im Museum beim Markt in Karlsruhe werden am die Hocker ·"Schon vergeben" (l) und "Noch zu haben"· gezeigt, die von der Designerin Doris Gaßmann entworfen wurden. Sie sind Teil der Ausstellung ·#Waldschwarzschön - Black Forest remixed!. | Foto: Uli Deck/dpa

Ausstellung in Karlsruhe

#Waldschwarzschön: Design trifft Tradition

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Im Karlsruher Museum beim Markt wird der Schwarzwald aufgemischt: Die Ausstellung #Waldschwarzschön – Black Forest remixed!“ bietet bis 7. Januar 2018  Überraschendes mit Stil und kombiniert Altes mit Neuem. Wenn Design auf Tradition trifft, wirkt plötzlich sogar der gute alte Bollenhut total stylish…

Der Bollenhut im neuen Look

Schinken, Kuckucksuhr und Bollenhut sind drei Dinge, bei denen man sofort an den Schwarzwald denkt. Die markanteste Karriere als das Symbol für das große Mittelgebirge, seine Menschen und Traditionen machte dabei der Trachtenhut mit offiziell 14 Bollen aus Wolle. (Wovon drei von den anderen verdeckt werden.) Ein Frauenkopf und rote Kugeln aus einer evangelischen Tracht in drei Gemeinden des Gutachtals haben sich zur Schwarzwald-Ikone schlechthin entwickelt. Wenig bekannt ist, dass es auch schwarze Bollenhüte gibt – für die verheirateten Frauen von Gutach, Reichenbach und Kirnbach.

Genau diesen Farbkontrast nutzt Doris Gaßmann für einen neuen „Schwarzwald-Look“. Die Designerin aus Bernau entwarf 2001 zwei Hocker mit Bollen als Polster und nannte das Modell in Rot „Noch zu haben“. Das schwarze heißt folgerichtig „Schon vergeben“.

Alt und neu bei #Waldschwarzschön

Das Hockerpaar ist eines der Objekte in der neuen Ausstellung des Karlsruher Museums beim Markt. Und steht natürlich neben einem Bollenhut von 1880. Die Schau „#Waldschwarzschön“ des Karlsruher Museums beim Markt nutzt solche Gegenüberstellungen als kreatives Prinzip. Die Besucher sehen für den Schwarzwald typische alte Objekte plus davon inspiriertes zeitgenössisches Design.

Kuratorin Heidrun Jecht bringt Handwerks-Stücke aus dem Badischen Landemuseum (BLM), der „Mutter“ des Museums beim Markt, mit Produkten von Kreativen aus aller Welt zusammen, die sich vom Schwarzwald inspirieren ließen. Der Hocker „Lazy Cleaner“ mit Leder und Borsten als Basis erscheint wie eine überdimensionale Bürste. Auch kleinere Objekte erinnern an die große historische Industrie der Bürstenbinderei.

Formschön und praktisch

Wunderbare Körbe, Etuis oder Halsketten der traditionellen Strohflechterei im Mittelgebirge dienten als „Improvisationsvorlage“ für ansehnliche Taschen oder auch für eine Vase in der Kombination aus Weide und Glas. In diese Traditionsreihe „Flechten“ gehört zudem ein Stuhl der Editionsreihe „kkaarrls“ aus Karlsruhe.
Formschön und dabei praktisch – das gilt für ein besonders auffälliges Objekt: Das Fahrrad „LJ Semi Cruise“ mit einem Rahmen aus Schwarzwälder Holz. Raphael Munch aus Schramberg hat es entworfen.

Der Schwarzwald ist eigen

Die Gestalter hörten in den Wald und seine Traditionen hinein – und es schallte kein verzerrtes Echo heraus. Der „schöne Schwarzwald“ wird genutzt, aber nicht kurz und klein geschlagen. Er hat sich – bei allen Vereinnahmungen durch Klischee und Kitsch – als so „eigen“ erwiesen, dass Designer etwas für sich herausholen können und neu zusammensetzen. Daher auch der Titel #Waldschwarzschön – Black Forest remixed.“

Zwölf Themeninseln in der Ausstellung

Innerhalb der zwölf sehr locker angeordneten Themeninseln bleiben Kommentierung oder Ironisierung dennoch nicht aus. Die feingestaltete traditionelle Kastenkrippe hat als Nachbarn einfache Holzquader, die für die Heilige Familie stehen. Eine junge Glaskünstlerin gibt Bierflaschen eine leichte Formveränderung – schon neigen sich die Heiligen Drei Könige mit Bügelverschluss dem gläsernen Jesuskind zu. Bei seinem „Schwarzwald-Stool“ behandelte der Japaner Satoshi Itasaka einen Stahlstuhl mit Säure, der dem pH-Wert des auch den Tannen zusetzenden “Sauren Regens“ entspricht.

Die Kirschtorte hat es in sich

Wer in Cafés ein Stück „Schwarzwälder“ bestellt, sollte kein Problem mit Alkohol haben. Die Kirschtorte muss laut ministerieller „Leitlinie für feine Backwaren“ Kirschwasser enthalten, das „geschmacklich deutlich wahrnehmbar“ ist. Die üppige Schwarz-Weiß-Rote Torte ist im Museumals Spielzeug aus Polyester ausgestellt sowie in Seife der nordbadischen Siederei „Lavarie“ verwandelt.

Der Schäppel ist ein traditioneller Brautschmuck zu einer Schwarzwaldtracht und eine Inspirationsquelle für Schmuckdesigner. | Foto: Onuk / Badisches Landesmuseum

Unter den traditionellen Objekten sticht ein farbenfroher Schäppel ins Auge. Diese wie der Bollenhut ausladende Kopfbedeckung ersetzte in katholischen Schwarzwald-Gemeinden den Brautkranz oder Schleier. Alles was glänzt gehört in den Schäppel und wird mit Draht zusammengehalten: Spiegel, Glaskugel, Flitter. Bei solcher Pracht kann das davon inspirierte Design – Halsschmuck oder Schirmschleier – nur schwer mithalten.

Uhrenvergleich mit dem Kuckuck

Im wenige Schritte vom Marktplatz angesiedelten Museum darf der Schwarzwald an der Wand nicht fehlen. Beim Uhrenvergleich mit Kuckuck hat man die größte optische Auswahl. „Das Styling heutiger Gestalter kennt keine Grenzen“, meint Heidrun Jecht. Sie zeigt ein Schonacher Vogelhaus der „Simple Line“ ebenso wie die farblich schrille „S Lagerfeld“ des Offenburgers Stefan Strumbel oder ein flaches französisches Produkt von 2005. „Dort (im Schwarzwald) beschäftigen sich die Leute mit Glasmachen, auch fertigen sie Uhren und tragen sie in der ganzen Welt herum“, heißt es ins Wilhelm Hauffs Geschichte „Das kalte Herz“. Der rufende Vogel im Zeitmesser ist allerdings keine Erfindung der Schwarzwälder.

Eine gefaltete Uhr vom Origami-Papst

Ein stummer tierischer Bewohner ist im spektakulärsten Stück der Uhrensammlung wie der ganzen Ausstellung zu Hause. Unscheinbar wirkt sie zunächst, die „Origami-Kuckucksuhr „Black Forest“ von Robert J. Lang aus Kalifornien. Erst wenn man sich ihren „inneren“ Werten nähert, kommt Staunen auf: Das beige Stück ist aus nur einem Stück leichtem Papier gefaltet, das die Maße 3,50 Meter mal 35 Zentimeter aufwies. Und doch enthält das eigens für die Karlsruher Ausstellung in sechs Stunden gefaltete Unikat alles, was das Ding mit dem Vogel braucht. Wer mag, findet bei YouTube einen Film mit den komplizierten Schritten der Herstellung einer früheren Uhr. Der Physiker Robert J. Lang gilt als „Origami-Papst“. Er stieß bei einem Aufenthalt in Deutschland auf die Vorbilder für sein Kunstwerk.

Mit kurzen, locker-elegant formulierten Texten werden 60 Ausstellungsstücke erläutert. Trotzdem sind die Informationen so fundiert, dass die Besucher einiges über die Handwerkstraditionen des Schwarzwalds erfahren, bevor die Assoziation einsetzt. Der Titel „Waldschwarzschön“ drückt aus, dass es um moderne Ästhetik und nicht nur den romantischen Schwarzwald geht.

Der Hashtag ist museumsreif

Der Hashtag, das Zeichen #, verweist darauf, dass es im Museum beim Markt eine Serie geben soll, mit der jeweils Altes und Neues aus der BLM-Sammlung präsentiert wird – so Direktor Eckhard Köhne. Sein Haus liefert einen erfrischenden Beitrag zu den Heimattagen Baden-Württemberg.

Ganz gleich, wie man sich durch „#Waldschwarzschön“ bewegt – ob auf dem West-, Mittel- oder Ostweg durch den hellen Ausstellungsraum – es ist eine Aha-reiche Wanderung. Mit Augenschmaus. Nur die Versorgung mit Schwarzwälder Schinken und echter sahnegesättigter Kirschtorte muss man sich selbst organisieren.

#Waldschwarzschön – Black Forest remixed! läuft bis 7. Januar 2018. Öffnungszeiten sind freitags bis sonntags und feiertags 10 bis 18 Uhr, dienstags bis donnerstags 11 bis 17 Uhr.  Mehr über die Ausstellung lesen Sie hier.

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