Die Deutschen Meister des Karlsruher FV: Ruzek, Förderer, Bosch, Dell, Hüber, Breunig, Trainer Townley (oben von links), Fuchs, Hollstein, Tscherter, Hirsch und Schwarze (unten von links). | Foto: pr

Karlsruhe als Fußball-Hochburg

Vor 110 Jahren: Der Karlsruher FV wird Meister

Anzeige

Am 15. Mai 1910 gewinnt der Karlsruher FV die deutsche Fußball-Meisterschaft – für die Schwarz-Roten ist es der ersehnte Titel. Und für Karlsruhe ist es der zweite in Folge, nachdem 1909 der FC Phönix Deutscher Meister geworden war. 1910 scheiterte Phönix im Halbfinale am KFV.

Ein Finale, die Schlussminute der Verlängerung läuft. Ort des Geschehens: der Karlsruher Strafraum. Die Szene: Ein Kieler Mittelstürmer taucht plötzlich alleine vor dem Torwart auf. Der sieht die „wahnsinnige Aufregung“ im Gesicht des Angreifers, die Angst, dass er die Chance verpassen könnte.

Er zögert, der Torwart ist mit „zwei großen Sätzen“ bei ihm. Beide treten „genau im selben Bruchteil der Sekunde auf den Ball, beide mit äußerlicher und letzter Kraft – da fliegt das Leder irgendwo seitlich heraus, durch den doppelten Druck zu einem Ei formiert.“

Auch interessant: Zwischen den ersten beiden Bundesliga-Einsätzen dieses Baden-Badeners lagen 16 Jahre

Dells größter Tag als Torwart

Was klingt wie eine Regie-Anweisung für ein dramatisches Ende eines Fußball-Schauspiels, das sind tatsächlich die Erinnerungen von Adolf Dell an die letzte Szene seines größten Tags als Torwart. Auch weil Dell, der später im Schauspielhaus Düsseldorf unter den Intendanten Gustaf Gründgens und Karl Heinz Stroux zum Stammensemble gehörte, an jenem Pfingstsonntag im Weidenpescher Park in Köln seinen Kasten sauber hielt. Nach Verlängerung bezwang am 15. Mai 1910 so der Karlsruher FV durch ein Elfmetertor von Max Breunig (114.) Holstein Kiel.

Für den KFV war es nach dem Telegramm-Kuriosum von 1903 der ersehnte Titel, mit dem Karlsruhe gleichzeitig seine Vormachtstellung im deutschen Fußball untermauerte. Im Vorjahr war Phönix Karlsruhe, einer der Vorgängerclubs des KSC, Meister geworden.

Im Halbfinale gab es ein Karlsruher Derby

1910 musste sich Phönix in einem denkwürdigen Halbfinale an der Telegrafenkaserne dem städtischen Rivalen mit 1:2 geschlagen geben. Dass der Kölner Triumph des KFV bis heute Karlsruhes letztes Fußball-Meisterstück bleiben sollte – das wird sich wohl damals keiner ausgemalt haben.

Auch interessant: Schicksal eines jüdischen Fußballers aus Karlsruhe bewegt Schüler

Der KFV bestach in den Hochjahren seiner Vereinsgeschichte durch sein Offensivspiel. Fritz „Frieder“ Förderer, dazu die beiden jüdisch-deutschen Nationalspieler Gottfried Fuchs, Julius „Juller“ Hirsch, Hermann Bosch – die Angriffswucht war enorm. Zudem profitierte der KFV von seinem Meister-Coach William Townley, der das damals innovative schottische Kurzpass- und Kombinationsspiel mit nach Baden gebracht hatte.

Stadtarchiv Karlsruhe

Im Kölner Finale hatte der KFV, der sich als Süddeutscher Meister für die Endrunde qualifiziert hatte, jedoch große Mühe gegen die abwehrstarken Kieler. Breunig verschoss vor den 5.000 Zuschauern in der ersten Halbzeit einen Handelfmeter, machte es in der Verlängerung vom Punkt aus aber besser. Dass die Sause nach dem Meisterstück entsprechend ausgelassen ausfiel, versteht sich.

Die Telegramm-Affäre von 1903

Die verpassten Chancen der vorangegangenen Jahre schmerzten schließlich – allen voran jene aus dem Jahr 1903. Erstmals wurde eine Meisterschaftsendrunde ausgetragen, der KFV sollte als süddeutscher Titelträger in der Zwischenrunde auf den DFC Prag treffen.

Nach einigem Hin und Her wurde Leipzig zum Spielort bestimmt, kurz vor Abreise erhielt der KFV jedoch ein Telegramm aus Prag: „Meisterschaftsspiel verlegt. DFB.“ Bis heute ist die Affäre ein Rätsel, das Telegramm war ein Schwindel mit Folgen: Der KFV reiste nicht an, Prag schon – und kam weiter. Im Finale bezwang dann der VfB Leipzig die Prager.

Auch interessant: 125 Jahre KSC: Wie aus dem FC Phönix der Karlsruher Sport-Club entstand

Die Titel-Sehnsucht der Schwarz-Roten aus Mühlburg wurde dann 1910 gestillt – und auch in Karlsruhe groß gefeiert. Eine begeisternde Menschenmenge nahm Berichten zufolge am Pfingstmontag die neuen Meister am alten Karlsruher Bahnhof an der Kriegstraße in Empfang, in Zweier-Droschken ging es zum Kommers ins Moninger-Brauhaus.

„Sehr stolz auf die schönen Leistungen des Vereins spreche ich ihnen meine herzlichsten Glückwünsche aus“, gratulierte auch Markgraf und Prinz Max von Baden per Telegramm der siegreichen Mannschaft um Spielführer Hans Ruzek.

2021 wird jetzt doppelt gefeiert beim KFV

Die geplante Feier zum 110-jährigen Titel-Jubiläum mitsamt zweitägigem Sportfest und historischer Stadtführung musste der KFV, der aktuell tief in den Niederungen des Amateurfußballs in der B-Klasse spielt, wegen der Corona-Pandemie absagen.

Aufgeschoben ist in diesem Fall aber nicht aufgehoben. „Wir haben beschlossen, im kommenden Jahr das 111-jährige Meisterschaftsjubiläum zu feiern“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Steffen Herberger. Dann kann sich die heutige KFV-Familie nicht nur an das einzigartige Meisterstück vom späteren Schauspieler Adolf Dell und seiner Kameraden erinnern – sondern gleich auch noch das 130-jährige Bestehen des Vereins feiern.