ist immer noch so, dass Frauen nicht alleine nachts unterwegs sein können. Es ist einfach eine andere Form von Angst, Dinge zu tun, die für Männer selbstverständlich sind.“

Gut zureden alleine reicht nicht

Deshalb wolle sie am Samstag bei Justizministerin Katarina Barley konkret nachfragen, wie man daran etwas verändern könne. „Gut zureden alleine reicht nicht“, sagt Schlegel. „Manchmal muss man auch ein bisschen kämpfen. Und manchmal auch ein bisschen mehr.“