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Komplett zugestellt mit geparkten Fahrrädern sind auch in Corona-Zeiten Teile des großen Areals vor dem Karlsruher Hauptbahnhof. Der Vorplatz gilt rechtlich als Gehweg. Damit ist die gängige Abstellpraxis grundsätzlich erlaubt. | Foto: jodo

Dauerkonflikt ohne Lösung

Vor dem Hauptbahnhof Karlsruhe konkurrieren Fußgänger und geparkte Fahrräder

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Dauerkonflikt ohne Lösung: Vor dem Hauptbahnhof Karlsruhe konkurrieren Fußgänger und geparkte Fahrräder. Auch jetzt prägen die Einschränkungen wegen des Coronavirus nur zum Teil das Bild. Die zentrale Verkehrsdrehscheibe zieht weiter Menschen an.

Viele sind zu Fuß unterwegs zu Zügen, Stadt- und Straßenbahnen oder dem Bus. Und so sind auch weiter Hunderte Fahrräder beim Hauptbahnhof abgestellt, auch unter dem Vordach. Das ist bequem für die Besitzer und schlecht für die Fußgänger, besonders die mit eingeschränkter Sehkraft. Die Drahtesel rauben Platz, zwingen zum Ausweichen, manche ärgert auch der Anblick.

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Eine 57-jährige Karlsruherin arbeitet gegenüber vom Zoo und engagiert sich schon lange für eine Verbesserung der aus ihrer Sicht „unerträglichen Fahrradsituation“ vor dem Hauptbahnhof. Sie fährt selbst mit dem Rad aus der Südweststadt ins Büro, parkt es aber in Abstellbügeln in der Bahnhofstraße.

„Ich kann nicht nachvollziehen, warum unter der Überdachung jemals Fahrradständer aufgestellt worden sind“, sagt die Karlsruherin. „Die Radfahrer nutzen die trockene Abstellmöglichkeit direkt am Eingang natürlich gerne. Nur reichen die Kapazitäten nicht aus.“

Bei Regen ist vor dem Hauptbahnhof kaum noch ein Durchkommen

Wenn es regnet, sind zudem die Unterstellmöglichkeiten an den Haltestellen der Straßenbahnen und Stadtbahnen zu klein. „Dann suchen die Menschen unter dem Vordach des Hauptbahnhofs Schutz und es ist kaum noch ein Durchkommen, weil die Hälfte der Fläche mit wild abgestellten Fahrrädern belegt ist“ , sagt die Frau aus der Südweststadt. Ihr Vorschlag: keine Fahrräder mehr unter der Überdachung.

Eventuell würde eine farbige Markierung für mehr Klarheit sorgen, meint die 57-Jährige. „Dann könnte man auch wieder alle Türen zum Bahnhof nutzen.“

Der Vorplatz ist praktisch ein riesiger Gehweg

Tatsächlich wird vor dem Hauptbahnhof ein grundlegender Konflikt deutlich. Praktisch und rechtlich ist der Bahnhofsvorplatz ein riesiger Gehweg. Im Unterschied zu Kraftfahrzeugen, vom Mofa bis zum Lkw, dürfen Fahrräder und auch Pedelecs auf Gehwegen abgestellt werden.

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Es muss allerdings genug Platz bleiben, damit andere durchkommen: Eltern mit Kinderwagen, Menschen im Rollstuhl oder Reisende mit Gepäck. Politisch und stadtplanerisch geht es auch darum, dass der erste Blick auf die Stadt zeitweise wenig einladend aussieht.

Wir sind mit der Situation noch nicht zufrieden.

Matthias Günzel, Abteilungsleiter Straßenverkehr im Ordnungsamt Karlsruhe

„Wir sind mit der Situation noch nicht zufrieden“, gibt Matthias Günzel, der Leiter der Abteilung Straßenverkehr im Ordnungs- und Bürgeramt, unumwunden zu. Das Verbot, Autos auf Gehwegen zu parken, setzt Karlsruhe seit kurzem stadtweit durch. Räder auf Fußwegen und damit auch auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof zu parken, ist aber zulässig.

Unter dem Vordach hängen zwar Halteverbotsschilder mit folgendem Zusatz: „Alle nicht in Fahrradständern befindlichen Fahrräder unter dem Vordach werden abgeschleppt.“ Das ist aber laut Günzel nicht mehr als „ein Appell“.

zugeparkt
Das Halteverbotsschild unter dem Vordach des Haupteingangs, das sich an Radfahrer richtet, hat laut Ordnungsamt nur die Bedeutung eines Appells. Suchen dort noch zusätzlich wartende Bahnpassagiere Schutz vor Regen, wird es ganz eng. | Foto: jodo

Kern des Problems nicht nur in Deutschlands Fahrradhauptstadt ist, dass es an Abstellplätzen fehlt. Rund um den Hauptbahnhof hält der Ausbau des Angebots nicht mit dem steigenden Bedarf mit.

Das Stadtplanungsamt hat angrenzende Straßenzüge just erneut gesichtet, um weitere Fahrradständer im Umfeld zu platzieren.

Schrotträder verschärfen das Problem

Bundesweit ein Problem sind Schrottfahrräder im öffentlichen Raum. Auch beim Hauptbahnhof Karlsruhe und an anderen kostenlosen Fahrradabstellplätzen ballen sich mit der Zeit Räder, die nicht mehr fahrtüchtig sind. Da hilft nur Kennzeichnung und Abtransport.

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„Der Bahnhofsvorplatz ist ein fester Punkt bei unseren Schrott-Abtransporten“, versichert Günzel. 14 Tage Vorlaufzeit sind dabei Pflicht, um zu erkennen, ob ein defektes Fahrrad auch herrenlos ist.

Am Hauptbahnhof Bremen sind weniger Fahrräder im Freien geparkt

Wer in Bremen, immerhin auf Platz drei der Fahrradstädte Europas, vom Hauptbahnhof über den Vorplatz blickt, sieht deutlich weniger geparkte Fahrräder. Dabei rollt in der Geburtsstadt des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) viel Verkehr leise, abgasfrei und pedalgetrieben.


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Bremens ADFC betreibt zwei Fahrradparkhäuser mit 1.500 Plätzen am Hauptbahnhof und verhandelt aktuell mit dem Verkehrsressort über Subventionen fürs Fahrradparken. In die beiden Radparkhäuser am Hauptbahnhof Karlsruhe passen insgesamt zwar nur rund 1.040 Fahrräder, das übersteigt jedoch bisher den Bedarf.

Auf Bahngelände gäbe es mehr Optionen.

Straßenverkehrs-Experte Matthias Günzel

Am Hauptbahnhof Bremen stellt die Deutsche Bahn von Zeit zu Zeit regelwidrig abgestellte Räder ein um auf einen Platz nahebei. In Karlsruhe aber sei der Vorplatz öffentliche Fläche, erklärt Günzel und ergänzt: „Auf Bahngelände gäbe es mehr Optionen.“

Fahrradpendler mögen überdachte Plätze und kurze Wege

Die Fahrradpendler, die eine kostenlose und am liebsten überdachte Abstellmöglichkeit in geringer Entfernung zu ihrem Gleis suchen, wollen die Stadtplaner durch ein entsprechendes Angebot möglichst an andere Abstellorte locken.

Daneben gibt es noch einen auf Dauer wirksamen Hebel, um zu erreichen, dass vor dem Hauptbahnhof weniger Räder geparkt werden. Der erfordert allerdings viel Geld und Zeit. „Wir wollen den Platz anders gestalten“, sagt Günzel.

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Vor dem Umbau der Stadt- und Straßenbahnhaltestellen ist diese Umgestaltung zwar kaum zu erwarten. Die Karlsruherin hat im Kollegenkreis aber schon mal Ideen gesammelt und der Stadt geschickt. Pflanzen, Bänke und Tische stehen auf der Wunschliste und Ummantelungen, an die man kein Fahrrad anschließen kann.