Die Suche nach der vermissten Vietnamesin blieb bis heute ergebnislos.
Die Suche nach der vermissten Vietnamesin blieb bis heute ergebnislos. | Foto: jodo

Prozess ohne Leiche

Vor fünfeinhalb Jahren verschwand eine Vietnamesin aus Karlsruhe: „Das lässt einen ein Leben lang nicht mehr los.“

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Vor fünfeinhalb Jahren verschwand die in Karlsruhe lebende Vietnamesin Thi Thanh Thoa Le. Ihr Ehemann wurde nach einem aufwändigen Indizienprozess wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt. Von der Leiche fehlt trotz mehrerer großer Suchaktionen im Nordosten von Karlsruhe bis heute jede Spur.

Wenn sich Emil Stark für eine gemütliche Tour auf sein Fahrrad schwingt, zieht es ihn immer wieder von Neuem in den Nordosten des Stadtgebiets. Dann radelt der pensionierte Kriminalhauptkommissar auf den schmalen Waldwegen durch den Elfmorgenbruch oder an den Grötzinger Baggersee und lässt seinen Blick intensiv durchs Gebüsch streifen.

„Ich bin mir auch heute noch sehr sicher, dass sich in dieser Gegend die Leiche der vermissten Vietnamesin befindet“, sagt Stark. Absteigen und das Unterholz durchkämmen kommt für den langjährigen Leiter des Dezernats Kapitalverbrechen bei der Karlsruher Kriminalpolizei allerdings nicht in Frage.

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Waldgebiete von Hagsfeld und Grötzingen wurden mehrfach durchsucht

Schließlich wurden die Waldgebiete von Hagsfeld und Grötzingen bereits mehrfach von Hundertschaften der Polizei und mit Leichenspürhunden durchsucht.

Auch Reiterstaffeln und Hubschrauber mit Wärmebildkameras waren bei der von der „Soko Aue“ koordinierten Suchaktion im Einsatz. Dass die Leiche von Thi Thanh Thoa Le bis heute nicht aufgetaucht ist, macht Stark deshalb noch immer zu schaffen.

„Wenn man ein Verbrechen selbst mit einem solch enormen logistischen Aufwand nicht komplett aufklären kann, dann lässt das einen ein Leben lang nicht mehr los“, sagt der 66-Jährige.

Zweifache Mutter ist seit dem 24. Juli 2014 verschwunden

Seit den frühen Morgenstunden des 24. Juli 2014 ist die zweifache Mutter nämlich wie vom Erdboden verschwunden. Bereits wenige Tage nach der offiziellen Vermisstenmeldung ging die Polizei von einem Gewaltverbrechen aus.

Als mutmaßlicher Täter geriet der Ehemann der Vermissten ins Visier der Fahnder. Am 13. Mai 2015 wurde der damals 45 Jahre alte Mann von der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Karlsruhe nach einem aufwändigen Indizienprozess wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt.

Obwohl der Mann die Tat nie eingeräumt hatte und sein Verteidiger Hannes Linke auf Freispruch plädierte, ist der damalige Ermittlungsleiter bis heute von der Täterschaft des Ehemannes überzeugt.

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Sämtliche Spuren deuteten auf Beziehungstat hin

„Von Beginn an haben sämtliche Spuren und Zeugenbefragungen auf eine Beziehungstat hingedeutet“, sagt Stark. Noch heute kann er sich an fast jedes Detail der monatelangen Ermittlungen erinnern.

Und falls Fragen auftauchen, hat er den mit zahlreichen persönlichen Anmerkungen versehenen 200-seitigen polizeilichen Schlussbericht stets griffbereit.

Nach Einschätzung der Kriminalpolizei befand sich die Beziehung des Paares bereits seit längerem in einer Krise. Die Frau pflegte einen freizügigen Lebensstil mit zahlreichen Männerbekanntschaften, der Mann war für die Hausarbeit und die Erziehung der beiden gemeinsamen Kinder zuständig.

Das letzte Lebenszeichen von Thi Than Thoa Le war eine Chatnachricht mit einem ihrer Freunde, datiert auf den 24. Juli 2014 um 0.09 Uhr. Anschließend wollen Hausbewohner in der Wohnung des Paares im Durlacher Ortsteil Lohn-Lissen noch einen Streit gehört haben. Gegen 2.30 Uhr wurde der Ehemann der Vermissten dann von einem Nachbarn beim Transport eines schweren Koffers Richtung Parkplatz beobachtet. Und um 4.30 Uhr erschien er pünktlich bei der Arbeit in einer Bäckerei.

Emil Stark leitete die Ermittlungen bei der Suche nach der vermissten Vietnamesin
Emil Stark leitete die Ermittlungen bei der Suche nach der vermissten Vietnamesin | Foto: jodo

Handy des Ehemanns war knapp elf Minuten in Funkmasten eingebucht

„In dieser Nacht kann die Leiche eigentlich nicht beseitigt worden sein“, sagt Stark. Deshalb ging die Polizei auch stets davon aus, dass der Täter sein Opfer erst in der Nacht vom 24. auf den 25. Juli weggebracht hat. Die entscheidende Frage lautet bis heute aber, wo genau das geschah.

Am frühen Abend wurde der Mann noch dabei beobachtet, wie er mit seinem Fahrrad vom Hof fuhr. Anschließend muss er laut den Ermittlungsergebnissen mit seinem Auto weggefahren sein. Zeugen gab es dafür keine und das Mobiltelefon war die ganze Zeit ausgeschaltet.

Lediglich zwischen 22.50 und 23 Uhr war das Handy in der fraglichen Nacht knapp elf Minuten lang an Funkmasten in Hagsfeld und Weingarten eingebucht. „Wir haben uns immer gefragt, warum das so war“, erzählt Stark. Eine Theorie: Der Mann hat beim Beseitigen der Leiche eine Taschenlampe gebraucht und dafür sein Handy kurz eingeschaltet.

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Leiche wurde vielleicht in einem See versenkt

Doch auch die Frage nach dem Wie beschäftigt den Pensionär noch immer. Dass die Leiche vergraben wurde, schließt Stark aus. Erstens wurden weder an der Kleidung noch am Auto des Mannes Spuren einer nächtlichen Buddelei oder Spaten gefunden.

Zweitens werden vergrabene Leichen oft von Waldtieren bei der Futtersuche entdeckt und wieder ans Tageslicht gebracht. „Wahrscheinlich wurde die Leiche mit Gewichten beschwert und in einem See versenkt“, sagt Stark. Dazu würde auch ein weiteres ermittlungstechnisches Puzzleteil passen, nämlich die beiden originalverpackten Paddel, die in der Wohnung der Familie sichergestellt wurden.

Vom dazu gehörigen Wasserfahrzeug fehlte vom Beginn der Ermittlungen an jede Spur, und deshalb lag die Vermutung nahe, dass die Leiche mit einem Schlauchboot in die Mitte eines Sees gebracht und versenkt wurde. Doch auch der Einsatz von einem guten Dutzend Polizeitauchern im Grötzinger Baggersee und im Oberwaldsee sorgte nicht für den erhofften Fund.

Erwürgt oder erdrosselt?

Über die Todesursache kann Stark bis heute ebenfalls nur spekulieren. Spuren eines Kampfes oder eines Gewaltverbrechens wurden in der Wohnung nicht gefunden.

Auffällig war lediglich, dass zur selben Zeit wie die Frau auch ein Feldbett aus der Wohnung verschwand. Wahrscheinlich habe der Mann seine Ehefrau mit den Händen erwürgt oder mit einem Strick erdrosselt und die Leiche dann beseitigt, mutmaßt Stark.

Als mögliches Mordmotiv stand dabei stets die Eifersucht im Raum: „Der Mann hat unter der Untreue seiner Frau sehr gelitten und ihr regelmäßig hinterher spioniert. Als er sie in dieser Nacht zur Rede stellen wollte, muss die Situation eskaliert sein.“

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Unfall schied als Todesursache aus

Dass während der mehrmonatigen Hauptverhandlung von der Verteidigung nie ernsthaft die Möglichkeit eines Unfalls in Betracht gezogen wurde, liegt für den damaligen Ermittler auf der Hand.

Hätte der Mann behauptet, seine Frau sei im Badezimmer ausgerutscht und hätte sich das Genick gebrochen, hätte er den Ort der Leiche preisgeben müssen. Dann hätte die Gerichtsmedizin aber die wahre Todesursache herausgefunden.

Vermisste Vietnamesin wurde nicht mehr lebend gesehen

Dass die Frau in der Nacht zum 24. Juli 2014 aus freien Stücken die Stadt verließ, dafür fand die Polizei keine ernst zu nehmenden Indizien. „Es gab immer wieder Leute, die die Vermisste gesehen haben wollten. Wir sind sämtlichen Spuren nachgegangen und die meisten haben sich sehr schnell als Irrtum oder Verwechslung entpuppt“, erinnert sich Stark.

Selbst während der Hauptverhandlung trudelten bei der Polizei noch Hinweise zum möglichen Aufenthaltsort der Frau oder zum Aufbewahrungsort der Leiche auf.

Als ein Zeuge behauptete, das Auto der Familie in der Tatnacht zwischen Wolfartsweier und Ettlingen gesehen zu haben, löste diese Meldung mehrere Monate nach dem Verschwinden der Vermissten sogar eine Großaktion aus. Doch auch diese bislang letzte professionelle Suche nach den sterblichen Überresten von Thi Thanh Thoa Le verlief ergebnislos.

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Ehemann hat Tat nie eingeräumt

Der Ehemann selbst trug während der Ermittlungen und der Hauptverhandlung nur wenig zur Aufklärung des Falles bei. Bei den polizeilichen Vernehmungen machte der Mann nachweislich falsche Angaben und verstrickte sich in Widersprüche.

Während des Prozesses hüllte er sich komplett in Schweigen.
Nachdem das Urteil rechtskräftig war, hat Stark allerdings mehrfach mit dem Gedanken gespielt, ob er den Mann nicht im Gefängnis besuchen und um ein Gespräch bitten solle.

„Ich wollte ihm einfach sagen, dass er bereits verurteilt sei und nichts mehr zu befürchten habe, wenn er mir den Ort verrät, an dem er die Leiche seiner Frau versteckt hat. Dann hätten wir den Fall endgültig zu den Akten legen können“, erzählt der Pensionär.

Warum er das nicht gemacht hat, kann er heute nicht mehr genau sagen. „Wahrscheinlich hätte er ohnehin nichts gesagt. Sonst hätte er die Tat schließlich auch vor seinen Kindern zugeben müssen“, sagt Stark.
Sobald die Tage wieder länger werden, wird sich der Pensionär wieder regelmäßig aufs Fahrrad setzen. Dann führt ihn sein Weg mit Sicherheit auch wieder an den Grötzinger Baggersee. Und jedes Mal fährt die Hoffnung mit, dass die Leiche von Thi Thanh Thoa Le eines Tages doch noch gefunden wird.

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