Viel Blech auf Karlsruhes Straßen. 141.805 Autos gab es dort zu Jahresbeginn. Das waren 9,9 Prozent mehr als vor elf Jahren. Das ergab eine Untersuchung des Auto-Professors Ferdinand Dudenhöffer, der in Karlsruhe geboren wurde. | Foto: Hora

Fahrzeugdichte gestiegen

Warum es in Karlsruhe immer mehr Autos gibt

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„Die Großstädter in Deutschland lieben Autos“, sagt Ferdinand Dudenhöffer. Der Direktor des CAR-Center (Duisburg) ließ dazu forschen und hat auch seine Geburtsstadt Karlsruhe untersucht. 141.805 Autos gab es dort zu Jahresbeginn. Das waren 9,9 Prozent mehr als vor elf Jahren. Die häufig gehörte Behauptung, wonach die Städter „Auto-müde“ seien, könne er nicht bestätigen.

Je besser die Einwohner finanziell gepolstert sind, umso höher ist laut Dudenhöffer die Pkw-Dichte. Natürlich spielen auch andere Aspekte wie Firmenwagen eine Rolle. In Wolfsburg, der Heimatstadt des VW-Konzerns, kommen deshalb auf 1.000 Einwohner erstaunliche 1.132 Autos. Dudenhöffer: „Das schaffen noch nicht einmal die Amerikaner.“ In den USA seien es auf 1.000 Einwohner 835 Autos.

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Selbst in der Radler-Stadt Münster ging’s mit der Fahrzeugdichte nach oben

Was ebenfalls auffällt: Selbst in Münster, die als klassische Radler-Stadt gilt, stieg der Autobestand von 2009 bis 2020 um 18,8 Prozent auf 147.332.

Auch in den kommenden Jahren rechne er mit steigenden Fahrzeugdichten, so Dudenhöffer. Er begründet dies mit dem wachsenden Wohlstand und der Tatsache, dass neue Produkte – wie das Auto-Abo – das Autofahren einfacher machten. „Das eigene Auto steht dann 24 Stunden vor der Tür, aber man muss nicht der Eigentümer sein, sondern bezahlt eine fixe Monatsrate.“

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Dudenhöffer appelliert, das Autofahren in den Städten nicht zu verbieten, sondern mit den dortigen Anforderungen vereinbarer zu machen. Leise, emissionslos und sicher gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern, nennt er als Stichworte. Ein Übriges werde der Onlinehandel tun. Durch ihn werde – so Dudenhöffers These – weniger per Auto in den Städten eingekauft. „Damit werden Park- und Stauprobleme entschärft.“ Das Zusammenspiel von Auto, Bahn und Bus sowie Fahrrädern sei im urbanen Gebieten für flächendeckende Mobilität wichtig.

BUND: Es reicht nicht, kosmetisch etwas zu machen

Den Regionalgeschäftsführer der Umweltschutzorganisation BUND, Hartmut Weinrebe, überrascht der Pkw-Zuwachs in Karlsruhe nicht. „Eine Mobilitätswende haben wir in den vergangenen zehn Jahren nicht feststellen können.“ Das Beispiel Homeoffice – infolge von Corona – zeige, wie viel Zeit mit Autofahrten bislang vergeudet worden sei. Umweltschäden kämen hinzu.

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Weinrebe fordert eine deutliche Reduzierung des motorisierten Individualverkehrs – und nicht nur den Umstieg vom Verbrenner zum E-Auto. „Es reicht nicht, kosmetisch etwas zu machen.“ Nur durch eine Reduzierung ließen sich die verbindlichen Klimaziele Deutschlands erreichen. Weinrebe: „Wir brauchen eine neue Mobilitätskultur.“

Zum Pkw-Bestand in ganz Deutschland: Netto ist dieser laut Dudenhöffer im vergangenen Jahr um 620.000 auf 47,7 Millionen Stück gestiegen. Würde man diese zusätzlichen Fahrzeuge aneinander stellen, kämen 2.340 Kilometer zusammen. Mittlerweile gibt es auf 1.000 Einwohner 574 Autos. Auch hier der Vergleich: Im Jahr 2009 waren es noch 504 Pkw. „Insgesamt wurden 2019 rund 3,607 Millionen Autos neu auf die Straße gebracht“, führt Dudenhöffer weiter aus. Man muss bis ins Jahr 2009 – damals lockte bekanntlich die Abwrackprämie – zurückgehen, um eine größere Zahl an Neuzulassungen (3,8 Millionen) zu finden.

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Klar sei aber wegen der Corona-Pandemie, dass der Pkw-Bestand und die Pkw-Dichte in diesem Jahr deutlich langsamer ansteigen würden als in den Vorjahren. „Die Corona-Rezession macht vielen Autointeressierten einen Strich durch die Rechnung“, sagt Dudenhöffer.