Dieses (vermutlich im Nachhinein gestellte) Foto zeigt den SPD-Politiker Philipp Scheidemann, wie er am 9. November 1918 am Fenster der Reichskanzlei in Berlin die "deutsche Republik" ausruft. Zuvor hat Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung von Wilhelm II. verkündet.
Dieses (vermutlich im Nachhinein gestellte) Foto zeigt den SPD-Politiker Philipp Scheidemann, wie er am 9. November 1918 am Fenster der Reichskanzlei in Berlin die "deutsche Republik" ausruft. Zuvor hat Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung von Wilhelm II. verkündet. | Foto: dpa

„Es lebe die Republik“

Vor 100 Jahren verkündet Max von Baden die Abdankung des Kaisers

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„Verrat. Schamloser, empörender Verrat“. Die Nachricht, die ihn am frühen Nachmittag des 9. November vor 100 Jahren im Großen Hauptquartier im belgischen Spa erreicht, versetzt Kaiser Wilhelm II. einen Schock: In den Augen der Welt ist er kein Monarch mehr. Der „Verräter“, der dafür gesorgt hat, gehört zu seiner Verwandtschaft: Es ist Prinz Max von Baden, der Reichskanzler.

Der hat unter dem Eindruck der revolutionären Unruhen in Berlin wenige Stunden zuvor den Thronverzicht des Kaisers erklärt. Eigenmächtig, ohne von Wilhelm II. dazu befugt zu sein. Über Wolffs Telegrafisches Bureau, damals eine der größten Nachrichtenagenturen Europas, ließ der Badener die falsche – oder zumindest voreilig abgesetzte – Meldung verbreiten.

Max von Baden will Monarchie retten

Angetreten war Max von Baden (1867–1929) in der Endphase des Ersten Weltkriegs, um die Monarchie zu retten. Nur widerwillig hatte Wilhelm II. den designierten Nachfolger des kinderlosen badischen Großherzogs am 3. Oktober 1918 zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten berufen. Max besaß kaum politische Erfahrung, doch hoffte man offenbar darauf, dass das Mitglied des als vergleichsweise liberal geltenden badischen Fürstenhauses im In- und Ausland Reformbereitschaft signalisieren würde.

Die im Oktober 1918 vollzogene Parlamentarisierung des Kaiserreichs kam aber zu spät. Die Leiden des Weltkriegs, der Hunger und die Enttäuschung über die militärische Niederlage befeuerten demokratische und sozialistische Kräfte. Dass in der hoffnungslosen militärischen Situation noch das Auslaufen der Flotte zu einem „ehrenvollen“ Gefecht gegen die Briten befohlen wurde, brachte das Fass zum Überlaufen. In Kiel und Wilhelmshaven verweigerten Matrosen den Befehl. Die Aufstände weiteten sich wie ein Flächenbrand aus. Und die Rufe der kriegsmüden Massen nach einer Abdankung des Kaisers sowie der übrigen deutschen Monarchen wurde lauter. In Bayern fiel am 7. November der erste Thron.

Am 9. November 1918 füllen streikende Arbeiter die Straßen von Berlin.
Am 9. November 1918 füllen streikende Arbeiter die Straßen von Berlin. | Foto: dpa

Hunderttausende demonstrieren am 9. November 1918 in Berlin

Am Morgen des 9. November vor 100 Jahren erreicht die Revolution Berlin. Unter roten Fahnen demonstrieren Hunderttausende gegen das alte Regime. Doch der Kaiser im fernen Spa zögert und zaudert. Endlich erhält Prinz Max, der von Berlin aus auf die Abdankung seines Cousins drängt, ein Signal aus dem Großen Hauptquartier, woraus er schließt, dass die Entscheidung gefallen sei. Die angekündigte offizielle Formulierung lässt aber auf sich warten.

Ein undatierte Aufnahme zeigt Prinz Max von Baden.
Ein undatierte Aufnahme zeigt Prinz Max von Baden. | Foto: dpa

Dem Reichskanzler läuft die Zeit davon. Er macht die Abdankung Wilhelms II. öffentlich. Dafür wird er vom Kaiser als „Verräter“ beschimpft – und später von Anhängern der alten Ordnung als „Totengräber der Monarchie“. Das Amt des Reichskanzlers übergibt Max von Baden an Friedrich Ebert, den Parteivorsitzenden der SPD.

In seinen Augen ist das die einzige Möglichkeit, der Staatsform der Monarchie „noch eine schmale Hoffnung“ zu erhalten, wie der Prinz in seinen Erinnerungen schreibt. Er weiß, dass der in Heidelberg geborene Sozialdemokrat alles daran setzen wird, eine Revolution nach russischem Vorbild und einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Ebert will, dass eine demokratisch gewählte Nationalversammlung über die zukünftige Staatsform des Deutschen Reiches entscheidet. Er selbst kann sich eine Volksregierung mit gekröntem Oberhaupt durchaus vorstellen.

Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen

So ist er alles andere als erfreut darüber, dass sein Parteifreund Philipp Scheidemann um 14 Uhr ans Fenster des Reichstags tritt und den Massen zuruft: „Das Alte und Morsche, die Monarchie, ist zusammengebrochen. Es lebe die deutsche Republik!“ Scheidemann kommt damit dem Spartakistenführer Karl Liebknecht zuvor, der wenig später auf dem Balkon des Berliner Schlosses die „freie sozialistische Republik Deutschland“ ausruft.

Aufruhr in Baden

Prinz Max reist unterdessen zurück ins heimische Baden, wo ein Fortbestand der Monarchie nun ebenfalls nicht mehr vorstellbar scheint. In den Garnisonen Lahr und Offenburg hat es bereits Aufruhr gegeben. In Karlsruhe bilden sich am 9. November ein Soldatenrat und ein Wohlfahrtsausschuss, bestehend aus Vertretern von Stadtverwaltung, Parteien und Gewerkschaften. Am nächsten Tag entlässt Großherzog Friedrich II. seine Minister.

Die Parteien stellen eine von der SPD dominierte, auf Mäßigung bedachte „vorläufige Volksregierung“ zusammen. Der Soldatenrat übernimmt die Verantwortung für die Sicherheit der Großherzoglichen Familie. Jeder werde erschossen, der sich dem Schloss in „gefahrdrohender Weise“ nähert, heißt es. Trotzdem kommt es in der Nacht vom 11. auf den 12. November zu einem Vorfall, den Peter Exner vom Generallandesarchiv als eine Art „Karlsruher Köpenickiade“ bezeichnet.

Schüsse auf das Karlsruher Schloss

Der am Aufstand der Hochseeflotte beteiligte, aus Karlsruhe stammende Matrose Heinrich Klumpp, zieht mit einem Trupp Infanteristen vors Schloss. Er verlangt den Großherzog zu sprechen. Als dem betrunkenen Matrosen dies abgeschlagen wird, lässt er auf das Gebäude schießen. Allein an der Südwestfront werden später 54 Einschläge verzeichnet. Einige Kugeln dringen auch in das Schloss ein, lassen Vasen zersplittern und durchschlagen ein Bildnis von Friedrich dem Großen.

Sozialdemokrat und Vernunftsmonarchist: An Friedrich Ebert übergab Prinz Max am 9. November 1918 das Amt des Reichskanzlers. 1919 wurde er erster Präsident der ersten Republik auf deutschem Boden.
Sozialdemokrat und Vernunftsmonarchist: An den in Heidelberg geborenen Friedrich Ebert übergibt Prinz Max am 9. November 1918 das Amt des Reichskanzlers. | Foto: dpa

Die durch die Schießerei in höchste Aufregung versetzte großherzogliche Familie verlässt Karlsruhe noch in derselben Nacht. Um Friedrich II. zu sprechen, müssen der Vorsitzende der provisorischen Regierung, der Sozialdemokrat Anton Geiß sowie der ehemalige Staatsminister Heinrich von und zu Bodman am 13. November nach Schloss Zwingenberg an den Neckar reisen. Dort überreden sie den Großherzog, die Regierungsgewalt ruhen zu lassen.

Gott schütze mein liebes Badener Land

Am nächsten Tag verkündet die neue Exekutive, dass Baden eine „freie Volksrepublik“ sei. Tatsächlich dankt Friedrich II. allerdings erst am 22. November 1918 in Schloss Langenstein im Hegau ab. Mit den Worten „Gott schütze mein liebes Badener Land“ endet die Urkunde, in der er den Thronverzicht für sich selbst, den Prinzen Max und dessen Nachfahren erklärt. Damit ist der Weg zur Republik formal auch in der Heimat des letzten Kanzlers des Kaiserreichs frei.

Badische Konstitution tritt am 21. März 1919 in Kraft

Endgültig über die neue Staatsform Badens entscheidet die verfassungsgebende Nationalversammlung, die die Badener und Badenerinnen – auch Frauen haben jetzt das Stimmrecht – am 5. Januar wählen. In Kraft tritt die badische Konstitution, die den Übergang zur „demokratischen Republik“ festschreibt, am 21. März 1919 – als erste der Weimarer Republik und fünf Monate vor der neuen Reichsverfassung.

Ein Vortrag im Stadtmuseum Karlsruhe beschäftigt sich mit dem „Umsturzkanzler“ Max von Baden. „Der Karlsruher Umsturzkanzler von 1918: Prinz Max von Baden in der Deutung seiner Zeitgenossen“, lautet der Titel des bebilderten Vortrags von Konrad Krimm am Donnerstag, 15. November, um 19 Uhr im Stadtmuseum (Karlstraße 10). Der Eintritt ist frei. Krimm bezieht sich auf Kommentare von Zeitgenossen über den letzten Reichskanzler, sein privates Umfeld und auch auf künstlerische Zeitzeugnisse wie etwa ein großes Porträtgemälde von Hans Adolf Bühler, das in der Sonderausstellung „Karlsruhe und Elsass-Lothringen seit 1871 – Die wechselhafte Geschichte einer Nachbarschaft“ im Stadtmuseum im Prinz-Max-Palais präsentiert wird.