Die Waffeln, die Schaustellerin Susanne Filder auf der Mess’ backt, werden nach einem 118 Jahre alten Familienrezept zubereitet. Stammgäste schätzen das warme Gebäck, das früher der unangefochtene Verkaufsschlager war. | Foto: Sandbiller

Auf der Mess‘: Susanne Filder

Waffeln wie zu Urgroßvaters Zeiten

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Es gab Zeiten, da drehte sich das Waffeleisenkarussell unermüdlich. Aus allen 18 Waffeleisen zischte und dampfte es, und kaum war ein Gebäck fertig, wurde frischer Teig nachgefüllt. So ging das reihum. Die „Filderwaffel“ genoss Kultstatus unter den Mess’-Besuchern. Mit Puderzucker bestäubt oder üppig mit geschlagener Sahne garniert, wurde das warme Gebäck mit leuchtenden Augen verspeist.

Crêpes und Langos machen der Waffel das Leben schwer

Dann kam aber ein Franzose um die Ecke und hatte auch noch einen Ungar im Schlepptau – sie machten dem bisherigen Verkaufsschlager das Leben schwer. „Crêpes und Langos sind der Renner bei den Leuten“, sagt Susanne Filder. „Eigentlich backen wir die Waffeln nur noch für unsere Stammkunden, die sie nach wie vor sehr schätzen. Wenn die nicht wären, hätte ich die Waffeln wohl aufgegeben, weil sich das Geschäft nicht mehr rechnet.“

Susanne Filder hält an der Tradition fest

Doch Susanne Filder hält an der Tradition fest, die Josef Filder vor 118 Jahren begründet hat, auch wenn sie in der anderen Ecke des Wagens selbstverständlich auch Crêpes backt.
Regelmäßige Besucher der Karlsruher Mess’ und des Christkindlesmarktes kennen die quirlige Frau, die immer gute Laune zu versprühen scheint und nicht auf den Mund gefallen ist. Ein bisschen rau, aber sehr herzlich. Immer ein Lächeln und ein nettes Wort für die Kunden parat.

Als 14-Jährige schnupperte sie erstmals Rummel-Luft

Susanne Filder ist nicht in eine Schausteller-Dynastie hineingeboren, „ich habe eingeheiratet“, scherzt die 63-Jährige. Im zarten Alter von 14 Jahren schnuppert sie erstmals Rummel-Luft. „Meine Eltern waren befreundet mit Familie Jeromin, die 60 Jahre lang einen Schießstand auf der Karlsruher Mess’ hatte. Als den Schaustellern einmal Personal fehlte, sprang ich ein – so kam ich auf die Mess’!“ Arbeiten mit 14? Die Schaustellerin lacht herzhaft: „Damals hat man das nicht so eng gesehen.“

Ein Naturtalent

Das junge Mädchen aus Viernheim entpuppt sich als Naturtalent. Ihre offene und kesse Art kommt gut an. Sie geht weiter zur Schule, hilft aber an den Wochenenden bei den Jeromins aus. Mit 15 Jahren begegnet sie Egon Filder und verliebt sich in den Karlsruher Schausteller, der mit dem Süßwaren- und Waffelbäckerei-Stand seines Urgroßvaters reist. Vier Jahre später heiraten sie. „Als ich meinen Eltern eröffnete, dass ich nicht meine Lehrstelle als Verkäuferin antreten werde, sondern auf die Reise gehe, waren sie entsetzt“, erinnert sich Susanne Filder.

Ich liebe meinen Beruf!

Susanne Filders Eltern, die in Viernheim einen Schrotthandel betrieben, setzten auf ihre Tochter als Nachfolgerin. Doch die wollte lieber Waffeln backen, Liebesäpfel und Schokoküsse verkaufen und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. „Ich liebe meinen Beruf und ich liebe mein Leben“, schwärmt sie. Als ihr Mann Egon 1999 starb, führte sie das Geschäft weiter, stets auf die Tradition bedacht.

Waffeln nach altem Familienrezept

Das Familienrezept für die Waffeln ist immer noch dasselbe wie vor 118 Jahren, als der Urgroßvater ihres Mannes, Josef Filder, das Geschäft in Straßburg gründete. „Damals heizte er noch den Holzofen an, um die Waffeln zu backen. Sein Sohn Robert stellte dann später auf Strom um“, erzählt sie. Der Großvater ihres Mannes war es auch, der das Waffeleisenkarussell nach seiner Idee konstruieren und anfertigen ließ. „Das ist jetzt genauso alt wie ich“, schmunzelt Susanne Filder.

Seit 2011 an der Spitze des Karlsruher Schaustellerverbands

Und es arbeitet genauso zuverlässig wie die 63-Jährige, die seit 2011 auch an der Spitze des Karlsruher Schaustellerverbandes steht. Auch wenn heute nur drei der 18 Eisen in Betrieb sind, die anderen schlummern unter Folie. Ihre beiden Söhne Robert (44) und Alexander (43) ließ sie immer frei entscheiden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen wollen.

Sohn Robert reist mit einer Geisterbahn über die Märkte

Während es Robert gleich in die Schaustellerei zog und er inzwischen mit einer Geisterbahn und einem Süßwarenstand über die Märkte reist, wählte Alexander einen anderen Weg. Er wurde Mediengestalter. Dennoch ist er stets zur Hilfe, wenn ihn seine Mutter braucht. „Und er hat auch signalisiert, dass er die Waffelbäckerei und die Süßwaren weiterführen will, am Ende ist er doch sehr traditionsbewusst“, verrät Susanne Filder, die am Stand von ihrer Schwiegertochter Simone unterstützt wird. An den Wochenenden und in den Ferien helfen auch die Enkel Sidney (16) und Randy (15) gerne ihrer Oma. Die denkt aber noch lange nicht ans Aufhören. „So lange ich gesundheitlich fit bin, mache ich weiter.“

Nur kurze Verschnaufpause

Wenn die Mess’ abgebaut ist, rollt Susanne Filders Waffelbäckerei gleich weiter auf den Christkindlesmarkt. Am 24. Dezember wird sie dann „ziemlich abgekämpft und platt“ im Kreis ihrer Familie sitzen und auf das Jahr zurückblicken. Viel Zeit zum Verschnaufen gibt sie sich aber nicht. Im Januar geht der Rummel schon wieder weiter. „Mein Lebensgefährte in Nürnberg hat eine Gokart-Bahn und einen Imbiss – da helfe ich dann mit, bis wir wieder selbst im Frühjahr auf Tour gehen.“ Einmal Schaustellerin, immer Schaustellerin.